"Alles außer Beten? Ein schreckliches Nichts!" Léon Bloy (1846–1917) in einem seiner letzten Lebensjahre im Eigenheim nahe Paris.

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Für jemanden, der in der Nachfolge berühmter Heiliger ein Leben in äußerster Bedürfnislosigkeit fristete, pflegte sich Léon Bloy bemerkenswert unverblümt auszudrücken. Widersachern sprach er mitunter das Menschsein ab. Laue und geistig Lahme bezeichnete dieses schrill tönende Sprachrohr Gottes abwechselnd als Schweine, Insekten, Alligatoren oder Mufflons. Ausgerechnet in Personen, die gegenüber anderen Mildtätigkeit übten, erkannte er eine "Schar scheinheiliger Schaben".

Gläubige, die dem rasenden Katholiken Bloy (1846–1917) ihre persönliche Aufwartung machten, lobten hingegen seine freundliche Bescheidenheit. Aus heutiger Sicht mutet Leon Bloy wie ein Berserker der Rechtgläubigkeit an. Die französische Dritte Republik sollte sich nach der Katastrophe von 1870/71 spirituell erneuern. Und Denker wie Bloy, der selbst anarchistischen Hintergrund besaß, muteten ihr eine "Renouveau catholique" zu, eine vollständige "Katholische Erneuerung".

Den Quellgrund von Bloys reaktionärem Predigtdienst bildet der tiefe Abscheu vor der Moderne. Vor einer Auffassung von Welt, die den Menschen eine Verbesserung der Verhältnisse schrittweise in Aussicht stellt. Für solche Lebensreformer erübrigt Bloy Verachtung. Sein Medium der Welterschließung ist der Schmerz. Ihn bejaht er, seine läuternde Kraft bringt ihn dazu, auch das Leiden anderer auf sich zu nehmen.

Himmlisches Entzücken

Vor Bloys Horizont steht unverrückbar das Kreuz Christi: Um seinetwillen nimmt er die äußerste Armut auf sich – als Autor von erzählerischen Werken, Traktaten und Tagebüchern verdient er so wenig, dass er sich und seine Familie chronischer Unterernährung aussetzen muss. Als er im "annus horribilis" 1895 in Paris vor den Gräbern seiner beiden kleinen Söhne steht, empfindet er, dem spirituellen Gehalt nach, insgeheim dennoch Entzücken. Bloys Schriften eignet ein Pathos der prunkenden Überbietung. Und über allem dominiert die Heilsgewissheit dieses seltsamen Propheten, den die offizielle Kirche wohlweislich naserümpfend abtat: Er weiß das Heil auf seiner Seite. In den finsteren Tunnel der Zeitgenossenschaft bricht immer wieder göttliches Licht ein. Bloy und seinesgleichen sind arm. Doch die anderen, wahrhaft Verblendeten sind noch viel schlimmer dran: weil sie keinen Durst nach Erlösung verspüren.

Bloy zieht los, um seine lauen Mitmenschen mit Spott zu überziehen. Er verhält sich zum deutschen Zeitgenossen Nietzsche wie zu einem heimlichen Antipoden. Wo dieser der christlichen Kultur die Vitalität aberkennt, weil sie das Leiden vergötzt, da kürzt Léon Bloy die Passion des Menschen auf die Unauflöslichkeit seines personalen Schmerzes herunter. Während Nietzsche den "Übermenschen" predigt, verschreibt Bloy allen Christen guten Willens die Praxis des Leidens. Nur in ihr steckt die Weihe des Stellvertretertums. Alle Dinge dagegen, die Institutionen, "die Gesetze der Welt" hasst er unbändig.

Ziegel von Buch

Ein ziegelsteindickes Buch soll jetzt den Weg zur Wiederbegegnung mit diesem merkwürdigen Fanatiker ebnen: auf Deutsch. Der Band "Diesseits von Gut und Böse" umfasst schlappe 1259 Seiten. Herausgeber Alexander Pschera hat aus dem gottgefälligen Steinbruch unzählige Stücke herausgeklaubt, nach Stichwörtern geordnet und ins Korsett der Chronologie gepresst. So restlos glücklich will einen der Umgang mit dem Editionswerk dennoch nicht stimmen. Pschera unterschlägt nicht die abstoßenden Seiten eines Fanatikers, der Émile Zola verachtet hat, weil der die Welt nicht erlösen, sondern die sozialen Umstände verbessern wollte.

Es ist Bloy selbst, der jedes Gefühl der Andacht durch schnödes Dazwischenschreien im Nu erstickt. Der Freund von Barbey d‘ Aurevilly hat z.B. der Anfechtung des Antisemitismus klug widerstanden. Er hat auf Einzelgänger wie Ernst Jünger großen Eindruck gemacht. Léon Bloys Bedürfnislosigkeit konnte frappieren: "Ich gehöre zu denen, die fest daran glauben, dass wir nichts, gar nichts brauchen außer Gott." Alles außer Beten? "Ein schreckliches Nichts!" Wer eine solche Befähigung zur Radikalität im Schoß der Christenheit nach 1789 nicht für vorstellbar gehalten hat, der tut gut daran, im Monsterbuch zu blättern. Nicht nur Gottesnarren predigen bekanntlich Askese. Auch innerweltlich herrscht, schon aus Gründen der Nachhaltigkeit, Bedarf nach Bedürfnislosigkeit. (Ronald Pohl, 11.5.2020)