Lena fragte sich wieder einmal, was sie eigentlich in ihrem Leben machen wollte: "Möchte ich etwas Sinnvolles tun oder einfach nur für eine x-beliebige Tätigkeit Geld bekommen? Wie kann man beides im Job vereinen? Kann man Geld verdienen und mit seiner Arbeit gleichzeitig etwas Bereicherndes für sich und die Gesellschaft tun? Wie bringt man alles unter einen Hut? Welche Strategien gibt es dafür?"

In ihrer altehrwürdigen Heimatstadt lernte die Frau ohne Eigenschaften Sofia Surma kennen, die es schafft, beides zu machen, Vollzeit in einer IT-Beratungsfirma zu arbeiten und gleichzeitig Obfrau vom lauten, mutigen und kritischen Verein "Viva La Vulva" zu sein. "Viva La Vulva" steht für Frauen, die Lust haben, ihre Vulva hochleben zu lassen, um damit Frauenthemen in der Gesellschaft sichtbarer zu machen.

Bewundernd und ehrfürchtig lauschte Lena den feministischen Ausführungen von Sofias Sicht auf die Welt. Sofort wollte Lena mehr über Sofia wissen. Da sich die beiden auf Anhieb gut verstanden, trafen sie sich bald zu Kaffee und Kuchen, wo Lena die Gelegenheit nutzte die Vulvenqueen ordentlich auszuquetschen.

Die Startzündung

Sofia Surma interessierte sich immer schon für Technik, Zahlen und Mathematik. Sie besuchte eine HTL und später studierte sie Politik. Dann spezialisierte sie sich auf Cybersecurity. Fragen, wie zum Beispiel die Technologie die Gesellschaft vorantreiben kann, beschäftigen sie bis heute. Die IT-Beratung sei für sie noch immer eine männerdominierte Branche. Die Vereinsarbeit stelle einen Ausgleich zu ihrem Brotberuf dar.

"Wie kam die Idee, 'Viva La Vulva' zu gründen?", fragte Lena neugierig.

"Ich war mit fünf Freundinnen in London.", setzte Sofia an. "Eigentlich wollten wir an dem Abend ausgehen, aber wir sind dann zum Reden gekommen. Wir haben über Menstruation, Masturbation, Sexualität, Orgasmen und über Themen gesprochen, die mit der Vulva und der eigenen Sexualität zu tun haben. Wir waren alle schon länger befreundet, haben uns aber nie zuvor über diese Dinge ausgetauscht. Und dann haben wir gedacht, es ist wertvoll, zu wissen, dass es anderen mit manchen Problemen ähnlich geht. Es tat gut, herauszufinden, dass wir alle manchmal Zweifel haben und dass es uns auf dem Herzen brennt, gewisse Sachen anzusprechen."

Mit Begeisterung ergänzte Sofia: "Wir waren auf einmal hoch motiviert und sagten: Wir schreiben jetzt etwas darüber, über Menstruation und wir müssen politisch Position dazu einnehmen, ein Manifest schreiben!"

Sofort wurde der Verein allerdings nicht gegründet. Es dauerte noch ein paar Wochen Schlummer- und Überdenkzeit. Auslöser für die Vereinsgründung war schlussendlich die Sigi-Maurer-Geschichte (2018), in der die Klubobfrau des Grünen Parlamentsklubs "obszöne Messenger-Nachrichten" von einem Lokalbetreiber im Bezirk Josefstadt erhielt.

Lichtblick(e)
Foto: Michael Grilz

Für eine Idee brennen

"Wie stellt man es an, seine Komfortzone zu verlassen, aufzuschreien, auf den Tisch zu hauen und zu sagen, wir bewegen jetzt etwas, wir gründen einen Verein?", wollte Lena wissen.

Sofia sagte ziemlich geradeaus: "Generell würde ich sagen: Wenn man eine Idee hat, und auch wenn sie einem ein bisschen wahnsinnig vorkommt, wenn man für etwas brennt, dann soll man ruhig den Mut haben, etwas umzusetzen."

Sie überlegte kurz und fügte hinzu: "Viele Leute haben richtig gute Ideen und trauen sich nicht, damit hinauszugehen. Einfacher ist es, wenn du andere Leute findest, die in eine ähnliche Richtung gehen, die deine Idee gut finden, die mit dir gemeinsam an einem Strang ziehen und sich entschließen, mit dir für etwas zu kämpfen. Dieses Gemeinsame war für uns einfach eine Kraft, dass wir das machen konnten, dass 'Viva La Vulva' aus unserer Gruppe hinausging."

"Dafür lohnt sich die Arbeit!"

"Und wie bringst du das unter einen Hut? Vollzeit-Anstellung und Vereinsarbeit? Wie viel arbeitest du für den Verein?", fragte Lena weiter.

"Ich arbeite Vollzeit und wenn ich nicht arbeite, dann verbringe ich die meiste Zeit mit dem Verein. Mir bleibt wenig Zeit. Ich will mich aber nicht darüber beschweren. Meine Arbeit in der IT-Beratung ist großartig, aber das was mir neben der Arbeit das Gefühl gibt, ich mache etwas echt Wichtiges für unsere Gesellschaft, ist der Verein. Das Gefühl, dass ich wirklich etwas damit verändere. Ich mache etwas, das ich nicht nur mache, weil ich dafür bezahlt werde. In meinem Job verändere ich die Gesellschaft auch, aber es ist etwas komplett anderes, wenn du aus dir selbst heraus etwas machst, wofür du brennst.", erklärte Sofia.

Lena war beeindruckt von Sofias Willensstärke. Die Frau ohne Eigenschaften merkte, dass es Strategien im Leben gibt, seine finanzielle Situation im Griff zu haben und trotzdem etwas bewirken zu können, dass das eine nicht das andere ausschließt.

Folgende Äußerung von Sofia blieb Lena noch eine Weile im Kopf: "Es ist großartig, wenn man Leute dazu bringt, über Sachen nachzudenken oder jemanden in seinem Denken zu bestärken. Manchmal glaube ich zwar, mein Kopf explodiert, manchmal glaube ich, ich habe für nichts mehr Zeit, aber wenn ich dann so eine persönliche Nachricht bekomme, wie wenn jemand sagt: 'Hey, Sofia, ich liebe deine Beiträge! So toll! Du klärst Sachen auf!' Wenn das nur eine Person sagt, ist das einfach das Wertvollste überhaupt. Dafür lohnt sich die Arbeit!" (Katharina Ingrid Godler, 28. Februar 2020)

Fingerzeig

  • Viva La Vulva lädt Feministinnen und Feministen dazu ein, auf ihrer Medienplattform beizutragen. Auch offline bietet der Verein viele Veranstaltungen an. Nächster Vulva Stammtisch findet am Sonntag, 1. März 2020 im Marks, im 7. Bezirk, statt. Der Verein ist auch sehr viel auf Facebook und Instagram aktiv.
  • Dieses Mal knipste wieder Michael Grilz (Geo- und Fotograf) das Foto im Beitrag

Weitere Beiträge der Bloggerin