Das "Danke" am Muttertag fühlt sich einerseits richtig an, andererseits ist es ein Hohn.

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Die Corona-Krise führte konservative Ideen über Mutterschaft deutlich zutage. Immerhin könnte eine Lehre daraus sein, endlich "Nein danke" zum alljährlichen "Danke" zu sagen. In den vergangenen Wochen der Ausgangsbeschränkungen wurde in verschiedensten Ländern geklatscht. Von Balkonen und Fenstern applaudierten Menschen herunter.

Doch schon bald gab es den einen oder anderen Widerstand von jenen, für die diese Geste erdacht wurde, sie ärgerten sich, statt sich darüber zu freuen – seien es Pflegerinnen oder Handelsangestellte. Einige von ihnen äußerten Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen statt Klatschen in der Krise und Plakaten mit einem mit Herzchen geschmückten "Danke" darauf.

Das erinnert an den Muttertag. Dieses "Danke" fühlt sich einerseits richtig an, andererseits ist es ein Hohn. Frauen stehen in Österreich durchschnittlich mit 663 Euro weniger Pension da. Warum wissen wir längst: Karenzen und Teilzeit sind die Hauptfaktoren. Rund 70 Prozent der Mütter mit Kindern unter 15 Jahren arbeiten Teilzeit, bei den Vätern sind es sechs Prozent.

Das ist eine schwerwiegende Ungleichverteilung der unbezahlten Arbeit – und sicher kein Grund für einen Feiertag. Die Fakten darüber, dass Mutterschaft finanzielle Abhängigkeit, Altersarmut oder einen Patzen unbezahlter Arbeit bedeutet, liegen auf dem Tisch. Was ist es also, dass man den Muttertag noch immer derart abfeiert?

Von "Mutterinstinkt" zu "Mutterliebe"

Ein paar Antworten finden sich in Elisabeth Badinters Die Mutterliebe. Geschichte eines Gefühls vom 17. Jahrhundert bis heute. Es ist ein etwas in Vergessenheit geratener feministischer Klassiker, dabei enthält gerade dieser für die Gegenwart viel brauchbares und vor allem entlastendes Wissen über die Vorstellungen von Mutterschaft. Denn die Geschichte zeigt, dass Mutterschaft auch nur eine Erzählung ist, die nach den jeweils herrschenden Ideologien geformt wurde.

Früher war noch vom "Mutterinstinkt" die Rede, doch als der "Instinkt" mehr und mehr in Verruf geriet, weil bei näherem Hinschauen klar wurde, dass man nur schwer "universale und naturnotwendige Haltungen entdecken" kann, wurde daraus die "Mutterliebe", schreibt Badinter.

Doch so oder so, wir meinen bis heute, dass jede Frau, sobald sie Mutter wird, plötzlich Antworten auf "alle Fragen, die ihr neuer Zustand aufwirft, in sich selbst findet". Somit wird auch der etwas weniger rückschrittlich klingenden "Mutterliebe" etwas zutiefst "Instinktives" untergeschoben. Dabei ist sie nur ein menschliches Gefühl, so Badinter, das so "wie jedes Gefühl ungewiss, vergänglich und unvollkommen" ist.

Die Vorstellung, Mütter würden eine völlig andere, eine deutlich bedeutendere Rolle für ihr Kind spielen, ist bis heute mächtig – immerhin werden damit noch immer mit großem moralischem Nachdruck gesellschaftliche Rollen verteilt. Eine erst kürzlich publizierte Studie der Österreichischen Akademie der Wissenschaft und der Uni Wien zeigte, dass 50 Prozent der zwischen 1970 und 1979 geborenen Frauen denken, dass ein Vorschulkind unter der Berufstätigkeit der Mutter leidet.

Und ein Blick in ein beliebiges Mütterforum im Netz zeigt: Die Ansprüche an Mutterschaft steigen und steigen. Auch Badinter stellte in einem späteren Buch fest (Die Frau und die Mutter – Der Konflikt), dass Mutterschaft mehr denn je als Naturgewalt inszeniert wird, der wir uns gefälligst zu ergeben haben: stillen, so lange wie nur möglich, gefolgt von selbstgekochtem Biobrei, und jede Geste muss pädagogisch wertvoll sein.

Ein rauer Ton mit den Frauen

Sowohl in der Elternratgeberliteratur als auch beim informellen Austausch im Netz herrscht oft hundertprozentige Solidarität mit dem Nachwuchs und ein rauer Ton mit Frauen, die nur das "Zweitbeste" tun und sich selbst auch auf dem Radar haben. Wer dieser Tage klar formulierte Regeln für Kindergärten und raschere Öffnung der Schulen forderte, bekam Antworten in dem Stil: Ob man nicht gewusst hätte, was es bedeute, ein Kind in die Welt zu setzen?

Das ist ein Bild von Elternschaft, in dem die alleinige Zuständigkeit letztendlich, wenn es hart auf hart kommt, zu Hause gezeigt wird, nur im Privaten. Dabei liegen genau dort die Ursachen für die hohe Teilzeitrate, Altersarmut, finanzielle Abhängigkeit von Frauen. Diese offensichtlichen Zusammenhänge ignoriert die Politik seit Jahrzehnten, und sie erweist sich in Fragen der Verteilung der Familienarbeit als handlungsunfähig – man will sich schließlich nur ungern ins Private einmischen. Dabei agiert die Politik durch Familien- und ausstehende Frauenpolitik ständig und aktiv ins vermeintlich Private hinein.

Unbeabsichtigte Selbstentblößung

Und vergessen wir nicht folgende vielzitierte unbeabsichtigte Selbstentblößung: Es sei "keine Schande", das Kind in den Kindergarten oder in die Schule zu bringen, wenn man es nicht mehr aushält, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz. Natürlich nicht, niemand hält es aus, länger als ein paar Tage neben Kindern zu arbeiten, die selber lernen sollten oder bespaßt werden wollen.

Dass die Politik sich in der Krise für die Kinderbetreuung kaum bis gar nicht zuständig fühlte, auch das vermittelt ein Bild der Mutterschaft, und zwar von höchster Stelle: "Sie macht das schon." In der Corona-Krise tragen die Frauen zu 42 Prozent die Hauptlast für die Kinderbetreuung, bei den Männern sind es 23 Prozent, das zeigte eine vom Momentum-Institut in Auftrag gegebene Sora-Umfrage. Sie macht das also wirklich. Aber zu welchem Preis?

"Unser gesellschaftliches System basiert auf der unbezahlten Sorgearbeit von Frauen – zuungunsten ihrer ökonomischen Absicherung und ihrer Einflussmöglichkeiten", sagte die Soziologin Laura Wiesböck kürzlich in einem Interview. Das alles hat mit "Mutterliebe" also nichts zu tun.

Der Muttertag allerdings schon, der stramm gegen sämtliche Argumente und Fakten dahingehend ideologisiert – wie viele andere versteckte und offene ideologische Hinweise in unserem Alltag –, wie Mütter sein sollten, was sie zu leisten hätten. Einige Menschen in Jobs, die auch während der Krise weitermachen und noch mehr leisten mussten, machten es vor. Lasst doch bitte das Klatschen sein – und reden wir ernsthaft über bessere Bedingungen für Elternschaft, für die Arbeit, für das Leben. (Beate Hausbichler, 9.5.2020)