Heute vor 40 Jahren starb Ian Curtis. Jon Savages Buch über Joy Divison erzählt die Geschichte dieser einflussreichen Band vielstimmig nach.

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Der Buchtitel wirkt seltsam gewählt. Mit sengendem Licht und der Sonne assoziieren die Band Joy Division wenige. Die Musik ist, bei aller Schönheit, düster, die Ästhetik ihrer Alben ist in Schwarz-Weiß gehalten, ebenso wie die Fotos der Gruppe. Die Stimmung der Musik reicht vom Tod bis hinüber zur Hoffnungslosigkeit, die Texte behandeln Verlorenheit und – ganz auf der Höhe der Zeit: Isolation.

Wahrscheinlich wollte Jon Savage mit dem Titel diesem Image etwas entgegenhalten und nannte sein Buch Sengendes Licht, die Sonne und alles andere: die Geschichte von Joy Division. Im Vorjahr ist es zum 40-Jahr-Jubiläum des Debütalbums Unknown Pleasures der Band aus Manchester erschienen, kurz vor dem 40. Todestag ihres Sängers Ian Curtis liegt nun die von Conny Lösch ins Deutsche übertragene Version vor.

Ungebrochene Faszination

Am heutigen Montag vor 40 Jahren hat sich Ian Curtis erhängt. Joy Division war damit Geschichte, doch der Einfluss der Gruppe und die Faszination, die ihre Musik auf ihr Publikum ausübt, scheinen ungebrochen zu sein.

Jon Savage ist 66 und ein bekannter britischer Popjournalist und Autor von Büchern, die oft um die mannigfaltige Thematik des Punk kreisen, etwa das 1991 erschienene England’s Dreaming: The Sex Pistols and Punk Rock. Für Joy Division bedient er sich einer Erzähltechnik, die spätestens seit der 1992 posthum veröffentlichten Biografie des US-amerikanischen Konzertpromoters Billy Graham bekannt ist.

Savage notierte in hunderten Gesprächen mit Zeitzeugen, Wegbegleitern und Chronisten eine Oral History und setzt sie als kaleidoskopische Chronik eines angekündigten Todes in Reihe. Schließlich weiß wohl jeder, der zu dem Buch greift, wie es endet.

Traumata und Krankheit

Es beleuchtet die Lebensumstände einer Generation, die im Punk ihren Auf- und Befreiungsschrei formulierte. Eine Nachkriegsgeneration, die die Traumata der Altvorderen noch im Alltag verspürte und die in der Popkultur eine Möglichkeit fand, diese Beklemmung zu überwinden.

Vielstimmig zeichnet das Buch ein jugendliches Milieu nach, in dem jene zusammenfanden, die sich in Läden für einschlägige Literatur (William S. Burroughs, Philip K. Dick) oder Platten (Can, Kraftwerk ...) interessierten. Das waren dieselben Gestalten, die kurz darauf im Publikum bei den ersten Punk-Shows standen und oft bald selbst Bands gründeten.

Erlösung und ihr Problem

Ian Curtis, Stephen Morris, Peter Hook und Bernard Sumner gehörten da dazu. Savage illustriert die kurze Biografie des an Epilepsie leidenden Sängers Curtis – es ist der tragische Erzählstrang. Er handelt von einem jungen Mann, der in der Musik Erlösung fand, dessen Krankheit ihm jedoch beständig seine Grenzen aufzeigte.

Joy Division

Je erfolgreicher Joy Division wurde und je mehr Curtis sich dem Rock-’n’-Roll-Lifestyle hingab, desto schlimmer wurde sein Leiden. Dazu kam sein wenig erwachsener Umgang mit Familie und einem wilden Herzen, das anderswo Liebe suchte und fand.

Ungeliebtes Image

Savage zeigt die jugendliche Unbedarftheit, mit der die Band damit umging, zu einer Zeit, in der es wenig Wissen darüber oder gar wirkende Therapien gab.

Ergänzt wird das Buch um publizierte Interviews, den Großteil jedoch stemmen die heute teils zerstrittenen Exmitglieder der Band, die nach Curtis’ Tod als New Order weitermachten. Vor allem der Hader mit dem todessehnsüchtigen Image der Band tritt massive zutage. "Wahrscheinlich sind Bernard und ich die einzigen in der verdammten weiten Welt, die Unknown Pleasures nicht mögen", sagt Peter Hook.

Es ist eines von vielen Details, mit denen das durchaus launig erzählte Buch bis zur letzten Seite informiert und unterhält. (Karl Fluch, 18.5.2020)