Allergien haben in den Industrieländern stark zugenommen – möglicherweise weil es den Menschen hier in der Umgebung an Dreck, Fäkalien und Würmern mangelt.

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Frau M. ist 75 Jahre alt, gesund und fährt täglich mit dem Rad einkaufen, als sie irgendwann im April bemerkt, dass ihre Augen dabei immer tränen und sie niesen muss. Als sie auch keine Äpfel mehr essen kann, weil ihr Mund dabei brennt und kribbelt, geht sie zum Arzt. Nach einem Pricktest steht fest, dass sie eine neue Birkenpollenallergie entwickelt hat und auch auf Kernobst allergisch reagiert.

"Während man noch vor 30 Jahren Allergien als Krankheiten von Kindern und Jugendlichen einordnete und allergische Erkrankungen bei Menschen über 50 Jahren seltener beobachtete, sind heute zunehmend auch ältere Patienten jenseits des 70. Lebensjahres von klassischen allergischen Erkrankungen wie Heuschnupfen oder Neurodermitis betroffen", sagt Ludger Klimek, Leiter des Zentrums für Rhinologie und Allergologie in Wiesbaden in der "Pharmazeutischen Zeitung".

Allergien gelten als Volkskrankheit. Am häufigsten ist Heuschnupfen, gefolgt von Asthma, Neurodermitis und Kontaktallergien. Die Häufigkeit allergischer Erkrankungen hat seit den 1970er-Jahren in Ländern mit westlichem Lebensstil stark zugenommen, scheint sich nun aber auf einem hohen Niveau zu stabilisieren.

Fehlende Daten

Erhebungen des Robert-Koch-Instituts in Berlin zeigen, dass in Deutschland 16 Prozent der Kinder und Jugendlichen an mindestens einer Allergie leiden und bei 30 Prozent der 18 bis 79-Jährigen im Lauf ihres Lebens mindestens eine Allergie diagnostiziert wurde. Ähnliche Zahlen gelten für Österreich.

"Die Allergieforschung konzentriert sich weltweit sehr stark auf Kinder und Jugendliche, weshalb wir kaum Daten von Patienten über 18 Jahren haben", sagt Stefan Wöhrl vom Floridsdorfer Allergiezentrum in Wien. Trotz der fehlenden Daten zur Entwicklung von Allergien im Erwachsenen- oder gar Rentenalter schätzt die Europäische Stiftung für Allergieforschung (European Centre for Allergy Research Foundation, Ecarf), dass bei zehn Prozent der über 65-Jährigen allergische Beschwerden erst am Lebensabend auftreten.

Eine Allergie ist eine Störung des Immunsystems. Normalerweise bekämpft die körpereigene Abwehr gefährliche Eindringlinge wie Bakterien oder Viren. "Das Immunsystem eines Allergikers täuscht sich und richtet sich versehentlich gegen harmlosen Stoffe wie beispielsweise Pollen", erklärt Torsten Zuberbier vom Allergiezentrum Charité in Berlin und Leiter der Ecarf. Das Ergebnis sind vielfältige Krankheitsbilder wie Heuschnupfen und Asthma bis hin zum lebensbedrohlichen allergischen Schock.

Westlicher Lebensstil

Warum Allergien in den vergangenen Jahrzehnten so stark zugenommen haben und warum offenbar ein Zusammenhang mit dem westlichen Lebensstil besteht, wird nach wie vor nicht vollständig verstanden. Die sogenannte Hygiene-Hypothese besagt, dass es Menschen in Industrieländern an Dreck, Fäkalien und Würmern in ihrer Umgebung mangelt. Dadurch fehlt der Kontakt zu Keimen, denen der Mensch jahrtausendelang ausgesetzt war. Da das Immunsystem unterfordert ist, reagiert es überempfindlich auf harmlose Stoffe, sogenannte Allergene. Dafür spricht, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, seltener an Allergien leiden als Stadtkinder.

"Die Umweltbedingungen haben sich generell so verändert, dass heute Allergien – egal ob bei jungen oder älteren Menschen – leichter entstehen können", sagt Klimek. Aufgrund des Klimawandels steigt die Durchschnittstemperatur, sodass Pflanzen früher und länger blühen – und auch ursprünglich nicht in Mitteleuropa heimische Pflanzen Fuß fassen. Etwa die aus Nordamerika eingeschleppte Beifuß-Ambrosia, die zu den stärksten Allergieauslösern der Pflanzenwelt gehört und die sich trotz Bekämpfungsmaßnahmen zunehmend ausbreitet.

Auch die gestiegene Schadstoffbelastung der Luft scheint eine Rolle zu spielen. "Zwar wird oft diskutiert, dass Luftschadstoffe Asthma verursachen – stichhaltige wissenschaftliche Beweise dafür gibt es bislang aber nicht", schreibt der Allergieinformationsdienst auf seiner Webseite. Räumt aber ein, dass es "Hinweise gibt, dass eine starke Belastung mit Luftschadstoffen, darunter etwa Ozon, Stickoxide oder Feinstaub, das allergische Krankheitsgeschehen ebenfalls beeinflusst". Das geschieht, indem die Schleimhäute der Atemwege gereizt werden, sodass Allergene wie Pollen leichter in den Körper eindringen können. Außerdem haben mit Schadstoffen belastete Pollen offenbar ein höheres allergisches Potenzial.

Oft übersehen

"Bei älteren Menschen wird die Möglichkeit einer Allergie häufig übersehen und die Symptome auf einen Infekt geschoben oder auf das Alter selbst. Da müssen wir noch Aufklärungsarbeit leisten", sagt Zuberbier, der die Versorgungslage von Allergikern grundsätzlich als verbesserungswürdig einstuft.

So nehmen bis heute viele Menschen eine Allergie wie Heuschnupfen nicht ernst. "Viele haben ihre Beschwerden sechs bis acht Wochen im Jahr. Dann holen sie sich ihre Medikamente in der Apotheke. Ist die Pollensaison vorüber, haben sie die Beschwerden vergessen, bis es im nächsten Jahr wieder losgeht", sagt Klimek.

Schnupfen wird Asthma

Dass eine Allergie eine chronisch entzündliche Erkrankung ist und das Risiko eines "Etagenwechsels" Richtung Bronchien existiert, wissen viele Betroffene nicht. "Bei 40 Prozent der Patienten schlägt ein unbehandelter Heuschnupfen aber in Asthma um", erklärt Zuberbier, "ältere Menschen, die oft auch an Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden, sind dann besonders gefährdet."

Die gute Nachricht ist, dass man Allergien gut behandeln kann. "Eine Hyposensibilisierung kann in jedem Alter durchgeführt werden", so Zuberbier, "und die Erfolgsquoten sind umso besser, je früher man damit beginnt." (Juliette Irmer, 25.5.2020)