Greenwashing in Unternehmensberichten ist weit verbreitet, kritisieren Experten für Bilanzierungsfragen.


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Wien – Bis 2030 will Siemens klimaneutral sein und mit seinen Technologien dazu beitragen, dass auch Partnerunternehmen weltweit energieeffizient werden. Der Klimawandel sei schließlich eine der größten Herausforderungen der Menschheit.

Wer den jüngsten Nachhaltigkeitsbericht des Siemens-Konzerns liest, kann angesichts solcher Passagen den Eindruck gewinnen, da präsentiert sich nicht ein deutsches Industrieunternehmen, sondern ein Ökobetrieb.

Von dem Projekt, das Siemens aktuell zum Ziel einer globalen Protestkampagne macht, steht indes kein Wort in dem Nachhaltigkeitsbericht. Siemens will der indischen Adani Group Signaltechnik für eine Bahnstrecke liefern, auf der Kohle aus der australischen Carmichael-Mine über hunderte Kilometer zu einem Hafen transportiert werden soll. Adani will die Kohle nach Indien verschiffen, um dort Kraftwerke zu befeuern. Der Auftrag bringt Siemens 18 Millionen Euro und erzürnt Klimaaktivisten.

Siemens will Verträge einhalten

Kohlekraftwerke zählen zu den größten Dreckschleudern des Planeten, nirgendwo sonst wird so geballt CO2 emittiert. Vor dem Hintergrund der anhaltenden australischen Buschfeuer haben Aktivisten von Fridays for Future Siemens aufgefordert, aus dem Geschäft auszusteigen. Siemens-Chef Joe Kaeser lehnte mit dem Verweis ab, dass Verträge einzuhalten seien.

Die Causa hat eine Debatte über Greenwashing ausgelöst, also über Versuche von Unternehmen, sich als ökologischer darzustellen, als sie tatsächlich sind. Fridays for Future kritisierte, dass das Festhalten am Auftrag alle Bemühungen von Siemens, zukunftsgerichtet wirken zu wollen, "vollständig zunichtemacht".

Schon gehört? Nora Laufer erklärt im Podcast, was die Kohle-Gier Australiens mit den aktuellen Buschbränden zu tun hat.

VW war Musterschüler

Dass zwischen Realität und der schönen Welt von Nachhaltigkeitsberichten ein Unterschied besteht und diese Kluft zum PR-Desaster für Unternehmen mutieren kann, ist kein neues Phänomen. VW zum Beispiel stand noch im Herbst 2015 an der Spitze des Dow Jones Sustainability Index. Dieses Barometer bildet die Aktienkursentwicklung von Unternehmen ab, die sich in ihrer Branche federführend um die Einhaltung ökologischer und sozialer Kriterien bemühen. Dann stellte sich heraus, dass VW Abgaswerte systematisch manipuliert hatte.

Wie vertrauenswürdig sind also Unternehmensangaben über den eigenen ökologischen Fußabdruck? In den vergangenen Jahren hat es international viele Transparenzinitiativen gegeben. Laut einer Studie der Ökonomen Thomas Lyon und Wren Montgomery publizieren drei Viertel der weltweit größten börsennotierten Unternehmen Nachhaltigkeitsberichte. Seit 2017 ist es in der EU verpflichtend, dass große Kapitalgesellschaften, die mehr als 500 Arbeitnehmer beschäftigen, auch umfangreiche nichtfinanzielle Geschäftsberichte vorlegen. Darin müssen sie unter anderem darlegen, wie sich die eigene Tätigkeit auf die Umwelt auswirkt.

"Greenwashing weitverbreitet"

Im vergangenen Jahr erregte Hans Hoogervorst, Chef eines Gremiums, das die globalen Bilanzierungsregeln (IFRS) erstellt, bei einem Vortrag in Cambridge Aufmerksamkeit. Er sagte, dass die Transparenzflut wenig bewirke. Niemand dürfe sich erwarten, dass Konzerne "den Schutz des Planeten deshalb wichtiger nehmen als Profite", so Hoogervorst. "Greenwashing in Geschäftsberichten ist weitverbreitet."

Aber lässt sich diese Aussage auch wissenschaftlich belegen? Der Ökonom Paolo Perego von der Universität Bozen hat das Thema in vielen Studien untersucht. Perego sagt, dass die Entwicklung in einem Frühstadium steckt. Die meisten Unternehmen entscheiden weiter selbst, was sie wie berichten. Oft sind die methodischen Ansätze völlig unterschiedlich, auch innerhalb einzelner Branchen. Daher lasse sich gar nicht feststellen, ob eine geplante Reduktion von Emissionen ambitioniert sei oder nicht.

Überprüfbarkeit fehlt

Hinzu komme, dass Informationen kaum auf Richtigkeit überprüft werden können. Im Wesentlichen beruhten alle Zahlen und Daten zu ökologischen Aspekten in Unternehmensberichten auf eigenen Schätzungen. Ein externes Controlling gebe es nicht. Und sogar dort, wo sich Unternehmen ein Zertifikat ausstellen lassen, seien es von ihnen beauftragte und bezahlte Prüfer, die einen grünen Stempel gegeben.

Was sich wissenschaftlich prüfen lässt: dass Unternehmen unterschiedlich mit Transparenz umgehen. Vor kurzem veröffentlichte Ökonom Perego eine Studie über Informationen in 140 Geschäftsberichten. Die Berichte haben stark variiert – je nachdem, wie gut oder schlecht es dem jeweiligen Unternehmen ging.

Vernebelung?

Konzerne, die finanziell gut unterwegs sind, veröffentlichten detailliertere Informationen. Firmen mit Problemen gaben nur lückenhafte Darstellungen – in Peregos Studie ist von Vernebelungsstrategien die Rede. Conclusio: Wenn es Firmen passt, kommunizieren sie Umweltthemen offen, das kann sich aber rasch ändern.

Ein interessanter Vorschlag in diesem Zusammenhang kam von Siemens-Chef Kaeser. Er bot der bekannten deutschen Klimaaktivistin Luisa Neubauer von Fridays for Future als Folge des Streits um das Australien-Projekt einen Job im Aufsichtsrat der Siemens-Energiesparte an – was sie ablehnte. In deutschen Medien wurde die Aktion als gescheiterter Versuch einer Umarmung aus PR-Gründen gewertet.

Feigenblatt im Aufsichtsrat?

Katharina Rogenhofer, Sprecherin des Klimavolksbegehrens in Österreich, bezeichnet die Ablehnung ihrer Kollegin als richtig. Eine Klimaaktivistin in den Aufsichtsrat zu holen sei ein reines Feigenblatt, wenn das Unternehmen nicht bereit sei, an der Gesamtstrategie etwas zu ändern. Nicht ganz so negativ sieht es Harald Katzmair. Er forscht beim Wiener Institut FAS-Research zu Netzwerken in Aufsichtsräten. In den Aufsichtsgremien sitze in Österreich eine sehr homogene Gruppe, sagt Katzmair, fast nur Juristen und Betriebswirte. Menschen mit Umweltexpertise reinzuholen werde notwendig sein. (András Szigetvari, 14.1.2020)