Vestfold in Norwegen besitzt eine besondere Dichte an archäologischen Fundstellen aus der späten nordischen Eisen- und der Wikingerzeit und ist nicht umsonst als "Wikinger-Fylke" bekannt. Die spektakulären Schiffsgräber von Gokstad und Oseberg liegen hier, genauso wie das als königliche Grabstätte bezeichnete Borre mit seinen monumentalen Grabhügeln und mittlerweile drei Hallen, und auch das Frachtschiff Klåstad wurde in Vestfold, unweit der Hafenstadt Larvik im Viksfjord, gefunden. Man sieht also, Schiffe und Funeralbauten sind gut vertreten.

Das Oseberg-Schiff. Nur eines der archäologischen Schätze aus der Wikingerzeit in Vestfold.
Foto: Reuters

Wo sind die Siedlungen?

Was wir in Vestfold allerdings trotz intensiver Suche nicht wirklich finden, sind die Siedlungen. Wo haben die Menschen in der späten nordischen Eisen- und Wikingerzeit gewohnt, wie sahen Siedlungsmuster und Versorgungsstrukturen aus? Hier ist relativ wenig bekannt, die Datenlage ist dünn. Möglicherweise liegt das daran, dass die Spuren, zum Beispiel Pfostenlöcher und Abfallgruben, im Laufe der Zeit durch den in Vestfold sehr intensiv betriebenen Ackerbau weitgehend zerstört worden sind. Aufgrund von Staunässeböden wird oftmals tief gepflügt, das bedeutet einen massiven Eingriff in den Boden bis in eine Tiefe von 80 Zentimetern. Eine zweite Möglichkeit wäre, dass die Siedlungsmuster sich zwar bis heute erhalten haben, allerdings mit noch bestehenden Höfen übereinstimmen und damit von jüngeren Gebäuden überbaut wurden; man muss auch bedenken, dass die unmittelbare Umgebung von Höfen oft nicht von denkmalschützerischen Aktivitäten betroffen ist – anders als etwa Areale für den Infrastrukturausbau – und potenzielle Fundstellen dadurch unentdeckt bleiben.

Lage von Kaupang in Tjølling.
Foto: Wikimedia/Nortonius/CC 3.0/https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Skiringssal_map.jpg

Norwegens erste Stadt?

Allerdings gibt es in Vestfold eine Fundstelle, die etwas Licht in die Angelegenheit bringt: Kaupang i Skiringssal. Das altnordische Wort Kaupangr bedeutet Marktplatz und hat sich bis heute in Ortsnamen quer durch Norwegen erhalten. Skiringssal (altnordisch: Skíringssalr) wiederum wird in verschiedenen nordischen Sagas als wichtiger Handelsplatz und als Herrschaftssitz erwähnt, ähnlich Hedeby und Birka, wenn auch um einiges kleiner. Es kommt also nicht überraschend, wenn Altertumsforscher bereits im frühen 19. Jahrhundert nach Skiringssal suchten. Basierend auf verschiedenen schriftlichen Quellen richtete man den Fokus schließlich auf das heutige Tjølling und den nahegelegenen Ort Kaupang, etwa drei Kilometer von der Hafenstadt Larvik entfernt am Viksfjord gelegen, das abgesehen von seinem aufschlussreichen Namen auch mehrere ausgedehnte Grabhügelfelder beherbergt.

Die Ausgrabungen der Kulturschicht in Kaupang zwischen 2000 und 2002 brachten an die 100.000 Fundstücke zutage.
Foto: VFK

Über 100.000 Fundstücke

Einige dieser Grabhügel wurden 1867 von Nicolay Nicolaysen, der später auch das Gokstad- und das Oseberg-Schiffsgrab untersuchen sollte, ausgegraben. Die ersten modernen Ausgrabungen begannen 1974, durchgeführt von der Archäologin Charlotte Blindheim. Unter der Führung von Dagfinn Skre beschäftigte sich zwischen 2000 und 2002 und in 2003 das Institute for Archaeology, Conservation and Historical Studies der Universität Olso mit Kaupang. Im Zuge dieser Untersuchungen wurden insgesamt vier Häuser ausgegraben und eine ganze Reihe archäologischer Siedlungsstrukturen, unter anderem Pfostenlöcher, Gruben und Feuerstellen, dokumentiert. Die Analyse der über 100.000 Artefakte, die die Archäologen freilegen konnten, dauerte Jahre. Arabische Silbermünzen, eine Goldmünze aus Dorestad, hunderte Glasperlen, Gold- und Bronzeschmuck, Waffen und Werkzeuge zeugen von weitreichenden Handelskontakten und stützen die Interpretation von Kaupang als proto-urbaner Handelsplatz, der zwischen 800 und 1.000 vor Christus genutzt wurde und auf seinem Höhepunkt im 9. Jahrhundert Schätzungen zufolge 400 bis 1.000 Menschen beherbergt hat.

Unter den Fundstücken aus Kaupang befanden sich Hacksilber, Münzen und Gewichte.
Foto: VFK

Trotz dieser ermutigenden Ergebnisse bleiben viele Fragen offen. Gehörte Kaupang wirklich zum in den Sagas erwähnten Skiringssal? Kann man es tatsächlich als "Norwegens erste Stadt" bezeichnen, wie es einige Forscher tun, oder klingt das einfach besser als proto-urbaner Handelsplatz? Und was ist mit dem Hinterland? Woher kamen Nahrungsmittel und Rohmaterialien beziehungsweise Handelswaren? Nicht alles wurde vor Ort angefertigt.

Großflächige Georadarprospektionen wurden auch in Kaupang eingesetzt.
Foto: VFK

Methodenkombination

Diese und ähnliche Fragen werden uns noch eine Weile beschäftigen. Der Einsatz von großflächigen Prospektionsmethoden wie Georadar und Magnetik durch die Fylkeskommune Vestfold, das Norwegian Institute for Cultural Heritage Research und das Ludwig-Boltzmann-Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie hat in den letzten Jahren mit der Entdeckung des Handelsplatzes Heimdaljordet nahe dem Gokstad-Schiffsgrab bereits gezeigt, dass wir imstande sind, Siedlungsstrukturen aufzuspüren. Eine Kombination dieser neuen Methoden sowie archäologischer und linguistischer Expertise scheint ein guter Weg, diesem Rätsel weiter nachzuspüren. (Petra Schneidhofer, 20.12.2019)