Verfilmung von Camus "Die Pest", Regie: Luis Puenzo, 1992.

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Seuchen waren seit biblischen Zeiten ein Motiv literarischer Darstellung. Dass die Plagen in Form einer Feuersbrunst in Australien, einem Heuschreckenschwarm ungeahnten Ausmaßes in Afrika und dem Vorderen Orient und nunmehr in Form des Sars2-Covid-19-Virus, verharmlosend "Corona" genannt, in geballter Form über uns hereinbrechen würden, erschreckt und ruft Mahner auf den Plan.

Doch bei nüchterner Betrachtung beherrschten Seuchen jahrhundertelang alle globalen Regionen, was auch Niederschlag in der Literatur und im Leben der Schreibenden fand.

Kolumbianische Nonchalance

Viele literarische Beispiele ließen sich nennen, in denen Seuchen eine Rolle spielen. Sei es Albert Camus, der "Die Pest" thematisierte und sublimierte, seien es Robert Louis Stevenson oder B. Traven, welche bereits jugendliche Leser mit spannenden Episoden rund um Pestausbrüche unterhielten.

Vom Titel her würde man in Gabriel Garcia Marquez‘ Roman "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" einen Treffer erwarten, in welchem aber der Autor nicht nur die Seuche, wie es scheint, auf die leichte Schulter nimmt. Denn sein Protagonist, der lange vergeblich werbende und dann endlich erhörte Florentino Ariza, der die Frau seines Lebens, Fermina Daza, die einst aus San Juan de Ciénaga vor der Cholera floh, endlich in die Arme schließen darf, hisst am Dampfer die Pestflagge, um in Ruhe der Liebe zu frönen.

Die diversen Lustseuchen, die Florentino als jungen Mann befallen hatten, interpretiert der Autor als Trophäen oder als verlorene Schlachten eines promiskuitiven Lebens. Mit einer Mischung aus Humor und Leichtfüßigkeit entkleidet Marquez sohin gefährliche Krankheiten ihres bedrohlichen Nimbus.

Wer seine Autobiografie "Leben, um davon zu erzählen" (auf Deutsch 2004; auf Spanisch unter dem Titel "Vivir para contarla" 2002 erschienen) liest, erkennt eine durchaus ähnliche Grundeinstellung des Autors zum Leben, der zahlreiche Ansteckungs-Risiken einging und hundert Zigaretten am Tag rauchte. Aber gerade die heitere, kolumbianische Nonchalance gibt Auftrieb in Zeiten wie diesen.

Krank in Davos und in Venedig

Ein anderer Raucher und Nobelpreisträger Lübecker Herkunft hat bekanntlich im "Zauberberg" die mysteriöse Erkrankung eines zunächst gesund scheinenden Hamburger Sanatoriumsgastes im Davoser "Berghof" unweit dem realen Schatzalp thematisiert, dessen auf drei Wochen geplanter Aufenthalt sodann sieben Jahre und fast tausend Roman-Seiten lang währt.

Mann erhielt, vermutlich aus politischen Gründen, den Nobelpreis für die "Buddenbrooks" (1901), nicht aber für den reiferen "Zauberberg" (1928), sein opus magnum, dessen dialektische Behandlung der Moderne manche Leser(in) nervös machte. Ja, im letzten Drittel des Werks philosophiert der weise Settembrini mitten im hustenden Umfeld über die "siegreiche Zurückdrängung der Seuchen" und lobt Hygiene und Sozialreform im modernen Staat, was der Aufklärungs-Gegner Naphta kontert und negiert.

Die Skeptiker fechten ihr intellektuelles und sodann faktisch blutiges Duell mitten unter den Erholungsbedürftigen in der weißen Winterlandschaft aus, die heute auch im Prättigau selten geworden ist.

Während es dem "Zauberberg" gegenüber vielleicht despektierlich wäre, das vielschichtige Prosawerk als "Seuchen-Werk" zu apostrophieren, enthält der "Tod in Venedig" tatsächlich die Epidemie als Leitmotiv. In der 1912 erschienen, als Novellette konzipierten, dann aber recht umfangreich geratenen Erzählung enthüllte der bald vierzigjährige Autor sein Sehnen und Fühlen.

Vor der Kulisse einer bereits vor dem Ersten Weltkrieg touristisch überladenen Lagunenstadt, bricht zwischen den Kanälen und Palästen die Pest aus. Die Erreger wurden von "syrischen Kaufleuten" aus Indien, China und Persien eingeschleppt, rapide greifen die in der feuchten Hitze vermehrten Bakterien um sich und fordern Opfer, die nächtlich-klandestin auf die Friedhofsinsel eskortiert werden.

