Im Jahr 2018 war noch alles klar: "Wagt sich eine Frau ins grelle Licht der nationalen Öffentlichkeit, muss man zunächst davon ausgehen, dass zumindest der Kern ihrer Äußerungen wahr ist, auch wenn sie Fakten vergisst." Das waren damals die Worte Joe Bidens über Christine Blasey Ford, jene Frau, die dem von US-Präsident Donald Trump nominierten Höchstrichter Brett Kavanaugh eine versuchte Vergewaltigung Anfang der 1980er-Jahre vorwarf. Biden stand mit seiner Einschätzung nicht allein da. Fast geschlossen stand die Demokratische Partei hinter dem "Believe Women"-Ansatz.

Aber was, wenn der Fall anders gelagert ist? Was zählt die moralische Gewissheit, wenn plötzlich ein vermeintlich Guter unter Verdacht steht? Wenn es die Chancen gefährdet, Trump aus dem Weißen Haus zu jagen? Das fragen sich viele Demokratinnen und Demokraten, seit Ende März ein Vergewaltigungsvorwurf gegen Biden selbst laut wurde – just als der 77-Jährige zum wahrscheinlichen Präsidentschaftskandidaten aufstieg.

Vorwurf aus dem Jahr 1993

Konkret beschuldigt die heute 56-jährige Tara Reade Biden, sie im Jahr 1993 auf dem Flur eines Kongressgebäudes bedrängt und gegen ihren Willen mit seinen Fingern penetriert zu haben. Sie hatte als Assistentin im Büro des damaligen Senators gearbeitet.

Tara Reade sprach in Katie Halpers Podcast Ende März über den Vergewaltigungsvorwurf gegen Joe Biden. Das Transkript dazu finden Sie hier.
Katie Halper

Die Vorwürfe hat sie schon im März erhoben, sie fanden zunächst aber wenig Aufmerksamkeit. Erst nach und nach widmeten sich größere US-Medien der Angelegenheit. Sie fanden vorerst zwar mehrere Anhaltspunkte dafür, dass sich wirklich etwas zugetragen haben könnte – aber keinen letztgültigen Beweis. Biden selbst stellt die Anschuldigungen entschieden in Abrede. Es steht also im Wesentlichen Aussage gegen Aussage – wie bei den meisten Vorwürfen sexueller Übergriffe.

Joe Biden in der TV-Sendung "Morning Joe" zum Vergewaltigungsvorwurf gegen ihn: "Nein, das ist nicht wahr. Ich sage das eindeutig: Das ist niemals, niemals passiert. Und das ist es nicht. Es ist niemals passiert."
MSNBC

Was also tun, fragen sich nun viele Gegnerinnen und Gegner Trumps, Feministinnen und Aktivistinnen der #MeToo-Bewegung. Hilft es dem Kampf gegen Missbrauch und Gewalt wirklich, wenn nun jener Mann mit Vorwürfen überhäuft wird, der den stolzen Sexisten Trump am ehesten schlagen kann – den Präsidenten, dem mehrere Frauen Vergewaltigung und viele weitere Übergriffe vorwerfen? Wohl kaum. Aber andererseits: Kann eine Bewegung, deren Ziel es ist, mächtige übergriffige Männer nicht mehr davonkommen zu lassen, ausgerechnet für Biden eine Ausnahme machen? Was würde das über Zynismus und Doppelmoral aussagen?

Was von der Demokratischen Partei bisher zu hören war, zeigt eher, dass nicht der gleiche Maßstab angelegt werden soll wie an Trump und seinen Höchstrichter. Sie blockt weitgehend ab. Dabei sind die Vorwürfe mindestens so gut abgesichert wie jene im Fall Kavanaugh – und sie haben zuletzt noch an Brisanz gewonnen.

