Ein Jumbojet von KLM landet in Amsterdam. In den letzten Jahren waren immer weniger Maschinen dieses Typs am Himmel zu sehen.

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Eine Boeing 747-400F wird in Genf entladen. Dank der Corona-Krise erlebt der Jumbo-Jet ein unerwartetes Comeback.

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Ein Markenzeichen des Frachtflugzeugs: Die aufklappbare Nase.

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Es ist wohl das unwahrscheinlichste Comeback der Luftfahrtgeschichte: Noch Ende April waren auf der ganzen Welt nur mehr zwei Boeing-747-Jumbojets mit Passagieren in der Luft. Viele Airlines hatten ihre 747 bereits ausgemustert oder waren gerade dabei, sie endgültig aufs Abstellgleis zu stellen. Der ikonische Flugzeugtyp mit dem charakteristischen "Buckel", 1969 zum ersten Mal am Himmel zu sehen, war nicht mehr zeitgemäß.

Ältere Versionen des vierstrahligen Jumbojets wurden bereits durch effizientere, kleinere und neuere zweimotorige Großraumflieger von Boeing und Airbus ersetzt. Fluggesellschaften wie Lufthansa und KLM haben den Ruhestand ihrer 747 beschleunigt, einige Jahre früher als ursprünglich geplant.

Passagierflotte im Leerlauf

In der Corona-Krise schlägt aber noch einmal die Stunde der "Königin der Lüfte", wie sie auch gerne bezeichnet wird. Während die Pandemie weiterhin den Globus in Atem hält, hat sie vor allem den Flugbetrieb katastrophal beeinflusst. Einschränkungen bei Inlands- und Auslandsflügen haben den Flugplan auf einen Bruchteil der tausenden Flüge reduziert, die vor wenigen Monaten noch täglich durchgeführt wurden. Zehntausende Mitarbeiter bangen um ihre Jobs, viele Fluglinien stehen kurz vor dem Zusammenbruch und hoffen auf staatliche Unterstützung, um diesen Sturm zu überstehen.

Während die Passagierflotte weitgehend im Leerlauf ist, muss Fracht, die sich früher unwissentlich in den Großraum-Passagierjets unter den Füßen der Reisenden befand, dennoch irgendwie an ihr Ziel gelangen. Und so gingen Fluggesellschaften zum Beispiel dazu über, Güter in der Kabine zu verstauen, um so wenigstens für ein bisschen Auslastung zu sorgen. Und hier kommt der Jumbojet ins Spiel. "Die 747 spielt definitiv die Rolle eines Helden, wenn es darum geht, wichtige Güter in dieser Krise um die Welt zu bewegen", stellt Henry Harteveldt, Analyst und Gründer der Atmosphere Research Group, gegenüber CNN fest.

Frachter am Himmel

Denn jetzt, da der internationale Transport vor allem medizinischer Güter zur Chefsache geworden ist, sind Silk Way Airlines, Atlas Air, Air Bridge Cargo und Cargolux – die vor Covid-19 der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt waren – die Stars logistischer Bemühungen zur Unterstützung von Ersthelfern. Und sie fliegen alle die Boeing 747F – das F steht für "Freighter", Frachter.

Die in Moskau ansässige Air Bridge Cargo (ABC) beispielsweise verfügt über 17 747F – vier 747-400F und 13 neuere 747-8F. Als Teil der Wolga-Dnepr-Gruppe – bekannt für ihren Riesenvogel Antonow AN-124 – fliegen die 747 von ABC 15 Stunden am Tag. Eine Analyse der Trackingdaten von Flightradar 24 ergab, dass der Betrieb von ABC im März im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Monaten um 51 Prozent gestiegen ist. Vor allem die klimatisierten Laderäume der 747-8F sind ein wichtiges Asset beim Transport von medizinischen Gütern.

Der Rand rückt ins Zentrum

Der Logistikanbieter UPS Airlines hat 28 747F in seiner Flotte, weitere 15 747-8F sind bestellt. Als Teil der Flotte von 261 speziellen Frachtflugzeugen hat die Fluggesellschaft ihre größten Frachter in den Kampf gegen die Pandemie geworfen. "UPS war bereits gut positioniert, um die Bemühungen zu unterstützen, kritische Lieferungen in Bereiche zu verlagern, in denen sie am dringendsten benötigt werden", sagt dazu Michelle Polk, Sprecherin von UPS.

Die Krise rückt auch eher randständige Orte in den Mittelpunkt. Anchorage in Alaska etwa. Mehreren Berichten zufolge wurde der dortige Flughafen schlagartig zu einem der verkehrsreichsten der Welt: Immer mehr Frachtflugzeuge nutzen ihn als Zwischenstopp auf dem Weg zwischen Asien und Nordamerika.

Längster Jumbo

Bei Frachtflugzeugen muss man, wie bei allen anderen Flugzeugen auch, die Ladung und die Treibstoffmenge gegen die maximale Nutzlast des Fliegers abwägen. Das schlägt sich auf die erreichbare Länge des Fluges nieder. Flüge von den großen Städten Chinas nach Anchorage dauern etwa 8,5 bis neun Stunden. Eine Strecke, die man mit einer 747-8F bei voller Nutzlast locker schaffen kann, wie es bei UPS heißt.

Die neueste Version des Frachtjumbos basiert auf dem Passagiermodell 747-8. Mit etwas mehr als 250 Fuß (rund 76 Meter) ist es der längste aller Jumbos inklusive neuen Motoren und verbesserter Aerodynamik.

Der Frachter verfügt über eine Funktion, die der 747 ihr ikonisches Profil verleiht. Die Nase des Flugzeugs kann nach oben schwingen, wodurch sich das gesamte Hauptdeck beladen lässt. Das Flugzeug hat auch eine Hauptdeck-Ladetür im hinteren Teil des Rumpfes. Zwischen dem Hauptdeck und dem Laderaum kann eine 747-8F über 136 Tonnen Fracht transportieren.

Bemerkenswerte Langlebigkeit

Eine Spezialität der Air Bridge Cargo: Die Bugladetür bietet die Möglichkeit, Fracht außerhalb der Norm zu laden. Dadurch können auch extralange Rohre, Dieselgeneratoren, Kompressoren, Pumpen und andere große und schwere Geräte transportiert werden.

Vor über 50 Jahren erwartete Boeing, dass die 747 nur ein Postskriptum in der Luftfahrtgeschichte sein würde, da die Passagiere bald mit Überschalljets fliegen würden. Joe Sutter, Chefingenieur der 747, und sein Team entwarfen den Jumbo so, dass er in einen Frachter umgewandelt werden konnte, mit einer Hauptdeckbreite, die zwei Reihen von acht Fuß (rund 2,4 Meter) breiten Frachtcontainern aufnehmen konnte, und der hochklappbaren Nase, die der 747 ihren markanten "Buckel" verleiht.

Über 1.500 Lieferungen später hat die "Königin der Lüfte" eine bemerkenswerte Langlebigkeit gezeigt. (max, 8.5.2020)