Am Flughafen Wien wird nun Temperatur gemessen.
DER STANDARD/APA

Schwechat – Der Air-China-Flug CA841 aus Peking wurde am Donnerstag am Flughafen Wien-Schwechat mit besonderer Spannung erwartet. Seine Passagiere waren die ersten, die sich Temperaturchecks unterziehen mussten, bevor sie die Maschine verließen. Das Flugzeug hätte um 6.05 Uhr in Schwechat landen sollen, hatte aber mehr als sechs Stunden Verspätung.

Man habe bei keinem der Passagiere Fieber festgestellt, und die rund 130 Fluggäste und 15 Crew-Mitglieder seien sehr diszipliniert gewesen, berichtete die niederösterreichische Landessanitätsdirektorin Irmgard Lechner nach Abschluss der Temperaturchecks am frühen Donnerstagnachmittag dem STANDARD. Der nächste Direktflug aus China wird Samstagfrüh in Wien erwartet.

Bei den Temperaturmessungen, die nun standardmäßig bei allen Direktflügen aus China erfolgen, kontrollieren Rot-Kreuz-Mitarbeiter mittels Infrarotthermometer noch im Flugzeug die Körpertemperatur der Fluggäste. Die Sanitäter tragen dabei Schutzanzüge, Handschuhe, Schutzmasken und -brillen.

Rund 400 Passagiere betroffen

Die Maßnahme in Wien betrifft nach Angaben des Flughafens drei Air-China-Flüge aus Peking pro Woche beziehungsweise etwa 400 Fluggäste. Insgesamt sind am Flughafen zirka 250.000 Passagiere pro Woche unterwegs.

Kommt es bei künftigen Temperaturmessungen zu Auffälligkeiten, entscheidet eine Amtsärztin, ob ein Verdacht auf das Coronavirus vorliegt. Ist dem so, werden Betroffene in Krankenhäusern in Mödling und St. Pölten weiter untersucht, sagte die niederösterreichische Gesundheitslandesrätin Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ) am Donnerstag bei einer Pressekonferenz anlässlich der Temperaturkontrollen. Man wolle so "das Sicherheitsgefühl der Menschen" wahren.

Passagiere von Direktflügen aus China werden in Wien-Schwechat ab Donnerstag Temperaturchecks unterzogen (Symbolfoto).
Foto: EPA / GIUSEPPE LAMI

Separate Patientenversorgung

Personen, die als Verdachtsfall eingestuft werden, werden in ein direkt vor der Maschine wartendes Rettungsauto und ins Spital gebracht, erläuterte Landessanitätsdirektorin Lechner am Rande der Pressekonferenz Donnerstagvormittag dem STANDARD. Da alle Fluggäste der Air-China-Maschinen schon an Bord Gesundheitsfragebögen ausfüllen müssen, wisse man im Verdachtsfall auch, wer neben der Person gesessen ist, und könne diese Menschen ebenfalls kontaktieren, sollte das Virus nachgewiesen werden. Ein Rachen-Abstrich beziehungsweise eine Blutprobe werde dann an die Med-Uni Wien oder die Ages zur Testung geschickt, binnen Stunden liege ein Ergebnis vor.

Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Anschober (Grüne) und Innenminister Nehammer (ÖVP) am Flughafen Wien.
ORF

Nehammer: Kontrollen notfalls mit Zwang

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) war bei der Pressekonferenz am Flughafen darum bemüht, keine Ängste zu schüren. In Österreich gebe es bisher "keinen einzigen Erkrankungsfall", betonte er, und es gebe "keinen Grund zur Panik". Für drei konkrete Verdachtsfälle in Niederösterreich, die am Vormittag noch untersucht wurden, kam am Nachmittag die Entwarnung. Auch die bisherigen 74 Testungen seien negativ verlaufen.

Zur Kritik, dass die Sinnhaftigkeit von Temperaturchecks unter Experten höchst umstritten ist, sagte Anschober, es gebe "keine hunderprozentige Sicherheit", aber dies sei "der nächste Schritt in der Sicherheitskette". Temperaturtests gebe es zum Beispiel auch in Frankreich und Großbritannien.

Die Lage in Österreich ist derzeit stabil, betonte auch Innenminister Karl Nehammer (ÖVP). Die Kontrollen der Gesundheitsbehörden am Flughafen erfolgen in Zusammenarbeit mit der Polizei, "notfalls auch mit Zwangsmaßnahmen", kündigte Nehammer an.

Negative Folgen für Lieferketten befürchtet

Sollte China das Coronavirus nicht bald in den Griff bekommen, könnte das längerfristig Auswirkungen auf die internationalen Lieferketten haben, sagte Martin Glatz, Handelsdelegierter der österreichischen Wirtschaftskammer in China, im Ö1-"Morgenjournal". Das würde auch Österreichs Firmen betreffen, denn im Vergleich zum Ausbruch des Sars-Virus im Jahr 2003 sei das Importvolumen aus China nach Österreich heute viermal so groß und die Exporte von Österreich nach China dreimal so groß.

Zudem liefere die Volksrepublik heute nicht mehr nur Konsumgüter wie etwa Turnschuhe, sondern "hochwertige Komponenten, die im Fertigungsprozess weltweit eine große Rolle spielen", sagte Glatz. Bei österreichischen Unternehmen spüre man Unsicherheit.

73 Todesfälle an einem Tag

In China, wo das neuartige Coronavirus Ende 2019 in der Millionenstadt Wuhan ausgebrochen ist, ist die Zahl der Todesopfer und Neuinfektionen sprunghaft angestiegen. Innerhalb eines Tages waren 73 neue Todesfälle zu beklagen, wie die Gesundheitskommission in Peking berichtete. Damit stieg die Zahl der Toten auf 563. Das ist ein Anstieg von 14 Prozent gegenüber dem Vortag. Die Zahl der bestätigten Infektionen kletterte auf 28.018 – das ist ein Anstieg von 15 Prozent zum Vortag. Beide Raten liegen deutlich unter jenen des Vortages.

Chinesische Gesundheitsbehörden untersuchen Verdachtsfälle vor dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess.
Foto: APA/AFP/KAZUHIRO NOGI

In Japan und Hongkong wurden zwei Kreuzfahrtschiffe mit rund 7.000 Passagieren und Besatzungsmitgliedern unter Quarantäne gesetzt, da das Virus an Bord nachgewiesen wurde. Auf der Diamond Princess vor Yokohama wurden ebenfalls zehn Fälle festgestellt. Die insgesamt 2.666 Passagiere sollen bis 19. Februar an Bord bleiben, weil die Untersuchungen auf den Erreger weitergehen.

WHO-Expertengipfel geplant

Die weltweit führenden Experten zum Coronavirus werden sich am nächsten Dienstag und Mittwoch in Genf treffen, um alle aktuellen Erkenntnisse zu der neuen Lungenkrankheit zusammentragen, kündigte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) an. Man wolle sich insbesondere auf die Entwicklung von Therapien und Impfstoffen konzentrieren. (Gudrun Springer, APA, 6.2.2020)