Sabine Derflinger (57) führte als erste Frau bei einem österreichischen "Tatort" Regie und inszenierte "Vorstadtweiber"-Folgen. In ihren Spiel- und Dokumentarfilmen porträtiert sie regelmäßig Grenzgängerinnen.

Foto: Derflinger Productions

Johanna Dohnal fuhr in die Dörfer und informierte Frauen über ihre neuen Rechte.

Foto: Derflinger Productions

Frauenpolitische Aktionen begleiteten das politische Wirken Johanna Dohnals.

Foto: Derflinger Productions

Der Film "Die Dohnal" entstand auf Initiative von Johanna Dohnals Lebensgefährtin Annemarie Aufreiter.

Foto: Derflinger Productions

Dandy und Frauenversteherin: So sah die Fotografin Elfie Semotan Österreichs wichtigste Frauenpolitikerin Johanna Dohnal. Sabine Derflingers Porträt kommt am Freitag ins Kino.

Foto: Derflinger Productions / Elfie Semotan

Einen besseren Zeitpunkt für einen Film über Johanna Dohnal (1939–2010) könne es gar nicht geben, sagt Sabine Derflinger: "Wer aktive Frauenpolitik in diesem Land sehen will, muss mittlerweile ins Kino gehen." Mit ihrem Porträt hilft die Regisseurin all jenen auf die Sprünge, die Frauenpolitik als etwas sehen, das nebenbei passiert. Der Film Die Dohnal kam auf Initiative von Dohnals Lebensgefährtin Annemarie Aufreiter zustande. Die habe befürchtet, dass Österreichs wichtigste Frauenpolitikerin "in der Versenkung zu verschwinden" drohe, sagt Derflinger. Die Dohnal feierte im Oktober bei der Viennale umjubelte Premiere und startet am Freitag in heimischen Kinos. Vier Jahre hat Derflinger an dem Film gearbeitet.

STANDARD: Was hat so lang gedauert?

Derflinger: Erstens habe ich nicht überall sofort das Geld bekommen, zweitens bin ich sehr beschäftigt und konnte den Film nur in meiner Freizeit machen. Es war aber gut, sich die Zeit zu geben. Beim Fernsehen habe ich manchmal das Gefühl, in einer Burger-Fabrik zu arbeiten. Mir Zeit zu lassen und mich mit ihr zu beschäftigen war wichtig.

STANDARD: Wie haben Sie sich der Person Johanna Dohnal angenähert?

Derflinger: Es ist sehr nett und schön, wenn man gefragt wird, aber auch eine große Verantwortung, weil der Film eine gewisse Zeit Bestand haben muss. Deshalb war es wichtig, so viele Menschen zu treffen. Nicht alle davon sind im Film, dafür war einfach nicht genug Platz. Schließlich ging es darum, aus dem Wust von Geschichten das herauszukristallisieren, was bleiben soll. Ich wollte auf keinen Fall einen musealen Film.

STANDARD: Es beginnt mit dem Rausschmiss Dohnals aus der Regierung 1995. Warum mit dem Ende anfangen?

Derflinger: Es hat sich so aufgedrängt. Ursprünglich haben wir überlegt, ob die Frauenquote die Verbindung zu heute ist. Mir war sehr schnell klar, dass ich die Wirkung dieser Frau festhalten will, was Menschen über sie wissen und was sie für Männer und Frauen in Österreich verändert hat. Dann stellte sich heraus, dass es so unfassbar gutes Archivmaterial gibt. In der Kombination mit ganz vielen Gesprächen baute ich daraus zwei Strukturen. Den Rausschmiss nannte ich den "Krimi", das andere waren die Veränderungen, die sie bewirkte.

STANDARD: Worauf konzentrierten Sie sich in der Auswahl?

Derflinger: Es ging einerseits darum, sich der Person zu nähern, andererseits auch darum, herauszufinden, wie man die Geschichte der österreichischen Frauenpolitik erzählen kann. Der stärkste Aspekt für mich war, wie jemand so vieles leisten konnte und so gnadenlos abserviert wurde.

