Lauryn Hill ist eine von vielen afroamerikanischen Künstlerinnen, die in ihrem Werk den systematischen Rassismus der USA anklagen.

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Seit der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre hat diese mit der Popmusik ein bedeutendes Sprachrohr. Die Popkultur durchbrach nach dem Urknall des Rock’n’Roll die Rassenschranken, die weiße Jugend erkannte die verführerische Kraft schwarzer Musik, der bald immer öfter ein verwegener wenn nicht gar revolutionärer Geschmack anhaftete. Man wollte nicht bloß den Pausenclown geben, man wollte dieselben Menschenrechte. Schwarze Musik brachte vielen Weißen erstmals die afroamerikanischen Perspektive des American Dreams nahe — und siehe da, es war ein Albtraum.

Bis heute ist aus dem Themenkreis ein immenser Katalog afroamerikanischer Kunst entstanden. Rassistische Polizeigewalt nimmt darin einen besonderen Platz ein. Sie ist ein Stachel im Fleisch der USA, der tief sitzt und mit jeder Gewalttat ein Stück tiefer eindringt.

Ein schauriges Genre

Die Lieder darüber sind vertone Anklagen, Lamentos und Beschimpfungen, resignative Stücke ebenso wie hoffnungsvolle. Sie behandeln den rassistischen Alltag in den USA, der in der Musik, der Literatur, im Kino und Serienfernsehen längst ein eigenes schauriges Genre geworden ist.

Es beschreibt ein Leben im Dauerzustand der Gefahr, aufgrund einer Hautfarbe leiden zu müssen, gepaart mit der Erkenntnis, dass das Polizei-Motto "To Serve And Protect" nicht für Menschen dunkler Hautfarbe gilt. Wie sich das anfühlt?

Die hier folgenden Songs beantworten diese Frage. Manche davon tauchen während der aktuellen Massenproteste der Black-Lives-Matter-Bewegung in den Sozialen Medien auf, Slogans daraus finden sich auf Schildern von Aktivisten wieder.


Syl Johnson: Is It Because I’m Black?

Der aus Mississippi stammende und in Chicago aufgewachsene Syl Johnson veröffentlichte 1970 das Album Is It Because I’m Black? Im Titelsong singt er von einer Welt ohne Mitleid, vom Leben im Ghetto, von einer Kraft, die ihn zurückhält, weil er schwarz ist. Johnson ist heute 83 und nicht zuletzt wegen seines üppig gesampelten Werks ein wohlhabender Mann. Er schuf ein über siebenminütiges Epos – einen verzweifelten Schleicher, einen Slow-Funk, dessen Botschaft bis heute Gültigkeit besitzt.

maxitaxiphone

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Neville Brothers: Sons and Daughters

Auf ihrem Album Brothers Keeper produzierten die aus New Orleans stammenden Neville Brothers 1990 mit Sons and Daughters ein eindringliches Stück über institutionalisierten Rassismus. Über unschuldig Verurteilte, über eine vom System geschaffene und gepflegte Ungleichheit: "They show us the faces of hatred over and over – a new one every week." 30 Jahre alt, könnte aber auch gestern geschrieben worden sein.

akis cherokee

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Terry Callier – Lament for the Late A.D.

Im Februar 1999 hat die New Yorker Polizei den unbewaffneten Amadou Diallo erschossen. 41 Mal hat sie ihn erschossen. Proteste folgten und oben in Chicago hat Terry Callier darüber ein Lied geschrieben. Callier wuchs mit Curtis Mayfield auf, er kannte Howlin’ Wolf und die anderen Chicago-Blueser seiner Nachbarschaft und veröffentlichte in den 1960ern und 1970ern einige Soul-Folkplatten, bis er sich zwecks elterlicher Verantwortung einen bürgerlichen Beruf suchte und erst in den 1990er ein Comeback feierte. Lament For The Late A.D. stammt von Calliers 2001er-Album Alive.

Mr Bongo

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Lauryn Hill – Black Rage

Im August 2014 schoss ein Polizist in Ferguson, Missouri, zwölf Mal auf den 18-Jährigen Michael Brown und tötete ihn. Nachdem kein Verfahren gegen den Schützen eröffnet wurde, kam es zu heftigen Demonstrationen gegen rassistische Polizeigewalt. Diese motivierten Lauryn Hill zu dem Song Black Rage. Eine bittere Bestandsaufnahme jener Repressionen, denen Afroamerikanern täglich ausgesetzt sind und die ihre Wut bis hin zur Ohnmacht nähren.

EasyBazz

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Kendrick Lamar – Alright

Spätestens seit die Hip-Hopper N.W.A in ihrem Song Fuck Tha Police ihren Gefühlen gegenüber der Exekutive filterlos Ausdruck verliehen haben, ist die Front zwischen Afroamerikanern und der Polizei ein Dauerthema im Hip-Hop. Das war es zwar schon davor, aber so klar und vor so großem Publikum hat es zuvor niemand gesagt. Auch der reflektierte und Pulitzer-Preis-gewürdigte Rapper Kendrick Lamar zeigte, dass sich 27 Jahre später dieses Gefühl immer noch hält. In seinem Song Alright rappt er "And we hate po-po / wanna kill us dead in the street for sure, nigga". "Same old, same old" also, oder wie Aaron Neville schon in den 1960ern sang: "Tell it like it Is."

KendrickLamarVEVO

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The Roots – How I Got Over

Nach einem berühmten Gospel von Clara Ward haben die Hip-Hopper The Roots 2010 ihr bestes Album benannt: How I Got Over. The Roots zählen zu den Conscious Rappern. Diese stammen meist aus der Mittelschicht, sind oft besser ausgebildet, was sie jedoch nicht davor bewahrt, ebenfalls Rassismus zu erleben. Eloquent wie Gangster-Rap, verzichten sie jedoch meist auf die derbe Sprache desselben. Der Titelsong vermählt Hip-Hop mit Soul und Funk als ewigem Nährgebiet und Einfluss. Ein Message Song – immerhin zart von Hoffnung gefärbt.

The Roots - Topic

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Solomon Burke and the Blind Boys of Alabama: None Of Us Are Free

Als Zeitzeuge des Sam Cooke und Interpret dessen Hymne A Change Is Gonna Come, hat Solomon Burke sein Leben und Wirken in den Dienst der Veränderung zum Guten gestellt. Was dabei gerne vergessen wird: Die Bürgerrechtsbewegung der 1960er war nicht bloß eine der Afroamerikaner, Martin Luther King marschierte für alle sozial Benachteiligten. In diesem Sinn sang Burke mit der ältesten Gospelgruppe der Welt 2002 den Song None Of Us Are Free auf seinem Album Don't Give Up On Me. Er sagt, niemand ist frei, wenn ein einziger Mensch unfrei ist. Solange würde es auf der Welt Ungerechtigkeit geben. Und solange hätten wir die Verantwortung, dagegen anzukämpfen.

antirecords

(Karl Fluch, 8.6.2020)