Allzu lange verheimlichen die Stadt-Oberen die drohende Gefahr vor den Touristen, der Stadtphysikus tritt empört zurück und überlässt seinen Posten einem angepassten Ja-Sager. Parallelen zu heutigen Ereignissen sind natürlich rein zufällig.

Liebeskranker Wissenschaftler

Eine Epidemie lässt sich auf Dauer nicht verheimlichen, sie "bricht aus", wie wir sagen. Bald pfeifen es daher schon die Tauben vom Markusplatz, doch Gewissheit verschafft dem behäbigen Alter Ego des Autors, dem in München situierten Gustav Aschenbach, erst ein aufrechter Engländer, der dem deutschen Gast reinen Wein einschenkt.

Die Novelle zeigt autobiografische Züge und Parallelen zum Leben des Autors, der lange Jahre in München seinen Wohnsitz hatte, viel reiste und trotz achtköpfiger Familie homophile Sehnsüchte mit dem zu seinem 50. Geburtstag geadelten, alternden Held der Novelle, Gustav Aschenbach, teilt.

Dieser kann somit als Alter Ego des Autors angesehen werden, ja er huldigt sogar der vom Lübier stets hoch gehaltenen, vormittäglichen Schreib- und Arbeitsdisziplin. Aschenbach, der sich zunächst auf einer österreichischen Adriainsel (vermutlich ist Brioni gemeint, wo auch Schnitzler einst urlaubte) langweilt, erliegt in Venedig daher vor der Krankheit bereits dem Objekt seiner Begierde, dem schönen Tadzio, den er quer durch die Lagune verfolgt.

Man sieht den liebeskranken Wissenschaftler förmlich vor sich, wie er – bereits alarmiert durch Karbolgeruch und aufkeimende Gerüchte – einen Gaukler, sicherheitshalber durch die geschlossenen Zähne sprechend fragt, was eigentlich los sei in Venedig. Die Antwort bleibt ihm der fahrende Geselle schuldig, aber für die Abreise ist es ohnehin bereits zu spät.

Epidemische Novellen

Eine kurze, aber überaus gelungene Novelle ist "Die Epidemie" von Dino Buzzati aus 1956, die unter anderen in der Prosa-Sammlung "Des Schicksals seidener Faden" erschienen ist (Habeck-Verlag, Stuttgart und in Lizenzausgaben). Der italienische Autor, Feuilleton-Redakteur des "Corriere della sera" und Pop-Art-Maler (1906-1972) hat die stigmatisierende Wirkung einer ansteckenden Erkrankung, die auch das derzeitige Geschehen kennzeichnet, in dieser psychologisch feinsinnigen Erzählung vorweggenommen.

Genaugenommen griff der in San Pellegrino bei Belluno geborene Sohn venezianischer Eltern das Thema in zwei Novellen auf, die in seinen heute vergriffenen Novellen-Sammlungen der Fünfzigerjahre erschienen sind. In der Erzählung "Die Epidemie" geht es um einen Offizier, der einer Dechiffrierabteilung vorsteht und der eines Tages ein Viertel der Schreibtische leer vorfindet: Grund dafür ist eine Erkrankung der Mitarbeiter an einer geheimnisvollen Influenza-Epidemie, die vor allem Regimekritiker zu befallen scheint.

Nach und nach leiden die meisten Angehörigen des Nachrichtendienstes an der Grippe, vor allem aber die gebildeten Dechiffrierer, welche in Verdacht geraten. Die Epidemie entwickelt sich vor der Kulisse eines autoritären Systems, selbst der Oberst und Abteilungsleiter muss den Spitzel fürchten, der die Erkrankung als "Staatsgrippe" einstuft, welche den Betroffenen als unzuverlässig outet.

Als der Oberst selbst Fieber und Krankheitssymptome zeigt, wagt er sich trotz seines miserablen Zustands nicht zu offenbaren. Hat er nicht selbst erst unlängst den "Führer" kritisiert, und wird die mehrtägige Erkrankung womöglich in der Entlassung und Degradierung münden, wenn er nicht durchhält?

Verzweifelt beißt der Obrist die Zähne zusammen und geht trotz 40 Grad Fieber weiter ins Büro. Erst als der Spitzel selbst erkrankt, entspannt sich die Lage für den gequälten Abteilungsleiter. Buzzati sah somit den Kampf um den Arbeitsplatz und gegen die Stigmatisierung des Kranken in Epidemie-Zeiten voraus.

Mit einem Hauch von Lächeln

Die zweite hier anzuführende Novelle Buzzatis trägt den Titel "Die Autopest" und lässt den Leser mit einem Hauch von Lächeln getröstet zurück. Ein Chauffeur einer edlen Rolls Royce-Karosse muss machtlos zusehen, wie der edle Achtzylinder zu husten beginnt und von einem vermeintlichen Mechaniker-Freund zwei städtischen Bediensteten in hässlichen braunen Overalls zum Abtransport und zur Verschrottung ausgeliefert wird.

