Weil das Feld so groß ist, musste die TV-Debatte in zwei Runden aufgeteilt werden: Zehn Bewerber waren am Mittwoch dran, zehn weitere am Donnerstag.

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Wien – "Egal, meine Zeit ist vorbei": Wenn Joe Biden versucht hätte, die Argumente seiner Gegner am Donnerstagabend zusammenzufassen – er hätte es nicht besser tun können, als er es unabsichtlich in einer Antwort getan hat, bei der seine Redezeit ablief. Der zweite Tag der großen Auftakt-TV-Debatte bei den US-Demokraten stand im Zeichen der Angriffe auf den bisherigen Umfrage-Spitzenreiter Biden.

Das hohe Alter des ehemaligen Vizepräsidenten Barack Obamas, seine vergleichsweise moderate Wirtschaftspolitik, seine Haltung zu Krieg und Frieden – sie alle standen in der Kritik seiner zahlreichen Konkurrenten. Vor allem aber musste sich Biden heftige Vorwürfe dafür gefallen lassen, beim Thema des Rassismus in den USA nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein.

Bidens nervöser Mitarbeiterstab

Es waren aber auch die Antworten des 76-jährigen ehemaligen Senators, die bei seinem Mitarbeiterstab die Alarmglocken läuten lassen: Biden sei auf erwartbare Angriffe schlecht vorbereitet gewesen, habe oft wie von der Rolle gewirkt. Bei vielen Wählerinnen und Wählern der Demokraten, so die Sorge, werde der Auftritt die bisher unhinterfragte Unterstützung des Kandidaten bröckeln lassen.

Denn der Auftritt vom Donnerstag lässt auch Zweifel darüber aufkommen, ob Biden einem Duell mit Präsident Donald Trump wirklich gewachsen ist. Dies auch, weil in der stärker besetzten der beiden Debatten eine Widersacherin groß aufzeigen konnte: Kamala Harris, Senatorin aus Kalifornien, habe in der Debatte ihren großen Tag erlebt, sind sich US-Kommentatoren einig. Die 54-jährige Kalifornierin, die in Umfragen bisher auf Rang fünf lag, griff Biden besonders hart an – und konnte zudem selbst einige Male für eigene Vorschläge Applaus einheimsen.

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"Ich würde gerne über das Thema Rasse reden", begann Harris ihren beißendsten Angriff auf Biden. Sie glaube zwar nicht, dass Biden ein Rassist sei, sagte die Tochter indischer und jamaikanischer Immigranten dann – aber dass ihr Kandidatenkollege jüngst seine Zusammenarbeit mit Unterstützern der Rassentrennung in den 1970er-Jahren als Beispiel dafür genannt hatte, dass er auch mit Gegnern eine Gesprächsbasis finden könne, "das war sehr schmerzhaft".

Streitfrage "Bussing"

Zudem gehe es aber auch um politische Substanz, wenn sie Biden in Fragen des Rassismus misstraue. So habe der US-Senator früher die Politik des "Bussing" kritisiert – jene Intervention der US-Bundesregierung, mit der Kinder schwarzer Familien in vorwiegend weiße Schulen gebracht wurden, um so gegen einen Fortbestand der Rassentrennung in den USA vorgehen zu können. Immerhin habe diese Politik in den 1970er-Jahren auch einem kleinen Mädchen in Kalifornien den Besuch ihrer Schule erlaubt – nämlich Harris selbst.

Biden reagierte darauf, wie auf andere Angriffe, konsterniert: Harris habe seine Positionen "falsch charakterisiert", er habe die Politik des Bussing nur als Verordnung der Zentralregierung gegenüber Bundesstaaten kritisiert, nicht in ihrer Substanz – eine Antwort, deren Wahrheitsgehalt Faktenprüfer anschließend als äußerst fragwürdig beurteilten.

Bidens Stab

Zudem, so Biden in einem versuchten Gegenangriff, habe er im Vergleich zu Harris, die vor ihrer politischen Karriere Bezirksstaatsanwältin war, den Beruf des Strafverteidigers gewählt – "damals, als meine Stadt in Flammen stand, nachdem Dr. King erschossen wurde". Der Verweis auf den Mord an der Galionsfigur der US-Bürgerrechtsbewegung von 1968, als viele Konkurrenten noch nicht einmal auf der Welt waren: Er zeigte wohl eine weitere offene Flanke Joe Bidens, dessen Alter schon zuvor Thema war.

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Gleich zu Beginn der Debatte brachte der Abgeordnete Eric Swalwell Bidens lange Karriere aufs Tapet. Er könne sich noch erinnern, so Swalwell etwas unplausibel, dass er im Alter von sechs Jahren einen Kandidaten der Demokraten bei einer Wahlveranstaltung gesehen habe, der andere aufgefordert habe, "endlich die Staffel an eine neue Generation zu übergeben". Dieser Kandidat, so die wenig überraschende Auflösung, sei damals, vor 36 Jahren, Joe Biden gewesen, der nun selbst die Staffel weitergeben solle. "Ich habe den Stab noch fest in der Hand", fiel Biden dazu ein.

Solides Debüt für Buttigieg

Swalwell, 38, bekannt vor allem durch TV-Auftritte in Diskussionssendungen, machte damit einem anderen Konkurrenten das Altersthema abspenstig: Pete Buttigieg, 37, Bürgermeister der Stadt South Bend, Indiana, hatte bisher mit der Frage er Generationen Politik gemacht und es damit auf Rang vier der Umfragen unter Demokraten gebracht.

Ihm attestierten die US-Beobachter dennoch einen soliden Abend: Der bisher noch recht unbekannte Kommunalpolitiker habe mit guten Antworten am Aufbau seines Profils unter jenen gearbeitet, die sich im Zuge der Debatte zum ersten Mal mit dem demokratischen Kandidatenfeld befasst hätten.

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Bleibt – am anderen Ende der Altersskala – noch Bernie Sanders. Der "demokratische Sozialist" aus New York, 77, der im Senat den Staat Vermont vertritt, wirkte gegenüber seinen jungen Konkurrentinnen und Konkurrenten etwa fahl. Bei seinem Paradethema, einem gerechteren Wirtschaftssystem, konnte Sanders aber weiter punkten – auch weil seine schärfste Konkurrentin in dieser Frage, Sentorin Elizabeth Warren aus Massachusetts, schon am Vortag in die schwächere Diskussionsrunde gelost worden war. Biden griff auch er an, nämlich für dessen Votum für den Irak-Krieg 2002.

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Wie stark sich die Diskussionsabende im Umfragestand widerspiegeln würden, war nicht unmittelbar klar – der Stimmung im Team Biden dürfte der Abend aber keinesfalls geholfen haben. Eine neue Chance gibt es am 30. und 31. Juli. Dann diskutieren die Demokraten in Detroit, Michigan, erneut in großer Runde gegeneinander. (Manuel Escher, 28.6.2019)