Medizinisches Personal am Eingang zum Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien: Hierzulande gab es keine Berichte von überlasteten Krankenhäusern.

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Die Mahnung ertönte mit eindringlicher Verlässlichkeit: Über viele Jahre rechneten der Rechnungshof und Gesundheitsexperten vor, dass sich Österreich im internationalen Vergleich übermäßig viele Akutbetten in Spitälern leiste. Einen unnötigen Luxus sahen die Kritiker darin. Das Geld für die stationäre Versorgung sei in anderen Gesundheitsleistungen besser angelegt: in Ambulanzen, Arztpraxen und der Pflege, wo viele Patienten günstiger und erfolgreicher versorgt werden könnten.

Dabei geht es um riesige Summen. In diversen Konzepten für eine Staatsreform fand sich das Abspecken der Krankenhäuser als potenziell lukrativster Posten wieder. Ende 2015 quantifizierte der Rechnungshof unter dem damaligen Präsidenten Josef Moser die "Überkapazitäten" bei den Akutbetten – Fachbegriff für gewöhnliche Spitalsbetten – mit 4,75 Milliarden Euro. Doch dann kam die Corona-Krise – und stellte die Botschaft infrage. Aus Italien, Frankreich und Spanien, wo es auf die Einwohner gerechnet weit weniger Akutbetten gibt, kamen erschreckende Berichte über überlastete Spitäler, die nicht mehr alle Corona-Patienten behandeln könnten. Österreichs Krankenanstalten hingegen kamen bisher gut über die Runden.

Sind die Fachleute mit ihren Sparplänen also einem fahrlässigen Irrtum aufgesessen? Die SPÖ beantwortet die Frage mit Ja. Es stelle sich als "goldrichtig" heraus, dass kein sozialdemokratischer Kanzler der Empfehlung des Rechnungshofs gefolgt sei, die Zahl der Spitalsbetten um bis zu 40 Prozent zu reduzieren, urteilte der Abgeordnete Rudolf Silvan. Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker fühlt sich ebenso bestätigt – auch gegenüber der ÖVP, die stets für Einsparungen Stimmung gemacht habe.

Rechnungshof "zieht Lehren"

Die Reaktion des Rechnungshofs selbst klingt ein Stück weit nach Rückzieher. "Ganz Österreich wird seine Lehren aus der Corona-Krise ziehen müssen. Da ist der Rechnungshof keine Ausnahme", sagt Präsidentin Margit Kraker und nimmt für sich eine andere Linie in Anspruch als der Vorgänger: Schon länger stehe bei den Prüfungen nicht mehr die Einsparung, sondern der Nutzen für die Bürger im Vordergrund.

Doch nicht alle Fachleute stimmen in die Kritik ein. Ex-Rechnungshofpräsident Franz Fiedler warnt davor, alte Empfehlungen "automatisch über Bord zu werfen", solange es keine umfassende Bestandsaufnahme gebe, wie die Spitäler durch die Krise kamen. Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS), der ebenfalls für die Umverteilung von Akutbetten zum ambulanten Bereich plädiert hat, sieht keinen Grund, irgendetwas zurückzunehmen: "Von einem historischen Irrtum kann keine Rede sein."

Zum Beleg verweist der Experte auf das Dashboard zu Covid-19 des Gesundheitsministeriums, das laufend aktualisierte Daten zur Krise bietet. Dort ist abzulesen, dass die für Corona-Patienten verfügbaren "Normalbetten" (=Akutbetten) seit Anfang April an keinem Tag zu mehr als fünf Prozent besetzt waren, die Auslastung der Intensivbetten lag bei maximal 26 Prozent. Auch wenn die Spitäler die Zahl wie empfohlen reduziert hätten, sagt Czypionka, "wären die Kapazitäten nicht annähernd ausgelastet gewesen. Wir wären mit der Hälfte der Betten ausgekommen."

Kapazitäten kein Faktor?

Dass Österreich vergleichsweise glimpflich davonkam, habe also nichts mit den vielen Spitalsbetten zu tun, so der Forscher, auch der internationale Vergleich zeige keinen Zusammenhang: Dänemark und Singapur sind mit 2,5 und 1,98 Akutbetten pro 1.000 Einwohner viel bescheidener ausgestattet als Österreich (5,5 Betten), stehen aber ähnlich gut da.

Die Gegenbeispiele erklärt er mit anderen Faktoren. In Norditalien etwa hätten die vielen chinesischen Arbeiter in der Textilindustrie das Virus stark verbreitet. Vor allem aber spiele die Wohnsituation eine entscheidende Rolle. Während in Österreich weniger als fünf Prozent der 30- bis 49-Jährigen mit den Eltern zusammen leben, sind es in Italien mehr als 20 Prozent und in Spanien über zehn Prozent. In den mediterranen Ländern hätten die jüngeren Menschen folglich mehr gefährdete ältere Menschen angesteckt, sagt Czypionka: "Das führt zu höheren Todesraten."

Allerdings könnte eine Infektionswelle ja noch dramatischer ausfallen. Sind viele Spitalsbetten deshalb nicht doch eine gute Versicherung? Auch dem widerspricht der Experte. Nur alle zehn bis 20 Jahre sei mit einer Pandemie zu rechnen, da sollte ein Land besser in die Vorsorge investieren statt in über lange Zeit überflüssige Infrastruktur. Es brauche Frühwarnsysteme, bei denen ein Stab aus Spezialisten rasch die richtigen Maßnahmen setzt, und die nötige Grundausstattung. In der Corona-Krise fürchteten sich die Spitäler ja auch deshalb vor Überlastung, sagt Czypionka, "weil viele Arztpraxen wegen mangelnder Schutzausrüstung ihre Aktivität stark eingeschränkt haben".

Er beurteile das nicht anders als sein Kollege vom IHS, sagt Martin Sprenger. 80 bis 90 Prozent der Fälle einer Pandemie würden wegen eines milden Verlaufes nie ein Spital von Innen sehen, erläutert der Public-Health-Experte, deshalb brauche es eine starke "Primärversorgung", etwa genügend Hausärzte. An Allgemeinmedizinern gebe es aber jetzt schon einen Mangel, die Zahl der Absolventen sei binnen fünf Jahren von 1.000 auf 300 gesunken. Sprenger hegt eine Befürchtung: Weil in der Corona-Krise ständig nur die Spitäler im Fokus stehen, drohe die Basisversorgung noch stärker vernachlässigt zu werden. (Gerald John, 10.5.2020)

Der Artikel wurde um die Stellungnahme des Public-Health-Experten Martin Sprenger ergänzt.