Paavo Järvi ist Chefdirigent dreier Orchester und dirigiert nebenbei noch "fremd". Diese Woche ist er wieder einmal in Wien zu erleben.

Foto: Joerg Fokuhl / laif / picturedesk.com

Paavo Järvi gastiert in dieser Saison mit seinen drei Orchestern im Konzerthaus, zuletzt war er mit der Kammerphilharmonie Bremen und Brahms und Haydn in Wien zu Gast. Schon bei der Probe im Großen Saal erfreute das feingliedrige und zugleich feurige Musizieren nach wenigen Sekunden. Als "Enthusiasten" bezeichnete Järvi die Bremer danach. Enthusiastisch wirkt der Este auch im Gespräch, dynamisch, witzig und gedankenvoll. Am Donnerstag gibt er mit dem Tonhalle-Orchester Zürich Tschaikowsky.

STANDARD: Sie haben mit der Kammerphilharmonie Bremen alle Brahms-Symphonien aufgenommen und in einem Interview dazu gesagt, dass Brahms sehr schwer zu dirigieren sei. Warum?

Järvi: Weil jeder Musiker in jedem Orchester genau zu wissen meint, wie man Brahms zu spielen hat. Da gibt es nur Routine und Klischees. Dabei muss man sich Brahms jedes Mal erarbeiten!

STANDARD: Mit dem Tonhalle-Orchester arbeiten Sie gerade an einem Tschaikowsky-Zyklus. Gibt es da dieselben Probleme?

Järvi: Ja! Seine vierte, fünfte und sechste Symphonie meint jeder genau zu kennen. Alles passiert automatisch. Dann meint man, Tschaikowsky immer irgendwie "russisch" spielen zu müssen. Warum? Und was hat das zu bedeuten? Tschaikowskys Musik ist sehr elegant, sie ist europäisch, sie ist französisch. Sie erzählt von seinen inneren Konflikten: davon, schwul zu sein und darunter zu leiden. Das wird in den russischen Interpretationen komplett ausgeblendet. Da ist seine Musik entweder sehr heroisch oder sehr romantisch, es gibt kaum Zwischentöne. Die russische Interpretation geht auf Jewgeni Mrawinski zurück, der war zwar ein fantastischer Dirigent, aber auch ein Kind seiner Zeit – und zwar einer Zeit, in der Millionen Menschen in die Gulags geschickt wurden. Sein Tschaikowsky klingt wie Schostakowitsch.

STANDARD: Sie sind seit einigen Monaten Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich und haben angekündigt, es zu einem der fünf besten Orchester der Welt zu machen.

Järvi: Das sind sie schon. Das Ensemble, der Sound, der Swing, die Finesse, das Verständnis auch von historisch informiertem Musizieren, das sie von David Zinman gelernt haben – das ist herausragend.

STANDARD: Seit 2015 leiten Sie auch das NHK Symphony Orchestra in Tokio. In einem Interview haben Sie gemeint, dass für Sie die Zukunft der Klassik in Asien liegt. Warum? Weil es dort so viele extrem gut ausgebildete Musiker gibt? Weil der Markt so groß ist?

Järvi: Nein. Es hat mit Respekt zu tun. Hier in Europa nimmt man sich aufgrund der Geschichte zu wichtig. Man meint, deswegen ein ewiges Anrecht darauf zu haben, wie man ein Werk zu interpretieren hat, quasi die Deutungshoheit. Konzerte gleichen hier steifen Zeremonien. In Asien gibt es das nicht. Dort liebt man Klassik in geradezu fanatischer Weise, die Konzertbesucher sind enthusiastisch, sie sind aufgeregt!

STANDARD: Sie haben vor kurzem mit dem Tonhalle-Orchester eine Messiaen-CD aufgenommen. Messiaens größte Inspirationsquellen waren die Natur und sein religiöser Glauben. Was sind, neben der Musik, Ihre Inspirationsquellen?

Järvi: Das Leben, die Gesellschaft. Wenn ich jemanden wie Greta Thunberg sehe, macht mir das Hoffnung. Wenn ich jemanden wie Donald Trump sehe, fühle ich mich bedrückt und beschämt. Es ist alles auf eine gewisse Weise interessant und beeinflussend.

STANDARD: Sie sind im deutschsprachigen Raum sehr aktiv, hatten und haben Leitungsfunktionen bei Orchestern in Frankfurt, Bremen und Zürich inne. Wien haben Sie hingegen etwas vernachlässigt. Warum?

Järvi: Ich habe die Wiener Symphoniker mehrmals dirigiert, und mit meinen Orchestern bin ich fast jedes Jahr hier zu Gast. Die Wiener Philharmoniker habe ich das letzte Mal mit einem Mozart-Programm dirigiert, die Konzerte fanden kurz nach dem Neujahrskonzert statt. Der Zeitpunkt war vielleicht nicht so optimal.

STANDARD: Sie sind in Estland aufgewachsen, leben aber schon lange in den USA. Wenn Sie an Estland denken, was vermissen Sie?

Järvi: Ich habe in Pärnu ein Festival im Juli. Das ist meine Plattform, um dem Land etwas zurückzugeben. Ich gebe Dirigierunterricht, und ich habe eine Stiftung, die Instrumente für Studenten kauft und Stipendien für Auslandsstudienaufenthalte vergibt – auch in Wien. Es fällt mir auf, dass ich mit zunehmendem Alter wieder mehr zum Esten werde. Mein Bruder ist nach Estland gezogen, meint Vater Neeme wohnt auch da.

STANDARD: Ihr jüngerer Bruder Kristjan war hier vor einigen Jahren Chef des Tonkünstler -Orchesters Niederösterreich. Wie geht es ihm? Was macht er jetzt?

Järvi: Kristjan war Chefdirigent des MDR-Orchesters, und mit dem Baltic Sea Philharmonic hat er sich seine Oase geschaffen, in der Freunde und Enthusiasten zusammenarbeiten. Wir sind alle viel zu konservativ. Kristjan wagt viel mehr: Er ist kreativ, er mischt Pop und Klassik, baut visuelle Dinge in die Konzerte mit ein … Aber er misst diesem Hamsterrad der Klassikbranche wenig Bedeutung bei. Beruflicher Erfolg, Karriere: Ist das wirklich das Wichtigste? Vor einem Monat ist sein fünftes Kind zur Welt gekommen. Das sind die Dinge, die zählen. (Stefan Ender, 13.1.2020)