Schwieriger. Schlechter. Seichter. Kürzer. Das macht die Flut an Spannungsgebern mit unserer Schlafqualität. Permanenter Leistungsdruck in Arbeit und Freizeit, spannungsförderndes Blaulicht aus dem Handy, dem Fernseher, dem Tablet. Lärm rundum und Informationen aus allen Kanälen, die einander ohne Unterbrechung an Wichtigkeit und Dramatik überbieten.

Das erzeugt (noch) nicht unbedingt (sofort) Schlafstörungen, aber: Laut Gerda Saletu-Zyhlarz, Leiterin des Schlaflabors der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizin-Uni Wien, haben zwei Millionen Österreicher solche – ein Drittel sei deswegen in Behandlung. Schlechter zu schlafen scheint sich fast viral zu verbreiten – das hat in den vergangenen Jahren der Schlafforschung zu einem großen Auftritt verholfen. Die meisten psychischen Erkrankungen, sagt Schlafforscherin Saletu-Zyhlarz, gehen mit Schlafstörungen einher, aber auch organische Erkrankungen oder Bewegungsstörungen ("restless legs") spielen mit.

Ein Teufelskreis

Der Kreislauf ist klar: Wem es nicht gutgeht, der schläft schlecht – ist das über einen Zeitraum von vier Wochen drei-, viermal pro Woche so, dann ist Untersuchung angesagt. Aus schlechtem Schlaf wiederum öffnet sich der Teufelskreis der Folgeerkrankungen: Angststörungen, Depressionen, erhöhte Infektionsanfälligkeit, Stoffwechselstörungen – alles kippt aus der Balance.

Dass Überforderung viel mit miesen Nächten zu tun hat, zeigt eine ältere Umfrage der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin. Ihr zufolge bedeutet "guter Schlaf" für die Österreicher: "Nicht aufwachen müssen". Wie negativ sich ein andauerndes Leben gegen den Biorhythmus, gegen Tag-Nacht-Balance auswirkt, spiegelt der Arbeitsgesundheitsmonitor der oberösterreichischen Arbeiterkammer. 46 Prozent der Beschäftigten im Gastgewerbe klagen über Schlafstörungen.

Es braucht Pausen

Dass offenbar großflächig verlernt wurde, dass Spannung nicht mit Spannung(smaschinen) wie Fernsehen, Ausgehen, Computerspielen abgebaut werden kann, reduziert zusätzlich Tiefschlafphasen, verlangt dem Hirn Aktivität ab, statt dass es sich an der Energiequelle Schlaf labte. Bis Spannung zum Suchtmittel wird. Stresshormone im Gehirn werden kaum mehr abgebaut, dieser anhaltende Zustand schädigt das gesamte System. Erholung ade.

Aber die ist ja schon tagsüber verpönt: Außer einer genormten Mittagspause – die vielleicht gar nicht dem eigenen Rhythmus entspricht – ist in der 24/7-Welt nicht viel drin. Noch ein Energydrink, noch ein Kaffee, noch eine Zigarette, noch einmal richtig tief eintauchen in Angstszenarien, die Jobverlust und Rausfallen aus dem System drohend zum Weitermachen aufbauen. Dabei ist schon so lange belegt: Selbst guter Nachtschlaf reicht nicht zur Regeneration: Um gesund zu bleiben, braucht es tagsüber angemessene Pausen. Und diese je nach sogenanntem Chronotyp (individuelles Pausen- und Schlafbedürfnis). Wer mittags Anwesenheitsschlaf (wie Inemuri in Japan) braucht, hat es auf dem Kontinent schwer.

Kurz, schnell, erfolgreich

Dazu kommt noch ein kapitalistisches Narrativ: Wer weniger Schlaf braucht, ist mehr wert. Brauchbarer, leistungsfähiger, fitter – einfach besser. Klar sagen die großen Vorstandschefs der Weltkonzerne, wie früh sie aufstehen und was sie zwischen fünf und sechs Uhr Früh bereits zur körperlichen Ertüchtigung veranstaltet haben. Erfolgreich ist demzufolge, wer früh aufsteht. Natürlich mit den ökonomisch erwünschten Gefühlen: frisch, tatendurstig, fröhlich, gierig, endlich die Ärmel aufzukrempeln und nach "sinnlosen" vier, fünf Stunden im Bett endlich wieder zuzupacken – und kreativ zu sein. Es gibt ja ausreichend Apps und elektronische Hilfen, die bei solcher Disziplinierung helfen. Und man muss sich natürlich unablässig gut fühlen dabei.

