Antonella Mei-Pochtler gilt als enge Beraterin von Kanzler Sebastian Kurz

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Wie findet Österreich wieder aus der Corona-Krise? Wer dazu sechs verschiedene Experten, etwa einen Wirtschaftswissenschafter, einen Epidemiologen, einen Statistiker, einen Sicherheitsexperten und einen Virologen befragt, bekommt wahrscheinlich mindestens sieben verschiedene Antworten. Genau das macht aber das "Future Operations Clearing Board", das unter der Ägide des Thinktanks "Think Austria" und von Ex-Verteidigungsminister Thomas Starlinger steht.

"Wir müssen mittel- bis langfristige Themen gesondert vom tagesaktuellen Geschehen anschauen", sagt dessen Leiterin, Antonella Mei-Pochtler. Wichtig sei es, möglichst viele Experten an einen Tisch zu bringen und für eine optimale Datenbasis zu sorgen. Initiiert hat das alles der ehemalige Verteidigungsminister Thomas Starlinger, der jetzt wieder Adjutant von Bundespräsident Alexander Van der Bellen ist. Starlinger traf zufällig Ende Februar einen Professor der TU Wien, unterhielt sich mit ihm über die Corona-Krise und erkannte, dass es eine Plattform für interdisziplinären Austausch mit Blick in die Zukunft brauche.

Täglich treffen sich die vier verschiedenen Untergruppen des Boards, nämlich Wirtschaft und Arbeitsmarkt, Psychosoziales, Gesundheit und Basisversorgung. Einmal in der Woche findet dann ein Koordinationsmeeting statt. "Wir haben kein konkretes Politikberatungsprodukt", erklärt Mei-Pochtler, "unser Produkt sind Qualität und Koordination."

Das im Future Operations Clearing Board erarbeitete vernetzte Wissen werde von den Experten wiederum in die jeweiligen Ressorts getragen, also etwa ins Wirtschaft- oder ins Gesundheitsministerium. Man beschäftigt sich mit kleineren Fragen, etwa mit der Verfügbarkeit von Germ und der davon abhängigen Brotversorgung oder mit Abfüllmöglichkeiten für Milch, wenn keine Tetra-Paks aus Ungarn mehr kommen. Genauso aber auch mit den ganz großen Fragen, etwa wie man die Tourismusbranche wieder ins Laufen bringen kann und ob Immunitätszertifikate für Saisonmitarbeiter ein gangbarer Weg wären.

Ein Potpourri an Experten

Wer sind diese Menschen, die faktenbasiert an der Zukunft Österreichs arbeiten? Besonders breit vertreten sind akademische Institutionen, von der TU Wien bis hin zur Uni Graz.

Außerdem eingebunden sind die Meinungsforschungsinstitute Sora und Market, sie können beispielsweise geplante Maßnahmen durch Umfragen rasch abtesten. Auch wissenschaftliche Institute abseits der Universitäten teilen ihre Expertise, so wie Fraunhofer Österreich oder die Firma des Simulationsexperten Nikolaus Popper, genauso natürlich Wirtschaftsinstitute wie Wifo oder IHS. Ehrenamtlich unterstützt das Board auch die Boston Consulting Group, deren Österreich-Dependance Mei-Pochtler in den 1990er-Jahren aufgebaut hat.

Auch Kurz’ Kabinettschef Bernhard Bonelli war dort einst tätig, wobei aktuell sein Stellvertreter Markus Gstöttner die Schnittstelle zum Kanzleramt darstellt (siehe Text rechts). Beeindruckend sei, dass man es geschafft habe, ohne ein Budget ehrenamtlich eine so große interdisziplinäre Gruppe zusammenzubringen, sagt Mei-Pochtlers Stellvertreter Stephan Rihs. Derartige Komitees gebe es "in nur wenigen Ländern". "Wir stehen nicht zur Wahl, sondern sind Dienstleister", sagt Mei-Pochtler. Ihr gehe es darum, "diejenigen, die Entscheidungen treffen, mit dem Know-how zu versorgen". Dafür suche man internationale Studien und Best-Practice-Beispiele. Ein Teilnehmer der Gesprächsrunden sagt, dass ein "gepflegter Austausch" herrsche und man eine steigende Qualität der Berechnungen sehe, die einzelne Institute veröffentlichen. Aus einer Konkurrenzsituation gelangte man hier in einen Raum, in dem man "Schulter an Schulter" arbeiten könne.

Ein ungleiches Duo

Die Moderation der Plattform liegt bei Mei-Pochtler und Starlinger. Sie leiten Diskussionen und überlegen, welche Experten man noch an Bord holen könnte. Mei-Pochtler, die einst eine Kolumne für den STANDARD schrieb, gilt als Vertraute von Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Der bat sie in der türkis-blauen Regierungszeit, einen Thinktank im Kanzleramt aufzubauen. Seine Nachfolgerin Brigitte Bierlein löste den dann wieder auf, sie holte dafür Starlinger als Verteidigungsminister an Bord. Während der türkis-grünen Koalitionsverhandlungen galt Starlinger als heißer Kandidat für eine Verlängerung, sollte das Verteidigungsressort den Grünen zufallen. Es kam anders, Starlinger kehrte an die Seite von Bundespräsident Alexander Van der Bellen zurück.

Während ihre Lebensläufe die Kanzler-Vertraute und den Präsidenten-Vertrautem eher trennen, teilen sie doch die Herangehensweise an Probleme: Beiden ist ein holistischer Ansatz wichtig.

Starlinger, der etwa die multinationale Task Force South im Kosovo leitete, lernte den 360-Grad-Blick beim Bundesheer auseiner strategisch-militärischen Perspektive; Mei-Pochtler bei Boston Consulting als Beraterin großer internationaler Konzerne.

Mittlerweile ist die in Rom geborene Betriebswirtin neben ihrer Tätigkeit bei Think Austria in ausländischen Aufsichtsräten engagiert, etwa bei der deutschen ProSiebenSat1-Mediengruppe. In Österreich nimmt sie keine Funktionen bei Unternehmen wahr. (Fabian Schmid, Katharina Mittelstaedt, 26.4.2020)