Joe Biden im Jänner im Kreis von Unterstützerinnen. Der wahrscheinliche Gegner Donald Trumps braucht im Herbst auch die Stimmen jener Frauen, die 2016 Hillary Clinton gewählt hatten. Ob diese trotz eines Vergewaltigungsvorwurfs für ihn stimmen, ist ungewiss.
Foto: APA/AFP/Watson

Reade schilderte in ihrem Interview viele Details zu ihrer Arbeit im Jahr 1993, die sich überprüfen lassen: Zum Zeitpunkt des Vorfalls war sie bereits einige Monate im Büro des damaligen Senators tätig und hatte dort, so sagt sie, eine Arbeitsatmosphäre erlebt, zu der unangemessene Kommentare zu Kleidung und Aussehen sowie unerwünschte Berührungen Bidens gehörten. Deshalb hatte sie sich bereits vor dem mutmaßlichen Übergriff bei ihren Vorgesetzten beschwert, behauptet Reade. Diese sollen aber abgewinkt haben: Wenn Biden sie möge, sei das doch ein Kompliment.

Damalige Mitarbeiter Bidens wurden seit Bekanntwerden der Vorwürfe von US-Medien befragt. Sie streiten ab, dass es Beschwerden Reades gegeben habe – und auch, dass sie sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz toleriert hätten.

Zugleich aber bestätigten mehrere Praktikanten, dass Reade plötzlich nicht mehr für sie zuständig gewesen sei – eine "Vergeltungsmaßnahme" nach ihrer Beschwerde sei das gewesen, sagt Reade. Bisher sind außerdem mehrere Personen an die Öffentlichkeit gegangen, die ihre Angaben in Teilen stützen, darunter ihr Bruder, eine Nachbarin und eine Ex-Kollegin.

Zudem tauchte ein Mitschnitt aus der TV-Show Larry Kings von 1993 auf, in dem eine Frau Erfahrungen ihrer Tochter im Büro eines Senators schildert. Sie habe dort Probleme gehabt und kein Gehör gefunden. Reade sagte, es handle sich dabei um ihre mittlerweile verstorbene Mutter. Auch in einem Scheidungsdokument aus dem Jahr 1996 werden Belästigungsvorwürfe in Joe Bidens Büro erwähnt.

Grateful American

Als sich Reade 2019 mehreren Frauen anschloss, die Biden unangemessene Berührungen vorwarfen, habe sie auch von dem Übergriff erzählen wollen, sagt sie. Sie sei aber bei den Interviews dazu nicht in der Lage gewesen. Die Art, wie die Medien sie zu diesem höchst persönlichen Thema befragt hatten, habe sie eingeschüchtert. Am ehesten im Widerspruch zu ihren neueren Angaben steht eine Passage von damals, mit der sie die Agentur AP zitiert: "Ich hatte keine Angst vor ihm, glaubte nicht, dass er mich in einem Raum zerren würde oder so. Diese Art von Atmosphäre war es nicht."

Bekanntes Drehbuch

Solche scheinbaren Ungereimtheiten nutzen nun die Verteidigerinnen und Verteidiger Bidens. Deren Reaktion ähnelt frappant jener, die sie bei Republikanern oft kritisiert hatten: Zunächst wird die Glaubwürdigkeit der Frau infrage gestellt. Wieso erhebe sie die Anschuldigungen erst jetzt? Wieso habe sie die Geschichte geändert?

Aus der Traumaforschung ist bekannt, dass Opfer sexualisierter Gewalt unterschiedlich lang zum Verarbeiten von Traumata brauchen. Auch ist es nicht ungewöhnlich, unterschiedlich viel zu erzählen, je nachdem, mit wem sie sprechen und wie sicher sie sich fühlen. Reade selbst sagt, dass sie bereits seit dem Sommer vergeblich versucht habe, Medien, die Bewegung "Time's Up" und innerparteiliche Konkurrentinnen Bidens zu kontaktieren. 2008, als Biden Vizepräsident wurde, habe sie sich aus Rücksicht auf ihre damals schulpflichtige Tochter nicht geäußert – und auf Barack Obama, den sie unterstützte.

Tara Reade erhebt schwere Vorwürfe gegen Joe Biden.
AP

Unterstützer Bidens verweisen zur Diskreditierung Reades gerne auf einen Text, in dem sie Russlands Präsident Wladimir Putin 2018 eine "anziehende Mischung aus Stärke und Sanftmut" attestierte. Reade bestreitet nicht, diesen verfasst zu haben, sagt aber, sie unterstütze Putin heute nicht mehr. Und freilich: Das eine, ihre Meinung zu Russland, hat mit dem anderen, dem Vergewaltigungsvorwurf, per se nichts zu tun. "Biden-Anhänger haben mir einfach reflexartig geschrieben, ich sei ein russischer Agent oder gar ein Bot", sagte Reade dazu, das sei verletzend gewesen. Auch Morddrohungen habe sie erhalten.

