Wird die neue Normalität auch bei uns bald so aussehen? In Hongkong sind Cafés und Restaurant zwar offen – aber mit strenger Abstandsregel.

AP / Kin Cheung

Es wäre natürlich noch besser gegangen, und es sind Fehler passiert. Aber im internationalen Vergleich hat Österreich die Covid-19-Krise bis jetzt gut gemeistert. Bereits am 3. April, und damit früher als erwartet, haben wir mit 9.193 aktiven Krankheitsfällen die Höchstzahl bei den positiv getesteten Personen erreicht, seit einer Woche gehen die aktiven Covid-19-Krankheitsfälle langsam zurück, zu Ostern werden es bereits deutlich weniger als 7.000 sein.

Die Zahl Hospitalisierten ist bei etwas über 1.000 Personen seit Tagen stabil, und auch der Anteil derer, die auf der Intensivstation liegen, blieb mit rund 260 Personen zuletzt annähernd gleich. Anders als in Ländern wie Italien, Spanien oder Frankreich überschritt man in Österreich bisher nie die Grenzen der medizinischen Kapazitäten und musste deshalb keine zusätzlichen Todesfälle in Kauf nehmen.

Vom "Hammer" zum "Tanz"

Aufgrund dieser erfreulichen Entwicklungen werden in Österreich unmittelbar nach Ostern die ersten Lockerungen in Kraft treten und die ersten Geschäfte wieder aufsperren dürfen. Neben Dänemark, wo nach den Feiertagen die Grundschulen wieder öffnen werden, sind wir das erste Land in Europa, das nach dem "Hammer" der strengen Maßnahmen mit dem "Tanz" der allmählichen Normalisierung beginnt, um die oft strapazierte Metapher für den Umgang mit dem pandemischen Geschehen zu strapazieren.

Kommt der Auftakt zu diesem "Tanz" – angesichts der Kritik der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an Lockerungen – womöglich etwas verfrüht, und kann es in den nächsten Wochen zu einer zweiten Covid-19-Welle wie in Singapur kommen? Oder sind die Öffnungen nicht vielmehr dringend nötig angesichts der enormen Kollateralschäden durch den Shutdown, der längst schon enorm viel menschliches Leid, eine Rekordarbeitslosigkeit und Milliardenverluste verursacht hat?

"Fahrplan mit Notbremse"

Bundeskanzler Kurz sprach bei der Ankündigung der ersten Lockerungsmaßnahmen in einem etwas schiefen Bild von einem "Fahrplan mit eingebauter Notbremse, die sofort in Kraft tritt, wenn die Zahlen wieder steigen". Wie aber kann dieser Fahrplan aussehen? Und wie lange wird es dauern, ehe in Österreich wieder einigermaßen Normalbetrieb herrschen kann?

Beginnen wir mit dem Ende der Krise, dessen Bedingung ist, dass eine Mehrheit der Bevölkerung gegen Sars-CoV-2 immun ist. Das wird entweder durch die sogenannte Herdenimmunität (also einer Durchseuchung von mehr als 50 Prozent der Bevölkerung) oder durch eine Impfung erreicht. Das Dumme ist, dass beides leider nicht in naher Zukunft zu erwarten ist.

In der Frage der Durchseuchung kennen wir nur die sichtbaren Fälle sicher, also etwa über 13.000 oder knapp 0,15 Prozent der Bevölkerung. Wie hoch die Dunkelziffer ist, konnte auch die am Freitag präsentierte Sora-Stichprobenuntersuchung nicht restlos klären. Es ist aber angesichts der geringen Zahlen anzunehmen, dass die Durchseuchung in Österreich und allen anderen Ländern nie so hoch werden wird, dass eine Herdenimmunität eintreten wird.

