Impressionen von 1945: "Ein totes Pferd auf dem Schwedenplatz. Die Menschen, die Fleischstücke aus dem Körper schneiden, arbeiten verbissen, es muss schnell gehen."

Foto: Picturedesk.com / ÖNB-Bildarchiv / Walter Lämmermann

Ich habe den Herrn Karl gekannt. Nicht Helmut Qualtingers Exemplar, sondern in vielerlei Gestalt. Als es mit dem Nazireich zu Ende ging, war der Herr Karl nämlich ein wahrer Freund, auf den man sich verlassen konnte.

Man wusste bloß nicht immer, mit wem man es zu tun hatte. War es einer von denen, die wieder einmal die Kurve gekratzt hatten und nun als stille Teilhaber des Widerstands keinen mehr verpfiffen und schon gar keinen mehr an die Wand stellten, wenn es sich vermeiden ließ, also ein Herr Karl? Oder war es einer von denen, die das Regime von Anfang an verabscheut hatten?

Mit den beiden Mädchen, welche die Anzeige verschwinden ließen, habe ich gesprochen. Das Arbeitsamt für Jugendliche beschuldigte mich der Sabotage. Sie erklärten mir, mein Sachbearbeiter sei bei einem Luftangriff zu lang vor dem Haustor gestanden, die Anzeige gegen mich sei aber obenauf auf seinem Schreibtisch gelegen. Wo sie nun sei? In dieser Lade. Wie lange sie dar in bleibe? Bis zum Endsieg.

Mit dem Unteroffizier der Feldgendarmerie, der eine Ausweiskontrolle, die für mich tödlich geendet hätte, mit einem kurzen Befehl abbrach, unmittelbar bevor ich, verdächtig genug aussehend, an die Reihe kam, habe ich kein Wort gesprochen. Nur mit dem Neffen des unter uns wohnenden Herrn Rath, der es lebend aus einem brennenden Panzer geschafft hatte und dabei ein Bein verloren hatte, war ich bereits bekannt, als er mein Lebensretter wurde.

Er war ein überzeugter Nazigegner und trat mit seinen Krücken entschlossen zwischen mich und die auf mich gerichtete Pistole des SS-Mannes, der mit durchblutetem Kopfverband und Alkoholfahne "Wehrpass oder Soldbuch!" sehen wollte, und verwickelte jenen in ein Gespräch, während ich ins Haus rannte. Ein Bild wie aus dem Film Der Letzte Akt von G. W. Pabst. Die Innere Stadt war bereits befreit, wir im zweiten Bezirk noch nicht. Der SS-Mann zog ab.

Ein winziges Stückchen Hering

Im Bewusstsein, dass die Nazis Verbrecher waren, hatte ich mich, aus der Schule geflogen und allein in Wien, in den letzten Kriegsmonaten in eine kritische Situation manövriert und die permanente Lebensgefahr so gut es ging verdrängt. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich bereits in der deutschen Rüstungsindustrie zehn Stunden pro Tag sechs Tage pro Woche gearbeitet hatte, als ich etliche Metallteile, deren Zweck mir nicht mitgeteilt wurde, etwas zu klein schliff.

Ich hatte zu der Zeit bereits viele, viele Kabelenden verzinnt, die zur Elektrik des Jagdflugzeugs Me 109 gehört haben dürften, Kunststofflappen zu Keilriemen für Wehrmachtautos zusammengenietet, weil für Keilriemen aus einem Stück kein Material mehr da war, und Rüstungsgut mit dem Handwagen durch die Gegend befördert.

Ich weiß nicht mehr, wie ich es später angestellt habe, nie nach einem Ausweis gefragt zu werden. Im Hinterkopf war die Gefahr wohl stets präsent. Sonst hätte sich nicht der Moment, in dem die Männer im Stahlhelm mit dem Blechschild der Heeresstreife vor der Brust das Trześniewski betraten, während ich es, von ihnen unbeachtet, im gleichen Augenblick verließ, meinem Gedächtnis eingeprägt.

Das Trześniewski in der Dorotheergasse war viel kleiner als heute, ein kurzer, schmaler Schlauch, Treffpunkt von Fremdarbeitern aus ganz Europa. Ich ging oft hin, weil man dort für ein paar Pfennig dünne, durchfeuchtete Brotscheibchen mit einem winzigen Stückchen Hering ohne Abgabe einer "Brotmarke" bekam, Brot war ja streng rationiert.

Glühbirne trotz Verdunklungsvorschriften

Für die deutsche Wehrmacht war ich nicht mehr existent, ich durfte mich bloß nicht erwischen lassen. Im Wehrkreiskommando am Franz-Josephs-Kai war nämlich dort, wo sich der Blechschrank mit meinem Akt als für drei Monate zurückgestellter Wehrpflichtiger befunden hatte, nach einem Luftangriff nur noch Luft. Wie viele Monate war ich mit dem abgelaufenen Wehrpass herumgelaufen, mit dem man als Deserteur galt, als ich, russische Granaten schlugen bereits ein, auf der Marienbrücke in die Kontrolle der Feldgendarmerie geriet? Ich weiß es nicht mehr.