Biden selbst, wie gesagt, streitet die Vorwürfe nun vehement ab, nachdem er wochenlang dazu geschwiegen hatte – vielleicht in der Hoffnung, sie würden im Corona-Chaos von selbst untergehen. Er rief vergangene Wochen in plakativer Form dazu auf, im US-Nationalarchiv nach einer schriftlichen Beschwerde zu suchen, die Reade später doch noch verfasst haben will und in der es um die Arbeitsatmosphäre in Bidens Büro gehen soll. In seinem eigenen Archiv, das die Uni von Delaware verwaltet und das erst zwei Jahre nach seinem Rückzug aus der Politik freigegeben wird, könne man aber nicht nachsehen. Da gelte es, sich an Fristen zu halten, wie sie sonst auch für alle Politiker in den USA gelten.

Grenzüberschreitendes Verhalten

Was die Vorwürfe nun politisch bedeuten, ist nicht ganz klar. Zum einen treffen sie Biden an einer Stelle, an der er schon bisher verletzlich schien. Kritik von Feministinnen hagelte es bereits wegen seiner mehrfach geänderten Meinung zum Thema Abtreibung sowie seines Verhaltens gegenüber Anita Hill, die in den 1990er-Jahren Vorwürfe sexueller Belästigung gegen den von George Bush nominierten Höchstrichter Clarence Thomas erhob. Biden leitete den Justizausschuss, gab Hills Aussage wenig Gewicht und ihr selbst und Zeugen wenig Raum, sich zu äußern.

Und schon bisher mehrten sich Aussagen von Frauen, Biden sei ihnen immer wieder gegen ihren Willen zu nahe gekommen und habe keine professionelle Distanz gewahrt: Unerwünschte Berührungen, Umarmungen, Küsse auf den Hinterkopf, Riechen an den Haaren, unangemessene Kommentare zum Aussehen – diese Vorwürfe kommen bei weitem nicht nur von Reade.

NBC News

Vielleicht wird von Biden schon bisher so wenig erwartet, dass die neuen Vorwürfe auch nicht mehr ins Gewicht fallen. Immerhin hatte es auch schon massive Kritik an seinem Alter, seinen immer wieder verwirrt klingenden Antworten, seinen lauwarmen politischen Rezepten und rassistischen Politikansätzen, die Biden noch in den 1980er-Jahren vertreten hatte, gegeben.

Geschadet hat es ihm nicht. Diesem Denkmuster zufolge muss der Kandidat nicht perfekt sein, um es vorsichtig zu sagen, er muss nur Donald Trump schlagen können – der bizarrerweise in einem "Access Hollywood"-Video mit genau jener Form der Vergewaltigung geprahlt hatte, die nun Biden konkret vorgeworfen wird.

Zu hoffen, dass die Vorwürfe Biden nicht schaden, wäre aber eine Strategie des höchsten Risikos – für die Wahl ebenso wie für das Bild der Partei. Zunächst: Ob die Rechnung aufgehen würde, ist angesichts des angriffslustigen Trump-Teams fraglich. Dieses hat schon 2016 bewiesen, dass Vorwürfe gegen den nunmehrigen Präsidenten für sie kein Grund sind, anderen nicht das gleiche Fehlverhalten vorzuwerfen. Im Gegenteil: Dass Hillary Clinton "genauso schlimm" sei wie Trump, war damals ein zentrales Kampagnenmotiv.

Zudem: Auch wenn die Geschichte vielleicht ausgerechnet Biden selbst nicht schaden sollte – wie sieht es mit den Folgen für die Partei aus und für ihre Anhängerinnen und Anhänger aus der #MeToo-Bewegung? Bedingungslose Unterstützung Bidens würde vieles nun wieder infrage stellen, was in den vergangenen Jahren an Glaubwürdigkeit erkämpft wurde. Wenn man es nun, wo es politisch nicht ins Konzept passt, selbst nicht tut, wie kann man dann beim nächsten Mal wieder argumentieren, Frauen sei zunächst zu glauben? Und was müssten sich Opfer denken, denen Ähnliches widerfahren ist – und die womöglich überlegen, an die Öffentlichkeit oder zu Behörden zu gehen?

