Bertie Ahern verhandelte als irischer Premierminister im Friedensprozess für Nordirland das Karfreitagsabkommen von 1998 mit aus. Im Rahmen des Friedensabkommens für die zu Papua-Neuguinea gehörenden Pazifikinsel Bougainville wiederum war auch die Abhaltung eines Unabhängigkeitsreferendums vorgesehen. Um den korrekten Ablauf dieser Abstimmung nach internationalen Standards sicherzustellen, wurde Ahern mit der Organisation der Kommission für das Bougainville-Referendum (BRC) betraut.

98 Prozent der Bougainviller sprachen sich bei dem zweiwöchigen Referendum für die Souveränität aus. Der STANDARD sprach mit Ahern nach der Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses in der Provinzhauptstadt Buka über die weitere Entwicklung in Bougainville und die Bedeutung der Wahl in Großbritannien für den Frieden in Nordirland.

Bertie Ahern gab am Mittwoch in Buka die Ergebnisse des Referendums bekannt und bescheinigte in seiner Rolle als Vorsitzender der Kommission den korrekten Ablauf der Abstimmung.
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STANDARD: Wie ordnen Sie den Erfolg des Unabhängigkeitsreferendums in Bougainville ein?

Bertie Ahern: Nach allen Maßstäben einer Wahl war das Referendum eine wirklich erfolgreiche Abstimmung. Alleine schon wenn man die Zahl der Erstwähler betrachtet: 25 Prozent der Wähler waren junge Leute, die nie zuvor an einer Wahl teilgenommen haben. Das Referendum war eine wirklich gute demokratische Übung. Das nicht verbindliche Referendum war im Jahr 2001 den Bougainvillern im Friedensabkommen versprochen worden, nachdem 20.000 Menschen in dem Konflikt ihr Leben verloren hatten. Für sie war das eine Abstimmung für eine bessere Zukunft.

STANDARD: Kann Papua-Neuguinea das eindeutige Ergebnis des Referendums nun einfach ignorieren?

Ahern: Die Regierung von Papua-Neuguinea wird nicht zurückgehen und das Ergebnis des Referendums zurückweisen. Sie werden in Zusammenarbeit mit der autonomen Regierung Bougainvilles einen Plan erarbeiten, um die Menschen zu unterstützen und die Gelegenheit für einen Neuanfang zu nutzen. Schon morgen wird der Regierungschef Papua-Neuguineas, James Marape, nach Bougainville kommen und den Präsidenten John Momis und andere Politiker treffen, um den weiteren Prozess zu starten. Das zeigt, welche Bedeutung die Regierung dem Referendum beimisst.

Bertie Ahern verkündet das Ergebnis des Referendums.
AFP News Agency

STANDARD: Zuletzt wurde die Befürchtung geäußert, die für 2020 geplanten Wahlen könnten wegen der kommenden Verhandlungen mit Papua-Neuguinea verschoben werden.

Ahern: Diese Frage müssen sich die Verantwortlichen untereinander ausmachen und die Entscheidung dann gegenüber den Einwohnern erklären und vertreten.

STANDARD: Werden Sie den Friedensprozess weiterhin begleiten, oder ist Ihr Job mit dem Referendum erledigt?

Ahern: Meine Aufgabe war es, gemeinsam die Kommission für das Bougainville-Referendum aufzubauen. Wir werden den Job beenden und dann versuchen, aus der Distanz weiterhin hilfreich und unterstützend zur Verfügung zu stehen.

Bertie Ahern spricht in der Zentrale der Bougainville Referendum Commission in Buka mit dem STANDARD (und einigen anderen internationalen Medien).

STANDARD: In Irland wurde vor hundert Jahren gewaltsam für die Unabhängigkeit gekämpft. Ohne vorhergehende Gewalt hätte es auch dieses Referendum in Bougainville nicht gegeben. Ist Gewalt ein nötiges Mittel im Kampf um die Souveränität?

Ahern: Das ist eine gute Frage, aber ich bin immer auf der Seite des Friedens und bin der Ansicht, dass Gewalt die Dinge komplizierter macht. In Bougainville stand auch nicht die Frage der Unabhängigkeit am Beginn des Kampfes, es ging zunächst nur um das Thema der natürlichen Ressourcen der Panguna-Mine.

STANDARD: Kann das Referendum in Bougainville nun eine Kaskade des Separatismus in der Region in Gang setzen?

Ahern: Ich hoffe nicht. Meiner Ansicht nach ist es am besten, die Frage zu vermeiden. Unabhängigkeit ist nicht das Thema, es geht um die Möglichkeiten für die Menschen, um die Entwicklung, Bildung und Ressourcen.

STANDARD: In Großbritannien haben wir am Donnerstag Wahlen, die die direkte Folge eines Referendums sind, das gar nicht hätte stattfinden müssen.

Ahern: Ja, das ist richtig. Was immer auch in Großbritannien weiter passiert, können wir leider nicht beeinflussen. Ich bedaure es sehr, wenn die Briten die EU verlassen. Aber wir werden mit den Konsequenzen leben müssen, falls Boris Johnson heute die Wahlen gewinnt. Andernfalls gäbe es den Ausweg eines weiteren Referendums. Aber was auch immer geschieht, es wird nicht das Ende des Brexit-Themas sein. Die Beziehung der EU zu Großbritannien wird neu geordnet, und über diese Angelegenheit werden wir auch in einem Jahr weiterhin reden.

STANDARD: Sie sind einer der Väter des Karfreitagsabkommens. Fürchten Sie um den Frieden in Nordirland nach dem Brexit?

Ahern: Ich denke nicht. Ich bin glücklich genug mit der neuen Abmachung bezüglich Nordirland. Sie ist nicht perfekt, aber man muss das Beste daraus machen. Wenn sie entscheiden, dass sie die EU verlassen wollen, dann ist das so. Wir müssen zu einer Politik zurückkehren, die sich mit den normalen Fragen des Alltags befasst. (Michael Vosatka, 12.12.2019)