Woran kann ich mich noch erinnern? An die von einer Zimmerdecke im letzten Stockwerk eines Hauses in der Margaretenstraße baumelnde nackte Glühbirne, die nach einem Luftangriff die ganze Nacht brannte, allen Verdunkelungsvorschriften zum Trotz. Unter dem Dachstuhl des zerstörten Hauses und der Zimmerdecke mit der Lampe vier Stockwerke tief nichts mehr, doch die Glühbirne leuchtete in der Finsternis.

Nach den Angriffen ging ich durch die Straßen, ich musste sehen, sehen. Meine Art zu verarbeiten. Auf dem Schwedenplatz ein von einer nicht explodierten Bombe schräg durchbohrtes Haus. Die Häftlinge, die vor dem Theater an der Wien soeben einen Blindgänger entschärft hatten. Die Leute gaben ihnen Essen, die Wachen sahen zu. Andere Häftlinge, die in der Taborstraße, Ecke Karmelitergasse, eine Nacht lang Verschüttete ausgruben. Die kleinen Pakete mit den sterblichen Überresten, in eine Seitenkapelle der Karmeliterkirche getragen.

Obenauf ein Buch

Das Feuer einer Farbenhandlung hatte den öffentlichen Luftschutzraum erreicht und wenig übrig gelassen. In der Wollzeile das Prachtexemplar eines widerwärtigen kleinen Offiziers, stampfend, schreiend, weil sein Urlaub zu Ende war und ihm der Zug an die Front wegzufahren drohte, und der alte Wiener Taxler, der ihn zum Bahnhof bringen sollte und bei geöffneter Motorhaube seelenruhig erklärte, was könne er dafür, wenn der Motor streike. Es gebe ja keine Ersatzteile. Die Tiger-Panzer, die nachts auf dem Karlsplatz im Feuerschein der aus zerbombten Gasrohren lodernden Fackeln die Pflastersteine durch die Luft wirbelten.

Ein totes Pferd auf dem Schwedenplatz. Die Menschen, die Fleischstücke aus dem Körper schneiden, arbeiten verbissen, es muss schnell gehen. Die in die Luft gestreckten, hin und her gezerrten Beine des Pferdes wurden in meiner Erinnerung zu einer Zeichnung von Kubin.

Der Einschlag aus einer "Stalinorgel" in unser Nebenhaus. Wir waren auf der anderen Straßenseite gestanden und in den Keller gerannt, Werfergranaten hörte man lang genug kommen. Der Schutthaufen in der Tandelmarktgasse verlegte unser Haustor. Obenauf das Buch Mikrobenjäger von Paul de Kruif, leicht beschädigt, in den Seiten blätterte der Wind.

Eine gestohlene Büchse Sardinen

Ein Granatentreffer setzte am Vormittag das Dach des Eckhauses zur Karmelitergasse in Brand. Am Abend erreichte das Feuer die Leihbücherei im Erdgeschoß. Unter den Menschen im Keller muss sich die Angst derart aufgeschaukelt haben, dass sie sich nicht herauswagten, weil ja geschossen wurde, bis das Haus über ihnen zusammenbrach. Eine winzige Episode aus den Tagen der Befreiung. Dass in diesem Keller auch ein "U-Boot" ums Leben gekommen war, ein Jude, der sich dort versteckt hatte, hörte ich wenige Tage später.

Eines Morgens Ruhe, nur von der Taborstraße her das Rasseln von Panzerketten. Ich ging vorsichtig hin. Ich hatte eine schwache Ahnung, wie die Deutschen in Russland gewütet hatten. Aber die Leute winkten, und die Soldaten auf den Panzern winkten zurück. Frei!

Wahrscheinlich bin ich der einzige Wiener, der einen Russen beraubt hat. Ich war so ausgehungert, dass ich in der Haidgasse einem Soldaten eine Büchse Sardinen aus der Hand riss und davonrannte. Ich hatte keine Angst vor ihm, ich war ja befreit. Er hat mir nachgebrüllt, aber nachgeschossen hat er mir nicht.

Bei der Plünderung eines Schuhgeschäfts in der Rotenturmstraße waren die Schuhe durcheinandergeworfen worden. Nun waren sie an der Gehsteigkante aufgereiht. Russische Soldaten und Wiener schritten einträchtig die Reihe ab, einen Schuh in der Hand, auf der Suche nach dem zweiten.

Der Herr über uns, an dessen Tür noch vor wenigen Tagen das Hakenkreuz geprangt hatte, war über Nacht Kommunist geworden. Der gefürchtete Luftschutzwart war wieder der biedere Greißler, der nichts zu verkaufen hatte, weil es nichts gab. Im Keller, wo die "Hausgemeinschaft" die noch nicht in Gänsefüßchen gesetzte Befreiung erwartet hatte, lagen die Scherben der feierlich zertretenen Schallplatte mit dem Deutschland- und dem Horst-Wessel-Lied.

In den Bombentrichtern verrotteten die schwarzen und braunen Uniformen und Stiefel, wie Konfetti drübergestreut die Parteiabzeichen. Ich war wohl sehr naiv mit meinen 17 Jahren. Ich hielt sie alle, die vor kurzem noch Nazis gewesen waren, tatsächlich für geheilt. (Hellmut Butterweck, 4.5.2020)