Sorry, not sorry

Die unangemessenen Berührungen Bidens sind vielfach fotografisch dokumentiert. Seine entschuldigenden Worte relativierte er damals noch im selben Satz, als er sagte, es tue ihm nicht dahingehend leid, dass er es absichtlich darauf angelegt hätte, etwas Falsches oder Unangemessenes zu tun. Auch im Fall Anita Hill bedauerte er lediglich, was sie durchmachen musste und wie sie behandelt wurde. Nicht seine eigenen Handlungen. Von Trump gab es freilich nicht einmal halbherzige Entschuldigungen.

Im Fall Reades folgten das Abstreiten der Vorwürfe und ein Verteilen mehr als fragwürdiger "Talking Points" an die Partei. Darin enthalten: ein Verweis auf die "New York Times", der zufolge der Vorfall "nicht passiert" sein soll. Das Medium stellte allerdings klar, dass deren Berichterstattung die Vorwürfe weder beweist noch entkräftet. Biden wird in den Talking Points außerdem als "Anwalt für die Belange von Frauen" bezeichnet, sein lebenslanger Kampf für Frauenrechte betont. Mit dem konkreten Vorwurf Reades hat das freilich nichts zu tun.

Frauen in der Falle

Problematisch ist nicht nur der Inhalt der Talking Points, sondern auch, wer ihn vorbringen muss: Vorgeschickt werden jene Frauen, die als Vizepräsidentschaftskandidatinnen gehandelt werden – Biden selbst schwieg wochenlang. Dabei ist es nicht ihre Aufgabe – oder die anderer Frauen –, Biden zu verteidigen. Sie müssen aber auch nicht wie zuletzt Stacey Abrams, Gretchen Whitmer oder Kirsten Gillibrand vehement betonen, Biden zu glauben. Wichtig wäre in Anbetracht der Symbolwirkung auf Überlebende sexualisierter Gewalt, Reade nicht als Lügnerin zu diffamieren.

Doch egal, was all diese Frauen tun oder sagen, es wird sie in Erklärungsnot bringen. Die US-Journalistin Rebecca Traister hat im Magazin "The Cut" einen rhetorischen Weg vorgezeichnet, den sie gehen könnten: Die Vorwürfe seien besorgniserregend, könnten sie sagen, sie würden sich wünschen, zur Wahl stünden nicht "pussy grabber" Trump und ein übergriffiger Biden, dem nun Vergewaltigung vorgeworfen wird. Dass es aber doch so sei, liege am weißen, kapitalistischen Patriarchat. Genau das könne man ändern, wenn man in Machtpositionen komme, etwa als Vizepräsidentin.

Rückzug unrealistisch

Realistisch scheint eine solche Aussage nicht: Sie würden damit wohl ihre Chance auf die Vizepräsidentschaft verspielen. Dass Biden sich selbst zurückzieht, so wie Reade es sich am Donnerstag wünschte, oder von der Partei dazu gedrängt wird, scheint ebenfalls unrealistisch. Er ist de facto der Kandidat der Partei, er führt in den meisten relevanten Umfragen gegen Trump, die Affäre hat ihm in der Gunst des Wahlvolks bisher nicht geschadet. Auch das zeigt deutlich, dass übergriffiges Verhalten gegenüber Frauen kaum als Hindernis für höchste Ämter gesehen wird.

Sollten sich die Vorwürfe aber verdichten oder weitere hinzukommen, könnte es sich für die Demokraten als Glück erweisen, dass Reade schon jetzt an die Öffentlichkeit gegangen ist. Noch nämlich kann die Partei ihren Präsidentschaftskandidaten relativ leicht gegen eine andere Person austauschen. Der einfachste Weg dafür wäre der Abgang Bidens noch vor dem Parteitag im August. Kandidatinnen und Kandidaten, die sich bereits aus dem Rennen zurückgezogen haben, könnten dann bei den restlichen Vorwahlen wieder antreten – und ihre Delegierten später hinter einem Kompromisskandidaten sammeln. Oder einer Kandidatin. (Noura Maan, Manuel Escher, 9.5.2020)