Damit scheiden 80 Prozent der Menschen für Ämter in der ersten Reihe aus. Denn sie brauchen sieben bis acht Stunden Schlaf. Weitere zehn Prozent müssen sich noch weiter hinten anstellen, denn sie benötigen neun bis zehn Stunden, um sich ausgeruht zu fühlen. Lediglich zehn Prozent kommen mit vier bis sechs Stunden gut aus. Eine Leistung? Nein, sagt die Schlafforschung. Denn wie viel Schlaf benötigt wird, ist teils genetisch bedingt, teils durch Lebensumstände und -erfahrungen geprägt.

Wenn einer schnarcht, schläft meist der andere schlecht – aber Stress-bedingte Schlafprobleme sehen anders aus.
Foto: Getty Images

So weit die beruhigende Nachricht für alle, die sich innerhalb unmenschlicher Gesetze der Arbeitswelt im Feld von topfitten schlafreduzierten Superhelden nicht ganz proper fühlen, vor zehn nicht auf Touren kommen und/oder erst nach acht Stunden das Gefühl haben, richtig geschlafen zu haben. Alles okay, auch wenn Magazine anderes behaupten und als Leitbild vorgeben.

Manchmal schlecht schlafen – ja, eh

Gelegentlich nächtens im Kreis zu gehen, weil ein Nagen im Hirn nicht aufhören will und sich keine Lösung zeigt, gehört ja auch gelegentlich zum Leben. Immer dann gut schlafen, wenn die App es sagt, ist für Maschinen brauch- und umsetzbar.

Komplizierter ist die Kur für jene rund 30 Prozent, die an chronischen Schlafstörungen leiden, sich stundenlang wälzen, dauernd aufwachen oder schon Herzrasen kriegen beim Gedanken an das Weckerläuten um sechs Uhr früh. Miese Nächte und folglich miese Tage, mittelfristig eine ganze Reihe körperlicher und psychischer Beschwerden sind ein wachsendes Phänomen. Dass in solchem Zustand das Leben entweder zur Mühe wird oder kaum als freudvoll empfunden wird, darf als große Beeinträchtigung schon stehen bleiben, auch wenn (noch) keine Blutdruck-, Herz- oder Verdauungsprobleme zu messen sind.

Kleine Schritte zur Besserung

Es braucht auch nicht unbedingt den modern werdenden "Feel-Good-Manager", den Konzerne jetzt zwecks Gesundheitsbewusstsein der Belegschaft installieren. Kostenfrei zu haben: einmal die Stunde ein bisschen bewegen. Die Gedanken auslassen, in die Luft starren. Vor dem Schlafengehen nicht noch einmal den PC aufdrehen, nicht noch einmal das Handy checken. Triviale Dinge wie Lüften vor dem Zubettgehen finden sich auf allen Tipplisten für guten Schlaf ebenso wie die hinlänglich bekannten "nicht schwer essen", "nicht zu viel Alkohol trinken" und so weiter. Alles bekannt und alles im Bereich der Selbstverantwortung. Die Augen fest zudrücken hilft jedenfalls nicht. Gerne angewandte Mittel wie Alkohol oder Schlaftabletten verschieben bekanntlich das Problem – wenn sie es nicht sogar noch schnell vergrößern.

Also: eine Liste der Schlafräuber anlegen, auch der schlafraubenden Gedanken, und jenen Dieben die Tür verschließen, die in eigener Reichweite liegt. Was an Schlafentzug den Umständen geschuldet ist – von der Nachtarbeit bis zu den Kids -, lässt sich dann besser sehen. Viele Schlafräuber lassen sich eliminieren. Manche vorübergehend nicht. Da einmal klar zu sehen, kann schon gut helfen. (kbau, 20.2.2020)