Die frühen Infektionsketten, die das Coronavirus aus China in die Welt getragen haben, lassen sich nicht alle nachvollziehen. Aber eines ist klar: Es waren Vertreter der globalen Eliten, die entscheidend zur Verbreitung von Covid-19 in Europa und den USA beigetragen haben. Das sind Leute, die viel reisen, an internationalen Konferenzen teilnehmen und Skiurlaub in Ischgl oder Vail machen. Sie haben sich dort gegenseitig angesteckt und das Virus dann mit nach Hause gebracht. Erkennbar ist das an der verhältnismäßig hohen Zahl von Politikern und Prominenten, die positiv getestet wurden.

Vor allem in den USA droht eine humane und soziale Katastrophe.
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Das sind vielfach auch Menschen, die ihre Heimabsonderung in großen Wohnungen mit Terrasse oder Häusern mit Garten verbringen können. Wenn sie schwerer erkranken, werden sie meist in Krankenhäusern behandelt, die noch nicht von Covid-19-Fällen überschwemmt sind. Für sie gibt es noch genügend Intensivbetten und Beatmungsmasken. Nicht alle, aber viele von diesen frühen Opfern haben Glück im Unglück.

Das bleibt nicht lange so. Im besonders schwer betroffenen Norditalien hat die Epidemie längst alle Bevölkerungsschichten erfasst, die Mittelschicht genauso wie die Niedrigverdiener, die weder jetsetten noch Ski fahren. Und es sind die Ärmeren, die im Krankheitsfall dem Leid noch schutzloser ausgeliefert sind.

Dieses Szenario steht auch all den anderen Staaten bevor, in denen die Fallzahlen dieser Tage sprunghaft ansteigen. Vor allem in den USA droht eine humane und soziale Katastrophe, denn dort haben Millionen auch in normalen Zeiten keinen sicheren Zugang zu medizinischer Versorgung.

Verstärkt wird das soziale Gefälle der Corona-Krise durch ihre wirtschaftlichen Verwerfungen. Wenn Unternehmen krachen und Jobs verloren gehen, bekommt das zwar fast jeder zu spüren – am härtesten aber die Niedrigverdiener. Und diese Not dauert dann viele Jahre an, wie man im Fall der Weltfinanzkrise gesehen hat.

Zu befürchten ist, dass das Virus mit etwas Verzögerung die ärmsten Staaten vor allem in Afrika trifft und dort – wie bei der Aids-Epidemie in den 1990er-Jahren – noch viel verheerendere Folgen zeitigt. Wird uns Europäer das Virus dann immer noch so im Banne halten, wenn wir die Krise bereits in den Griff bekommen haben? (Eric Frey, 21.3.2020)