Social Distancing beeinflusst das Beziehungs- und Sexualleben der Menschen: Ansteckungsangst führte zu Isolation und Ablehnung.

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Einen recht unkonventionellen Rat zur Überbrückung der Isolation während der Corona-Ausgangsbeschränkungen gab das Nationale Institut für öffentliche Gesundheit und Umwelt der Niederlande. Singles sollten sich in Zeiten des Lockdowns doch einen Sex-Buddy suchen, mit dem sie eine Vereinbarung über Social Distancing treffen – damit das Risiko der Infektion mit dem Virus so gut wie möglich eingeschränkt ist. Der Hinweis kam nicht von ungefähr: In den Niederlanden wurden die Beschränkungen heftig kritisiert. Nähe und körperlicher Kontakt seien ein Grundbedürfnis, schrieb zum Beispiel die auf Liebes- und Sexthemen spezialisierte Schriftstellerin und Kolumnistin Linda Duits.

Ähnlich argumentiert heute die österreichische Wissenschafterin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller: Sie hat in Kooperation mit dem Institut für Statistik der Sigmund-Freud-Universität (SFU) in Wien und dem Kinsey Institute der Indiana University in Bloomington (USA) eine Onlinebefragung zum Thema Sex in Corona-Zeiten durchgeführt: "Liebe, Intimität und Sexualität in der Covid-19-Pandemie", so der Titel, wurde zwischen 1. und 30. April 2020 durchgeführt. 4706 Menschen über 18 Jahren füllten den Fragebogen, der etwa 20 Minuten Zeit beanspruchte, vollständig aus.

Warum gerade jetzt diese Umfrage? Die Wissenschafterin sagt, es sei der richtige Zeitpunkt gewesen, um mit dieser eigenfinanzierten Studie ein zumindest in Österreich unter den Teppich gekehrtes Thema anzusprechen. Sexualität sei noch immer kein Bestandteil des öffentlichen Diskurses, weshalb es auch kaum relevante, international wettbewerbsfähige Sexualforschung gebe.

Überraschende Ergebnisse

Die Ergebnisse waren überraschend: Von den Befragten haben 79 Prozent der Befragten Social Distancing "stark oder teilweise verinnerlicht". Sie haben also ein neues Gefühl für Distanz zwischen den Menschen entwickelt. Zufrieden mit dem Ausmaß an körperlicher Nähe waren 66 Prozent der Menschen, die in fixen Beziehungen leben, 47 Prozent von jenen, die polyamore Verhältnisse haben, und nur 24 Prozent jener Teilnehmer an der Befragung, die unverbindliche sexuelle Partnerschaften pflegen. Ein nicht gerader geringer Teil der Befragten litt also unter dem unerfüllten Nähebedürfnis. Der häufigste Grund für Unzufriedenheit war der "Entzug sozialer und freundschaftlicher Nähe durch Umarmung, Berührung oder Kuscheln", wie Rothmüller sagt.

Vor allem Singles seien von der Isolation stark betroffen gewesen. Aber auch Partner, die in fixen Beziehungen leben, wenn auch nicht in gemeinsamen Haushalten: Paare in Fernbeziehung konnten sich nicht treffen, aber auch solche, die in derselben Stadt wohnen, waren verunsichert: Durften sie sich noch verabreden? Konnten sie einander besuchen? Rothmüller sagt, dass mehr Informationen zu dieser Frage wichtig gewesen wären. Vielleicht aber hätte es auch mehr Aufklärung für Paare in gemeinsamen Haushalten gebraucht: Es herrschten recht starke Ansteckungsängste, weshalb es vereinzelt auch zur Ablehnung intimer Nähe zwischen Paaren im gleichen Haushalt kam.

Mehr als 50 Prozent sagten in der Umfrage übrigens, dass ihr Begehren sich durch Corona nicht geändert habe. Mehr als 20 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gaben an, dass sich ihr Begehren stressbedingt verringert habe, ungefähr gleich viele sprachen von einer Steigerung. Wobei Ersteres nicht nur von gemeinsamen Kindern verursacht und Letzteres sicher auch durch die Tatsache möglich wurde, dass dank Homeoffice und Kurzarbeit mehr Zeit miteinander verbracht werden konnte.

Sex als Ablenkung

Immerhin sechs Prozent sagten, Sex häufig als Ablenkung von der schwierigen aktuellen Situation zu sehen (Gesundheits- und Wirtschaftskrise), 27 Prozent gaben zu diesem Thema "manchmal" an. Neun Prozent gaben an, neue sexuelle Praktiken während der Zeit der Pandemie ausprobiert zu haben. Die Mehrheit war nicht gar so experimentierfreudig.

Mehr als 30 Prozent haben mit ihren Sexpartnern wenigstens über Fantasien gesprochen, mehr als 40 Prozent haben alleine Pornos geschaut, immerhin 14 Prozent haben Nacktfotos gesendet. Mehr als 70 Prozent haben sich alleine, 17,5 Prozent gemeinsam mit einem Partner oder einer Partnerin selbst befriedigt.

Sicher ist: Das Sexleben hat sich während des Lockdowns stark verändert. In offenen Antworten wurde klar, dass viele Menschen einen hohen Beitrag zur gesellschaftlichen Krankheitsprävention leisteten, indem sie auf sexuelle Kontakte verzichteten und ihre Nähebedürfnisse unerfüllt blieben. Einsamkeit war die Folge. Cybersex war für einige eine Alternative, ein Drittel davon traf aber dabei keine Internetsicherheitsvorkehrungen.

Erleichterte Reaktion

Die Einschränkungen waren aber nicht für alle ein Problem: Immerhin 35 Prozent zeigten sich erleichtert, dass während des Lockdowns niemand von ihnen ein aktives Sexleben verlangt. Menschen mit psychischen Erkrankungen empfanden nur teilweise ihr Sozialleben als trostlos, teilweise war es für sie, natürlich abhängig von ihrer persönlichen Situation, sogar entlastend, keinen sozialen Druck zu empfinden.

Das Durchschnittsalter der Befragten war 35 Jahre. 28 Prozent waren Männer, 68 Prozent Frauen, drei bezeichneten sich als transgender. Die Mehrheit hatte eine Hochschulbildung. Rothmüller überlegt, im Herbst eine zweite Studie durchzuführen, macht aber diese zweite Phase auch von der Entwicklung in der Corona-Pandemie abhängig. (Peter Illetschko, 15.6.2020)