Der Präsident ließ einiges an Interpretationsspielraum offen. Eine "Göre" sei Greta Thunberg, hörten manche Jair Bolsonaro in Brasilien ätzen, während die junge schwedische Aktionistin bei der Weltklimakonferenz in Madrid weilte. Ein Regierungssprecher wollte den portugiesischen Ausdruck "pirralha" später mit "eine Person kleiner Statur" übersetzen.

Nicht nur rhetorisch ist Brasilien einer der großen Problembären der internationalen Klimapolitik. Seit der Rechtspopulist Bolsonaro an der Macht ist, brennt der Amazonas-Regenwald lichterloh. Sogar der Ausstieg des südamerikanischen Landes aus dem Pariser Klimaabkommen droht – ganz nach dem Vorbild des anderen großen Provokateurs, US-Präsident Donald Trump.

Gipfel-Geiselnahme

Realpolitisch sei davon im Fall Brasiliens allerdings noch nichts zu spüren, heißt es aus Verhandlerkreisen. Bis dato bleibt das Land neben den Pariser Klimazielen auch der UN-Klimarahmenkonvention und dem Kioto-Protokoll verpflichtet. Die Delegierten in Madrid würden sich "aktiv" in die Verhandlungen einbringen, formuliert es ein hochrangiger Konferenzteilnehmer diplomatisch. Andere, wie der brasilianische Senator Randolfe Rodrigues, sprechen lieber von einem "Hijacking" des Gipfels. Die Verhandlungstaktik von Umweltminister Ricardo Salles bezüglich einer Reaktivierung der eingefrorenen Amazonas-Fonds-Gelder funktioniere in etwa so: "Ich habe Wälder. Her mit dem Geld! Sonst fackle ich sie ab!" Bis vor kurzem wurden mit den Mitteln des Fonds Umweltschutz- und Wiederaufforstungsprojekte finanziert.

Bei Klimaschutz und Greta Thunberg sind sich US-Präsident Trump und Brasiliens Staatschef Bolsonaro einig: Brauchen sie nicht.
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Die "Geisel" ist ein Gebiet von rund drei Millionen Quadratkilometern Regenwald, in dessen Stämmen und Blättern laut Amazonas Environmental Rechearch Institute die CO2-Emissionen von rund zehn Jahren stecken. Gleichzeitig gelangen laut Wissenschaftern riesige Mengen des weltweiten Sauerstoffs unter Mithilfe des Amazonas-Waldes in die Atmosphäre.

Die brasilianische Regierung setzt diesen Schatz als Druckmittel ein. So scheint auch bei der 25. Klimakonferenz in Madrid keine Einigung im Bereich des Emissionshandels erzielt zu werden. Brasilien pocht weiter darauf, dass "alte" Zertifikate aus der Zeit des Kioto-Protokolls in den neuen Mechanismus des Pariser Klimaabkommens hinübergerettet werden sollen.

Bei manchen Teilnehmern und Teilnehmerinnen hat sich Ernüchterung breit gemacht.
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Bolsonaros Kritiker nutzen ihre Präsenz im brasilianischen Pavillon in Madrid, um auf Attacken auf die Demokratie und Zivilgesellschaft aufmerksam zu machen. Bei fast allen Veranstaltungen dabei: die frühere Umweltministerin Marina Silva, die gemeinsam mit anderen warnt: "Brasilien entwickelt sich in die Gegenrichtung zu dem, was wir als westliche Demokratie verstehen."

Ein Nein mit Aber

Nicht nur Brasilien befindet auf dem Gipfel in einer besonderen Position, auch die Vereinigten Staaten üben den Balanceakt. Immerhin hat Präsident Trump angekündigt, zum vertraglich ehestmöglichen Zeitpunkt aus dem Pariser Klimaabkommen austreten zu wollen. Da der offizielle Rückzug erst nach einem Jahr möglich ist – genau einen Tag nach der Präsidentschaftswahl –, sitzt die US-Delegation in Madrid nach wie vor an den Verhandlungstischen.

Andere wollen ihre müden Füße ausruhen.
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Dem Vernehmen nach dürften die Verhandler darauf hoffen, dass sich die USA früher oder später wieder dem Abkommen anschließen. Sollten die Demokraten den Wahlsieg für sich beanspruchen können, gilt das als durchaus wahrscheinlich. Die USA verfolgen offenbar die Strategie, eine Art Hintertür offen zu lassen und die Regeln des Pariser Vertragswerk so mitzuformen, dass man bei einem möglichen Wiedereinstieg möglichst nicht nachteilig aussteigt – so kommunizieren es zumindest zahlreiche Delegierte aus anderen Ländern.

Donald Trump selbst machte in der Vergangenheit keinen Hehl daraus, dass er nicht an den menschengemachten Klimawandel glaubt. Dass nicht alle diese Meinung teilen, betonte die Demokratin Nancy Pelosi in Madrid: "Mit unserer Teilnahme wollen wir klarstellen: Wir sind noch immer dabei." Dieser Satz – "We are still in" – weht auch durch die Messehallen beim Klimagipfel. Dahinter steht ein breites Bündnis an US-Einrichtungen, die an den Pariser Klimazielen festhalten wollen. Laut Homepage zählen zu den Unterstützern unter anderem zehn Bundesstaaten, 290 Städte und Gemeinden, 350 Universitäten und mehr als 2000 Unternehmen. Der Präsident zeigt sich davon unbeeindruckt. Thunberg, die vom Time-Magazin zur Person des Jahres gekürt wurde, empfiehlt er, sie solle mal "chillen".(13.12.2019)