Der Dschelada ist ein Primat wie kein anderer. "Blutbrustpavian" wird er wegen des sanduhrförmigen roten Flecks nackter Haut genannt, der Signalwirkung während der Paarungszeit hat.
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Im äthiopischen Hochland gibt es einen Affen, der sich eher wie ein Paarhufer verhält. Der eng mit den Pavianen verwandte Dschelada (Theropithecus gelada) bildet Verbände von hunderten Tieren, und diese Hundertschaften verbringen den ganzen Tag damit zu ... grasen. Kein anderer Primat ernährt sich fast ausschließlich von Gras und Grassamen.

Heute ist der bis zu 21 Kilogramm schwere Dschelada der einzige Angehörige der Gattung Theropithecus. Doch es gab einmal mehr, und auch ihr Verbreitungsgebiet war einmal wesentlich größer: Es reichte im Pleistozän von Ostafrika, wo sich die Gattung vor etwa vier Millionen Jahren entwickelt haben dürfte, bis nach Indien und auch nach Südeuropa.

Wichtige Fundstätte

Das belegt ein Fund aus einer spanischen Höhle, den Forscher der Universität Barcelona im "Journal of Human Evolution" vorgestellt haben. Diese Höhle, die Cueva Victoria nahe der südspanischen Stadt Cartagena, ist in der Forschung vor allem durch Funde ganz anderer Primaten bekannt, nämlich Angehöriger der Gattung Homo. Schon vor 1,3 Millionen Jahren war die Region von Angehörigen jener Gattung besiedelt, aus denen sich später der Homo heidelbergensis und schließlich der Neandertaler entwickelte.

Die Cueva Victoria hat schon die Fossilien von etwa 100 verschiedenen Wirbeltierarten aus dem frühen Pleistozän freigegeben – darunter auch die von Frühmenschen.
Foto: University of Barcelona

Doch irgendwann zwischen 900.000 und 850.000 vor unserer Zeit lebte dort auch ein Verwandter des Dschelada, der Theropithecus oswaldi. Die ersten Fossilien dieser Spezies wurden schon vor 30 Jahren gefunden. Die nun hinzugekommenen konnte ein Team um Laura Martínez und Alejandro Pérez-Pérez von der Universität Barcelona in seine Untersuchung darüber einfließen lassen, wie sich der eiszeitliche Pavianverwandte ernährt hat.

Analysen der mikroskopischen Abnutzungsmuster am Zahnschmelz zeigten entgegen früheren Vermutungen, dass er kein Grasfresser wie der Dschelada war. Der 50 bis vielleicht sogar 100 Kilogramm schwere Affe dürfte sich eher wie ein Mandrill oder eine Mangabe ernährt haben, also mit einer Diät aus Früchten, Samen und Nüssen. Auch die eine oder andere Fleischbeigabe wird von diesen heutigen Affen nicht verschmäht. Insgesamt war der Theropithecus oswaldi also wohl um einiges vielseitiger als der Dschelada.

Parallele Wege

Die Forscher vermuten, dass sich die Ahnen des eiszeitlichen Affen durch die noch grüne Sahara über weite Teile Afrikas ausbreiteten und schließlich über die Straße von Gibraltar auch Europa erreichten. Das ist auch eine der möglichen Routen, die der Homo erectus auf seiner Wanderung von Afrika nach Europa genommen haben könnte.

Warum der einstmals weit verbreitete Theropithecus verschwunden ist, bleibt unklar. Als mögliche Gründe führen die Forscher die parallele Ausbreitung des Menschen ebenso wie wechselnde Klimabedingungen an. Das Hochland von Äthiopien war offenbar abgelegen genug, dass wenigstens dort die Gattung überleben konnte. Auch wenn sie sich an diesen kargen Lebensraum durch eine Ernährungsumstellung anpassen musste.

Ungewisse Zukunft

Nur in Notzeiten graben Dscheladas Wurzeln und Knollen aus und erinnern damit an die Vielseitigkeit ihrer Ahnen. Ansonsten sind sie mit dem Grasangebot vollauf zufrieden. Da Spezialisierung aber zumeist eine evolutionäre Sackgasse ist, sähe es für diese einzigartigen Primaten vermutlich auch ohne den Einfluss des Menschen langfristig duster aus. Mit dem Menschen hat sich ihre Lage allerdings verschärft: Die Ausbreitung von Landwirtschaftsflächen hat ihren Lebensraum weiter verkleinert, die Art gilt als potenziell gefährdet. (jdo, 16. 5. 2020)