"No Music On A Dead Planet" – Billie Eilish hat die Dringlichkeit der Klimakrise erkannt. Als Popmusikerin ist sie allerdings selbst Teil des Problems.

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Früher hat das Bono erledigt. Herrscht irgendwo Hunger? Bono singt die Teller voll. Ein bewaffneter Konflikt, wie man Kriege heute kuschelig nennt: Bono singt den Frieden herbei. Sonst irgendein Problem? Einfach U2 anrufen. Doch seit die Klimakrise zumindest in der aufgeklärten Welt als existenzielles Problem erkannt wurde, tut sich die schnelle irische Eingreiftruppe schwer. Und nicht nur sie.

Popmusiker gelten seit ihrer politischen Positionierung an der Seite der US-Bürgerrechtsbewegung als so etwas wie das Gewissen der Welt. Mit aller Unschärfe, die diese Behauptung mit sich bringt, wenn man, sagen wir, an den Tunichtgut GG Allin denkt. Aber von der US-Bürgerrechtsbewegung, der Anti-Vietnamkrieg-Gesinnung, später der Friedensbewegung bis hin zu riesigen Benefizveranstaltungen wie dem auf zwei Kontinenten ausgetragenen Live Aid oder Farm Aid gilt Pop vielen als eine Art moralisches Korrektiv. Schließlich, so scheint es, stehen seine Vertreterinnen und Vertreter, wenn es darauf ankommt, auf der richtigen Seite.

Nicht in der Klimakrise. Hier ist die Popmusik mit ihren Ritualen und Vertriebswegen nicht Teil der Lösung, sondern des Problems. Was hilft es, wenn man ergriffen gegen eine Sache ansingt, wenn man auf dem Weg dorthin ein paar Tonnen jenes Problemstoffs in die Welt bläst, den es zu vermeiden gilt? Da zwickt die Mühle.

Das Problem ansprechen

Bisher scheint die Rolle des Pop die zu sein, die Krise zu thematisieren. Das US-Duo Sparks veröffentlichte Ende des Vorjahres die Bekehrungsballade Please Don’t Fuck up My World. Der erste Song des aktuellen Albums der britischen Band The 1975 ist eine musikalisch untermauerte Rede von Greta Thunberg.

Die Sparks: Please Don't Fuck Up My World.
SPARKS

Die Band verzichtet künftig auf die Plastikverpackung ihrer Produkte und 180 Gramm schwere LPs. Ein Tropfen auf der heißen Erde, aber irgendwo muss man ja anfangen. Der Sänger von R.E.M., Michael Stipe, veröffentlichte aus der Rente einen Song, dessen Erlös an die Klimaaktivisten von Extinction Rebellion geht. Lana Del Rey singt über kalifornische Feuer, und die Kanadierin Claire Elise Boucher alias Grimes wird im Februar mit Miss Anthropocene ein ganzes Album zum Thema veröffentlichen.

"No Music On A Dead Planet"

Und dann ist da Billie Eilish. Der 18-jährige US-Superstar thematisiert auch die eigenen Ängste und positioniert sich: Bei den American Musik Awards trug Eilish ein T-Shirt mit der Aufschrift "No Music On A Dead Planet", und in einem Interview mit der L.A. Times sagte sie: "Wir werden aussterben, wenn wir uns nicht ändern." Über ihr soziales Netzwerk erreichten solche Aussagen Abermillionen junge Menschen. Doch auch Eilish ist Teil des Problems.

Die Streamingdienste, über die sie den Großteil ihrer Musik verbreitet, sind selbst ein großer CO2-Erzeuger, und sich auf Netflix oder Amazon Prime eine Doku über den Klimawandel anzuschauen ist das "fucking for virginity" unserer Zeit geworden.

Immenser Energieverbrauch – jeden Abend

Hinzu kommen die Tourneen. Keine Tour ohne Kleinlastwagen, Nightliner-Bus oder Flugzeug – plus der Energieverbrauch großer Konzerte. Die US-Band Metallica – als ein Beispiel – verbrauchte 2017 bei einem Stadionkonzert in zwei Stunden so viel Energie wie eine 1800-Seelen-Gemeinde in einem Monat. Man darf sich das selber hochrechnen.

Nicht eingerechnet sind Städteflüge oder der Fußabdruck, den so eine Band mit ihrem Merchandise hinterlässt. Die Herstellung eines einzigen T-Shirts benötigt je nach Machart und Farbgebung zwischen 2500 und 15.000 Liter Wasser. Dass Bands im Streaming-Zeitalter auf diese Einnahmequelle verzichten, ist nicht überliefert. Dennoch gibt es jemanden, der darüber nachdenkt.

Aufs Touren verzichten

Als die britische Band Coldplay Ende November letzten Jahres ihr Album Everyday Life veröffentlichte, gab sie kurz darauf bekannt, dass sie das neue Werk auf keiner neuen Tournee vorstellen wolle. Als Grund nannte Sänger Chris Martin die negativen Auswirkungen einer Tour auf die Umwelt. Das ist neu. Aber Martin ging noch weiter. Die Band will so lange nicht touren, solange sie kein nachhaltiges Modell erarbeitet hat. Die Band will noch ein weiteres Problem lösen: den enormen CO2-Ausstoß der zu ihren Konzerten anreisenden Fans. Dazu Müllvermeidung, der erwähnte Energieaufwand und die erwähnte Merchandise-Problematik.

Die Band denkt darüber nach, ihren Fans öffentliche und subventionierte Verkehrsmittel anzubieten, möglicherweise in Zusammenhang mit günstigeren Tickets. Und sie will Plastik zur Gänze aus den Stadien verbannen. Es gehe darum, das Wohlergehen des Planeten über alles andere zu stellen, sagte Martin. Coldplay will in Zusammenarbeit mit Umweltschutzorganisationen Lösungen erarbeiten, die das Verhältnis von Geben zu Nehmen für Bands in Richtung Geben verschiebt. Dafür will die Band in neue Technologie investieren. Das kann sich leisten, wer, wie Coldplay, mit der letzten Welttournee eine halbe Milliarde Dollar verdient hat.

Bäume statt Zelte für den Müll

Auch die Veranstalter sind gefordert. Ewald Tatar von Barracuda Music, Veranstalter von Festivals wie Nova Rock oder Frequency, kennt das Müllproblem. Hunderte Zelte werden jährlich auf den Arealen zurückgelassen. Um das zu vermeiden, pflanzt Barracuda für jedes wieder mitgenommene Zelt einen Baum. Einer von vielen kleinen Schritten, die versuchen, das Bewusstsein der Kundschaft zu schärfen. Nicht ganz einfach, nach drei Tagen Ausnahmezustand. Aber wie Eilish gesagt hat: "Wenn wir uns nicht ändern, werden wir aussterben." (Karl Fluch, 17.1.2020)