Deutsche Sprache, schwere Sprache? Aus sprachdidaktischer Sicht nicht.

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Aus sprachdidaktischer Sicht sei Deutsch keine schwere Sprache, sagt Hannes Schweiger von der Uni Wien. Lehrkräfte müssen aber den Schülern unterschiedliche Lernzugänge eröffnen.

STANDARD: Es gibt die Redewendung "Deutsche Sprache, schwere Sprache" – ist da etwas Wahres dran?

Hannes Schweiger vom Institut für Germanistik an der Uni Wien über Deutsch als Fremdsprache.
Maria Blum

Schweiger: Es gibt immer wieder Texte, die sich damit beschäftigen, wie schwierig die deutsche Sprache ist – das reicht von Mark Twain bis in die Gegenwart –, und es gibt auch ganz amüsante Texte dazu, wie man die deutsche Sprache verändern könnte, damit sie leichter wird. Abbas Khidder beispielsweise hat letztes Jahr das Buch Deutsch für alle – das endgültige Lehrbuch veröffentlicht. Darin schreibt er einerseits über seine Erfahrungen beim Deutsch-als-Fremdsprache-Lernen, und andererseits macht er sich Gedanken, wie man die Sprache vereinfachen könnte. Im Buch nennt er das ein wohltemperiertes Deutsch. Aus sprachdidaktischer Sicht kann ich nicht sagen, dass Deutsch eine besonders schwere Sprache ist. Denn das Erlernen einer Sprache hängt prinzipiell von vielen Faktoren ab – den Lernvoraussetzungen, wie viel Erfahrung jemand im Sprachenlernen hat und unter welchen Bedingungen eine Sprache erlernt wurde.

STANDARD: Wie sehr hilft da sprachliche Begabung?

Schweiger: Wenn man schon einen Zugang zum Sprachenlernen hat, ein gewisses Bewusstsein, was man mit Sprache machen kann, dann hilft das natürlich. Aber ich würde nicht sagen, dass es etwas ist, das man hat oder nicht hat. Man kann ja – und das ist ja auch unsere Aufgabe im Bereich Sprachdidaktik, Deutsch als Fremdsprache oder als Zweitsprache – Wege suchen, um das Sprache-Lernen zu erleichtern. Bin ich jemand, der Bewegung dazu braucht, brauche ich visuelle Unterstützung oder lerne ich eine Sprache vor allem übers Hören? Aus didaktischer Sicht geht es darum, den Unterricht so zu gestalten, dass möglichst unterschiedliche Zugänge für die Lernenden eröffnet werden.

STANDARD: Was sind die größten Herausforderungen beim Deutschlernen?

Schweiger: Wichtig ist es, die unterschiedlichen Kontexte, in denen Deutsch gelernt wird, zu betrachten. Deshalb gibt es auch die Unterscheidung zwischen Deutsch als Fremdsprache (DaF) und Deutsch als Zweitsprache (DaZ). Bin ich in Österreich, um hier dauerhaft zu leben, oder lerne ich Deutsch als Fremdsprache, und mein Lebensmittelpunkt ist in einem anderssprachigen Land? Deutschlernen als Zweitsprache steht immer mehr in Verbindung mit Tests, die dann Voraussetzung für bestimmte Leistungen sind. Das setzt Menschen zusätzlich unter Druck. Und Druck ist keine gute Lernvoraussetzung.

STANDARD: Andere Kulturen haben andere Lernmethoden. Wie stark können diese im Unterricht berücksichtigt werden?

Schweiger: Ich würde weniger von kulturellen Unterschieden als vielmehr von Unterschieden in den Lerntraditionen sprechen: Wie war die Schule organisiert, wie wurde gelernt, welche Lernerfahrungen haben Menschen, die nach Österreich kommen? Denn es macht einen Unterschied, ob jemand eine Sprache gelernt hat und die Lehrkraft nur vorne gestanden ist und vorgetragen hat, oder ob jemand handlungsorientierter und interaktiver gelernt hat. Lerntraditionen spielen eine wichtige Rolle, und darauf auch ganz bewusst im Unterricht Bezug zu nehmen ist aus sprachdidaktischer Sicht wichtig.

STANDARD: ... aber schwierig?

Schweiger: In der Ausbildung für Lehrer ist es ganz wichtig, unterschiedliche Lerntraditionen kennenzulernen, um dann im Unterricht eine bewusste Auseinandersetzung damit zu ermöglichen.

STANDARD: Inwiefern hat sich der Deutschunterricht durch die Mehrsprachigkeit verändert?

Schweiger: Die sprachliche Heterogenität, die man im Klassenzimmer vorfindet, ist eine Gegebenheit, mit der man als Lehrkraft umgehen lernen muss. Deshalb ist in der Ausbildung idealerweise für alle Lehramtsstudierenden die Auseinandersetzung mit Fragen der Mehrsprachigkeit in der Schule wichtig. Und da gibt es in Österreich noch Luft nach oben. Die Themenkomplexe sprachliche Bildung, Mehrsprachigkeit machen nur einen sehr geringen Anteil der Ausbildung aus.

STANDARD: Kann der Sprachunterricht einen Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit leisten?

Schweiger: Im Sinne der Selbstermächtigung kann er unterstützen, die sprachliche Handlungsfähigkeit auszubauen. Man muss sich die Frage der Chancengerechtigkeit aber auf vielen Ebenen anschauen: Das beginnt beim unterschiedlichen Prestige von Sprachen. Wir haben einen etablierten Sprachenkanon, der gelehrt wird. Die großen Migrationssprachen wie Türkisch können aber noch immer nicht als Fremdsprache an der Schule gelernt werden. Darüber hinaus brauchen wir mehr Ressourcen. Gerade für Schulen mit vielen Schülerinnen und Schülern, die im Deutschen Förderbedarf haben. Und wir brauchen mehr Schulautonomie in der Gestaltung der Deutschförderung. Insgesamt brauchen wir sprachenfreundliche Schulen, in denen Mehrsprachigkeit selbstverständlich ist. (Gudrun Ostermann, 3.2.2020)