Repenomamus hat uns gelehrt, dass sich nicht alle Säugetiere vor den Dinosauriern versteckten.
Foto: REUTERS/Peter Morgan

Dass in der Ära der Dinosaurier nicht nur spitzmauskleine Säugetiere von Versteck zu Versteck huschten, weiß man spätestens seit Repenomamus giganticus. Der im Jahr 2000 entdeckte Säuger aus der frühen Kreidezeit wurde immerhin einen Meter lang und 15 Kilo schwer. Und er war ein Räuber – zu seinen Beutetieren dürften aller Wahrscheinlichkeit nach auch kleine Dinosaurier gezählt haben.

Nun stellt ein Team um den kanadischen Paläontologen David Krause im Fachjournal "Nature" ein weiteres kreidezeitliches Säugetier von – für damalige Verhältnisse – respektabler Größe vor. Und zwar hatten die Forscher auf Madagaskar die Fossilien eines Tiers entdeckt, das im Zeitraum vor 72 bis 66 Millionen Jahren lebte und seinerzeit etwa 3,1 Kilogramm auf die Waage gebracht hätte. Und es war zum Zeitpunkt seines Todes noch nicht ganz ausgewachsen, wie sich aus der Untersuchung seiner Überreste schließen lässt.

Das Fossil aus Madagaskar war ein paläontologischer Sechser im Lotto.
Foto: Marylou Stewart

Während man von Säugern aus dieser Zeit zumeist nur Zähne oder mit Glück den Teil eines Schädels findet, liegt hier ein annähernd vollständiges Skelett vor, inklusive Überresten des Knorpelgewebes. Die Spezies erhielt die Bezeichnung Adalatherium hui, eine Mischung aus Griechisch und dem auf Madagaskar gesprochenen Malagasy, die so viel wie "verrücktes Tier" bedeutet. Diesen Titel hat es verpasst bekommen, weil seine Anatomie wie ein Mix aus urtümlichen und modernen Merkmalen wirkt. So war beispielsweise sein Zahnschmelz noch sehr einfach aufgebaut, während es bereits über erstaunlich weit entwickelte Gehörschnecken verfügte.

Die Forscher ordnen das Tier der Gruppe der Gondwanatheria zu, die nach dem südlichen Superkontinent benannt sind. Gondwana war damals allerdings bereits stark in Auflösung begriffen, was für die Größe des Tiers durchaus relevant sein könnte. Madagaskar hatte sich nämlich schon vor 88 Millionen Jahren von Indien und den Seychellen abgetrennt und bildete eine isolierte Landmasse.

In einer solchen Umwelt läuft die Evolution auf Hochtouren und kann bei Kleintieren sogenannten Inselgigantismus auslösen: Diese erreichen dann Größen, die weit über das Maß ihrer Verwandten auf dem Festland hinausgehen. Mit Vintana hatte man zuvor bereits an der Westküste Madagaskars ein noch größeres Säugetier entdeckt, das im selben Zeitraum lebte. Zwei Spezies sind allerdings zu wenig, um einen allgemeinen Trend zum Säugetier-Gigantismus im kreidezeitlichen Madagaskar zu belegen, wie die Forscher einräumen.

Die Rekonstruktion von Adalatherium hui.
Illustration: Andrey Atuchin

Spannend sind aber auch die Verwandtschaftsverhältnisse von Adalatherium. Denn äußerlich mag es einem großen Nagetier wie einem Biber geähnelt haben, tatsächlich war es aber von etwas exotischerer Herkunft. Heute gibt es nur noch drei Gruppen von Säugetieren: die weltweit dominierenden Plazentatiere, die Beuteltiere und die wenigen Arten eierlegender Kloakentiere. In der Kreidezeit hingegen existierten noch einige Entwicklungslinien mehr, und eine davon war die Gruppe der Gondwanatheria und der mit ihnen verwandten Multituberculata.

Dieser Zweig der Säugetierevolution entwickelte sich vor mindestens 160 Millionen Jahren und ist bis heute derjenige, der sich am längsten gehalten hat. Er ist zwar bereits ausgestorben – aber nicht beim Asteroideneinschlag vor 66 Millionen Jahren, der all die anderen alternativen Entwicklungslinien der Säugetiere dahingerafft hat. Multituberculata und Gondwanatheria gediehen nach der globalen Katastrophe weiter und starben erst vor etwa 40 Millionen Jahren im späten Eozän aus. Nicht eindeutig zuordenbare Fossilien deuten an, dass diese "anderen" Säugetiere sogar bis vor 17,5 Millionen Jahren neben den uns vertrauten weiterexistiert haben könnten. Warum sie im Gegensatz zu den urtümlichen Kloakentieren schließlich doch verschwunden sind, ist unbekannt.

Der Fund aus Madagaskar umfasste unter anderem eine große Zahl von Rückenwirbeln und einen breiten, kurzen Schwanz.
Foto: Simone Hoffmann

Was aus den kreidezeitlichen Bewohnern Madagaskars geworden ist, da ist sich Krause hingegen relativ sicher. Der Forscher, der heute für das Denver Museum of Nature and Science arbeitet, hat die einstige Fauna der Insel lange studiert. Die dort lebenden Säugetiere und Dinosaurier – darunter etwa der bekannte Fleischfresser Majungasaurus – dürften dem Asteroideneinschlag zum Opfer gefallen sein. Ihre Entwicklungslinien rissen vor 66 Millionen Jahren ab.

Damit war die 587.000 Quadratkilometer große Insel zur Neubesiedlung freigegeben. Das lief diesmal allerdings etwas mühsamer ab als bei der ursprünglichen Bevölkerung. Denn die stammte von Ahnen ab, die bereits im Raum Madagaskar gelebt hatten, als es noch mit dem Rest Gondwanas verbunden war. Sie waren also zu Fuß eingewandert und entwickelten sich dann in der Isolation zu neuen Formen und Größen.

Nun jedoch war Madagaskar vom Ozean umschlossen, neue tierische Kolonisten konnten also nur fliegend, schwimmend oder auf natürlichen Flößen aus Pflanzenmaterial treibend eintreffen – ein sporadischer Prozess, der stark vom Zufall bestimmt ist. Auf diese Weise erhielt die Insel nach und nach ihre heutige Fauna, darunter etwa die Lemuren oder die Madagassischen Raubtiere. Doch in einem Punkt ähnelt die heutige Tierwelt der Insel der kreidezeitlichen: Erneut ist sie weltweit einzigartig. (jdo, 1. 5. 2020)

Madagaskar heute: Ein Tier wie die Fossa findet man nirgendwo sonst auf der Welt.
Foto: REUTERS/Baz Ratner