Hoffen auf die Impfung

Bleibt die Hoffnung auf die Impfung. Die gute Nachricht ist, dass es laut einer am Donnerstag publizierten Studie im Fachblatt "Nature Reviews Drug Discovery" aktuell zumindest 78 Covid-19-Impfstoffkandidaten gibt, von denen bereits fünf in klinischen Studien getestet werden. Die schlechte Nachricht: Experten rechnen dennoch frühestens in einem Jahr mit einem Einsatz des Impfstoffs. Und für diesen Zeitraum stehen wir nun vor der Herkulesaufgabe, die Pandemie unter Kontrolle zu halten und gleichzeitig die wirtschaftlichen und sozialen Schäden zu minimieren.

Der Epidemiologe Gabriel Leung, Medizin-Dekan an der Uni Hongkong, hat das, was uns in den nächsten Monaten bevorsteht, in einem vielbeachteten Kommentar in der "New York Times" skizziert. Er schrieb von einer "Politik des Unterdrückens und Aufhebens": Einerseits müssen wir versuchen, die rigiden Einschränkungen des öffentlichen Lebens nach und nach aufzuheben, andererseits aber rasch Unterdrückungsmaßnahmen setzen, sobald eine zweite Infektionswelle droht.

"Anspruchsvolle Gratwanderung"

Ganz ähnlich sieht das der Komplexitätsforscher Stefan Thurner vom Complexity Science Hub Vienna: "Das wird eine sehr anspruchsvolle Gratwanderung", sagt das Mitglied des österreichischen Covid-Prognosekonsortiums. Das große Problem dabei sei, dass solche Infektionen immer erst mit Zeitverzögerung sichtbar werden. "Sprich: Wir müssen immer möglichst schnell reagieren und nachjustieren."

Aber was heißt das nun konkret, und was ist dabei zu berücksichtigen? Niki Popper (TU Wien), der so wie Thurner dem Covid-Prognosekonsortium angehört, testet mit Modellrechnungen, welche Folgen es hat, wenn wir einzelne Unterdrückungsmaßnahmen aufheben – und etwa wieder die Schulen öffnen. "Ein Problem dabei ist, dass durch die einzelnen Lockerungen die Zahl der Kontakte, auf die es ankommt, mehr als nur aufsummiert werden." Es erhöhe sich das "Grundrauschen" der Kontakte und damit das Ansteckungsrisiko.

Schutz der Risikogruppen

Eine weitere zentrale Frage bei der "Politik des Aufhebens" sei der besondere Schutz der Risikogruppen. Denn wenn es uns gut gelinge, diese Menschen – also etwa die Bewohner von Pflegeheimen, aber auch andere vulnerable Personengruppen – noch besser abzuschirmen, dann sind auch für die anderen Mitglieder der Gesellschaft mehr Freiheiten möglich. Zudem sollten uns kluge Test- und Nachverfolgungsstrategien dabei helfen können, die Infektionen so schnell wie möglich wieder einzudämmen.

Wir werden uns in den nächsten Monaten aber auch eine ganze Reihe neuer Dinge ausdenken müssen, ist sich Thurner sicher: So kann er sich vorstellen, dass in bestimmten Industriebetrieben nach dem Aufheben des Lockdown zwei Teams gebildet werden und nur eines davon arbeitet: "Kommt es zu einem Infektionsfall und daher zur möglichst raschen Quarantäne dieses Teams, kann das andere einspringen, ohne die Produktion zu gefährden."

Größte Herausforderungen

Diese neue Phase der Corona-Krise, die nach Ostern beginnen wird, wird insbesondere die Politik "vor die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg stellen", ist sich Niki Popper sicher. Der Gesundheitswissenschafter Martin Sprenger (Med-Uni Graz), der sich kürzlich aus der Corona-Taskforce im Gesundheitsministerium zurückgezogen hat, sieht in diesem einzigartigen Experiment in Echtzeit freilich nicht nur die Politik, sondern die ganze Gesellschaft gemeinsam gefordert.

"Für diese nächsten Monate brauchen wir im Gegensatz zum Shutdown einen offenen gesellschaftlichen Diskurs – wissenschaftlich, politisch, journalistisch", fordert Sprenger. "Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, und wir müssen Widersprüche und Diskussionen zulassen. Diese Phase ist jetzt gekommen." (Klaus Taschwer, 10.4.2020)