1. Einlesen in die Roaring Twenties

Francis Scott Fitzgerald sagte über seine literarischen Erfolge, sie seien so unnatürlich gewesen wie der Wirtschaftsboom der 1920er-Jahre. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb mag man nun wieder eintauchen in die therapeutische Dekadenz der Jahre vor der Großen Depression, wie er sie in "The Great Gatsby" skizzierte. Wer die Gründe dafür, das Leben zu feiern, sachlicher serviert haben will, greift zu kürzlich erschienener Non-Fiction: In "The Roaring Twenties" beschreiben die Autoren famos, warum es damals auch zu einer Explosion der kulturellen Ausdrucksmöglichkeiten kam.

"Der Große Gatsby", ISBN 978-3-86647-613-4

"The Roaring Twenties", ISBN 978-3-8062-4024-5

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2. Zigarettenspitze und Federboa ordern

Wir sind uns einig, dass Rauchen in den vergangenen 100 Jahren nicht gesünder geworden ist. Aber bitte gönnen Sie Ihrer Herzensdame für nur einen Abend in den 2020ern das haptische Vergnügen einer 20 cm langen Zigarettenspitze (gern ohne Tschick), um nur ansatzweise die 20er zu erfassen. Dazu trägt sie lässig um den Hals geschwungen eine Federboa und ein klassisches Charleston-Stirnband (ebenfalls mit Feder) im Haar.

Er dagegen sollte sich tunlichst mit dem Tragen einer güld’nen Taschenuhr an der Kette begnügen, um bei ihr nicht als aufgeputzter Strizzi zu gelten. Sie fragen sich, wo Sie derlei Tand in mäßig luxuriöser Ausführung für den einmaligen Gebrauch derzeit erwerben können? Nach dem Fasching ist vor dem Fasching in den darauf spezialisierten Onlineshops. Zum Beispiel funidelia.at

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3. Garderobe durchforsten

Wer die Ratschläge von Ausmistqueen Marie Kondo immer ignoriert hat, kann nun aus dem vollen Kleiderkasten schöpfen: Der Hausherr kramt dort nach dem weitesten weißen Hemd und dem engsten Gilet, die er vor diesen Zwanzigern ewig nicht mehr trug. Zur Not tut es auch Opas Pullunder mit Krawatte, um wie der Chauffeur aus der britischen Twenties-Serie Downton Abbey auszusehen.

Die Dame des Hauses greift zum "kleinen Schwarzen", das der Hausherr nach ihrem letzten Besuch einer Austernbar für sie gebügelt hat. Oder sie bleibt einfach in dem knielangen Spitzen-Negligé, das einem Charleston-Kleid zum Verwechseln ähnlich sieht.

4. Den Online-Charleston tanzen

Das rechte Bein vor- und zurückschwingen, das linke zuerst nach hinten und dann nach vorne. Bei laufendem Betrieb beider Füße kommt eine dynamische X-Bein-Stellung der Knie hinzu. Bewegungstalente ergänzen den unverkennbaren Schritt des Gesellschaftstanzes Charleston noch um locker pendelnde Arme. Wenn diese Bewegung allerdings an eine Schwarzwälder Pendeluhr erinnert, fehlt Ihnen vermutlich jegliches Rhythmusgefühl.

Nur nicht entmutigen, sondern mitreißen lassen, wenn es die beiden 20er-Jahre-Tanzspezialisten Esie Mensah und David Forteau in ihrem Online-Schnellsiederkurs vormachen!

CBC

5. Jazz- und Swing-Playliste erstellen

Josephine Baker und die Comedian Harmonists schallen vermutlich ohnehin bei Ihrer Dinnerparty aus dem Grammofon. Die in Russland geborene und als Sophie Tucker in den USA bekannt gewordene "First Lady of Showbusiness" sollte man aber unbedingt den Auftakt des Abends gestalten lassen. Ihre Texte sind nicht nur so frivol wie jene des Wiener Zeitgenossen Hermann Leopoldi, sondern auch ähnlich aufmunternd.

Die Grazer Band All Jazz Ambassadors, die normalerweise auf Hochzeiten und Firmenfeiern Dienst tut, hält sich auch beim häuslichen Dinner for Two dezent im Hintergrund. Ihr Stream läuft auf Soundcloud, als fertige Twenties-Playlist für faule DJs kommt zum Beispiel diese infrage.

6. Kochen für die Dinnerparty

Erich Urbans "Traditionelles Kochbuch" mit der Anleitung, das Gewöhnliche außergewöhnlich zuzubereiten, erschien nicht zufällig im Jahr 1920: Die meisten Menschen schlürften damals keine Austern, sondern peppten sättigende Basics auf. Denkbar und über ein normales Supermarkt-Sortiment realisierbar wäre etwa als leichtes Entrée Baguette mit Cognacbutter und Rollmöpsen (beides selbstgemacht), danach Enten- statt damals leichter verfügbarer Lerchenbrust mit Madeirasauce und als Dessert Pawlowa, die Obsttorte mit Baiser-Fundament, die an die gleichnamige leichtfüßige Ballerina erinnern soll.

"Traditionelles Kochbuch": ISBN 978-3-86195-044-8

(Sascha Aumüller, 27.3.2020)