Das Beruhigende am Thema dieser Novelle ist, zumindest auf den ersten Blick hin, dass sich die Seuche auf Fahrzeuge beschränkt. Aber dennoch wirkt die Metaphorik bedrohlich. Buzzati wurde oft als "Kafka des Südens" bezeichnet, was er als "Kreuz" und unangemessenen Vergleich empfand, nicht zuletzt weil er auf seinen eigenständigen Stil pochte, der allerdings den Humor mit jenem des Prager Autors und Juristenkollegen gemein hatte.

Der in Mailand wirkende Journalist war ein Meister der Beschreibung auswegloser Lebenssituationen, die mitunter, auch in diesem Punkt Kafka nicht unähnlich, ins Groteske münden, das Absurde und Unerklärliche bestimmt sein Werk, so wie auch existenzialistische Motive.

Kafkas Seuchen-Angst

Von Kafka wissen wir aus seinen Reisetagebüchern, dass er bereits als junger Mann sehr nervös wurde, als auf einer Italienreise mit Max Brod plötzlich die Nachricht von einem Cholera-Ausbruch in Mailand durch die Blätter schwirrte. So wichen die beiden Freunde der Lombardei aus und wandten sich in Richtung Paris, nachdem sie gemeinsam Zürich besucht hatten. In Paris besuchten sie zweifelhafte Etablissements, in denen auch so mancher Keim eines neuen Wirten harrte.

Kafka achtete in Prag stets auf Hygiene, frische Luft, Gartenarbeit, Sport und vegetarisches Essen, weshalb es verwundert, dass er seit 1917 an einer gefährlichen und ansteckenden Erkrankung, der in der k.u.k.-Monarchie schon in Friedenszeiten weit verbreitete Tbc litt. Er selbst sah dies in der schwachen Konstitution seines Körpers begründet, auch in seiner extremen literarischen Nacht- und juristischen Tagarbeit. Im Herbst 1918 setzte Kafka die Spanische Grippe zu, die er aber anders als Egon Schiele überlebte.

Angesichts seines frühen Endes mit nicht einmal 41 Jahren im Sanatorium Hoffmann in Kierling findet sich die verstörende Tragik der Erkrankung Kafkas biografisch vielfach aufgezeichnet. Die Thematisierung von Krankheiten in seinem Werk steht dagegen im Hintergrund. Kafka hat sich im Romanfragment "Das Schloss", das um 1921 bei einem Heilaufenthalt im slowakischen Tatranské Matliary entstanden ist, sowie in seiner frühen Erzählung "Ein Landarzt" mit dem Thema befasst.

Im niederösterreichischen Sanatorium

Sein Onkel, der Arzt Siegfried Löwy, der aus der mütterlichen Familie stammte, wirkte im südmährischen Ort Triescht, den Kafka als junger Mann gern zur Sommerfrische besuchte. Kafka arbeitete in Mähren braungebrannt auf bäuerlichen Feldern und fuhr auch gerne mit dem Motorrad seines Onkels.

Dieser war es auch, der Kafka untersuchte, als der bereits pensionierte Versicherungsjurist und Autor im März 1924 todkrank (die TBC hatte den Kehlkopf zersetzt) von Berlin nach Prag zurück kam. Löwy schlug seinem Neffen vor, nach Davos zu reisen.

Aber nicht zuletzt wegen der hohen Kosten und der unüberwindlich scheinenden Distanz fuhren Dora Diamant und Kafka in das niederösterreichische Sanatorium "Wienerwald" unweit von Pernitz, das der Autor Anfang April Richtung Wien verließ, wo ihn Arthur Schnitzlers Schwager Marcus Hajek am AKH untersuchte und als austherapiert einstufte.

Kafka verließ im April 1924 Wien, um dann im Kierlinger Hospiz seine letzten Wochen zu verbringen. Im Sanatorium "Wienerwald", der Zwischenstation, starb später (1932) Ignaz Seipel, ehe sich nach 1938 die SS dort mit einem "Lebensborn-Heim" einnistete, das dem Reichsführer Himmler angeblich besonders gefallen hat. Nach der Wannsee-Konferenz wurden auch mehrere Mitglieder der Kafka-Familie in KZs deportiert, alle drei Schwestern des Autors kamen in der Shoah zu Tode. Letztlich waren alle vier Kafka-Geschwister Opfer einer Seuche, sei es einer realen oder einer politischen. (Gerhard Strejcek, 25.4.2020)