STANDARD: Wie haben Sie Johanna Dohnal erlebt – als 16-Jährige in Vöcklabruck?

Derflinger: Es gab den Hass auf sie, aber es gab auch Frauen, die sie toll fanden. Und obwohl ich mich immer für aufgeschlossen hielt, erfuhr ich erst durch sie, was Feminismus und Emanzipation überhaupt bedeuten. Ich habe ja noch mitbekommen, dass die Mutter den Vater um Erlaubnis fragen musste, ob sie arbeiten gehen darf. Dass es über sie hieß, sie sei fürchterlich, hässlich, das gab es auch. Wie eloquent sie wirklich war, wie gut sie ausgesehen hat, wie großartig sie reden konnte, habe ich erst im Archiv gesehen.

STANDARD: Besonders berührend sind die Szenen mit Annemarie Aufreiter, die über ihre Beziehung zu Johanna Dohnal sehr offen und liebevoll spricht. War es klar, dass sie sich outen würde?

Derflinger: Ich glaube, es war deshalb klar, weil der Film nicht anders möglich gewesen wäre. Darüber habe ich gar nicht nachgedacht. Dass sie es damals nicht wollten, war beiden klar. Das wäre einfach noch einmal eine zu große Angriffsfläche gewesen.

STANDARD: In Interviews mit Vertreterinnen der jüngeren Generation schlagen Sie eine Brücke zur Gegenwart. Wie schätzen Sie die Energie dieser jüngeren feministischen Bewegung ein?

Derflinger: Den Feminismus zu Zeiten Johanna Dohnals zeichnete aus, dass er mit der Basis verbunden war und mit einer Dohnal, die zur Bäuerin gefahren ist und erklärt hat, was sich ändert. Mit der Zeit hat sich der Feminismus intellektualisiert, was eine logische Folge war, aber jetzt wäre es schon wieder an der Zeit, dass sich der Feminismus wieder öffnet, aus seinem Elfenbeinturm wieder herauskommt und Wege findet, wie man an Frauen andockt, die in anderen Lebenssituationen sind.

STANDARD: Derzeit hat Österreich eine Ministerin, die für "Frauenrechte kämpft", aber nicht als Feministin bezeichnet werden möchte. Was erwarten Sie?

Derflinger: Nichts. Sie wurde dort hingesetzt, um sicherzustellen, dass nichts passiert. Feminismus ohne jemanden, der die Macht hat, politisch wirksam zu sein, der wird gesellschaftspolitisch nicht wirksam sein.

STANDARD: Stichwort Machtverhältnisse: Hat sich beim Film nach der #MeToo-Debatte etwas geändert? Ist der Umgang ein anderer geworden?

Derflinger: Schon, ich arbeite viel in Deutschland, da gibt es diese Art von Männern nicht mehr im Job, und das ist gut so. Man kann sich wehren. In Österreich gibt es nach wie vor eine ganz spezielle Art von Machismo und einen daraus resultierenden respektlosen Umgang mit Frauen.

STANDARD: Drehen Sie deshalb in Österreich seit den "Vorstadtweibern" verhältnismäßig wenig?

Derflinger: Das hat sich so ergeben, weil die Projekte kamen. In Österreich gibt es den ORF und sonst gar nichts. Ich bin gern unabhängig und möchte einen großen Spielfilm machen oder eine große Serie, und da bin ich ohnehin schon spät dran.

STANDARD: Zu spät – mit 57?

Derflinger: Quentin Tarantino ist so alt wie ich und wird Vater. Ich will mich künstlerisch nicht mit ihm vergleichen, aber die Verhältnismäßigkeit steht schon im Raum. Erst vor kurzem ging es bei zwei Projekten um die Frage, ob ich nicht zu alt bin.

STANDARD: Wie haben Sie reagiert?

Derflinger: Es hat mich in dem Moment sehr getroffen. Ganz lange habe ich gehört, ich habe nicht genügend Erfahrung, und jetzt kommt diese Rückmeldung, zu alt. Ja, das war eine ordentliche Watschn. (Doris Priesching, 12.2.2020)