Hollywood-Star Denzel Washington als Coach Herman Boone.

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Vielleicht wäre Schauspieler Denzel Washington der geeignetere US-Präsident als Donald Trump. Denn, eines ist Michael Eschlböck, dem Präsidenten des österreichischen Footballverbands, klar: In Zeiten der Proteste gegen Rassismus brauche es einen Anführer, der die Bevölkerung eint und nicht spaltet. Washington hat das in dem Sportfilm Remember the Titans (Gegen jede Regel) gut hinbekommen.

Der 2000 erschienene Streifen spielt 1971 in Alexandria, Virginia. Zwei Highschools, die zuvor der Rassentrennung unterlagen, werden zusammengelegt. An der T. C. Williams High School müssen fortan Schwarze und Weiße miteinander auskommen, auch im fusionierten Footballteam, den Titans. Dafür sollen Cheftrainer Herman Boone (Washington) und sein Co Bill Yoast (Will Patton) sorgen. Eine alles andere als einfache Aufgabe, denn anfangs beäugen sich alle misstrauisch: Spieler, Trainer, die Stadtbevölkerung.

Der Trailer zum Film.
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Teambuilding und Militärdrill

"Was dem Film sehr gut gelingt, ist es zu zeigen, wie man unter schwierigen Bedingungen ein Team formt", sagt Eschlböck. Als Beispiel dient der Eisbrecher für die Mannschaft, das erste Trainingslager. Zwei Busse stehen zur Verfügung, die Weißen steigen geschlossen in den einen, die Schwarzen in den anderen. Boone holt daraufhin alle Spieler noch einmal aus den Bussen und verdonnert sie, sich nach Positionen, nicht nach Hautfarbe zusammenzusetzen. "Auch im österreichischen Juniorenteam muss man bestehende Cliquen aufbrechen", sagt Eschlböck. Spieler der Erzrivalen Vienna Vikings und Raiders Tirol stünden sich anfangs ebenfalls kritisch gegenüber. "Nach zwei, drei Camps umarmen sie sich beim Wiedersehen."

Für Eschlböck ebenfalls realistisch: der Drill, die Disziplin. "American Football ist eine sehr militärische Sportart." So stellt Boone früh klar, dass es in seinem Team keine Demokratie gebe: "Das ist eine Diktatur. Ich bin das Gesetz." Hier wirke der Film mitunter sehr martialisch, etwa beim Waldlauf mitten in der Nacht, als Boone eine inspirierende Rede auf dem Friedhof der Schlacht von Gettysburg hält, die im Bürgerkrieg 1863 tausenden Soldaten das Leben kostete. Seine Worte fruchten, das Team findet – auch durch gemeinsame Gesangseinlagen – zueinander und gewinnt die Meisterschaft.

Michael Eschlböck sieht in dem Film den Rassismus eher als Rahmenhandlung.
Foto: APA/BARBARA GINDL

Nicht einmal ein rassistischer gegnerischer Trainer und ein korrupter Schiedsrichter können dies verhindern. Weil Yoast seine Truppe mit einer Gänsehaut verursachenden Ansprache zum Comeback-Sieg im Semifinale motiviert: "Stellt sicher, dass sich der Gegner für immer an die Nacht erinnern wird, in der er gegen die Titans gespielt hat".

Historische Ungenauigkeiten

Dass der rassistische Trainer real nicht existiert hat, ist da nebensächlich. Denn wie so oft bei Filmen, die auf wahren Begebenheiten beruhen, gibt’s historische Ungenauigkeiten. So wurde die Rassentrennung an den Highschools in Alexandria bereits Jahre zuvor aufgehoben. Die Rede auf dem Schlachtfeld hat nie stattgefunden. Die Freundin, die den Starspieler verlässt, nur weil dieser sich mit Schwarzen abgibt? Erfunden. Auch deswegen ist für Eschlböck das Aufbrechen der Vorurteile mitunter zu vereinfacht dargestellt. "Der Rassismus ist nur die Rahmenhandlung für das Teambuilding."

Patriotismus als Geschäft

Die National Football League (NFL) hatte in den vergangenen Jahren einen ähnlichen Rahmen. Stichwort Colin Kaepernick. 2016 kniete der damalige Quarterback der San Francisco 49ers zum ersten Mal während der Hymne vor dem Spiel, um gegen Polizeigewalt gegen Schwarze zu protestieren. Für Eschlböck ein harmloser Vorgang. "In Europa muss man froh sein, wenn die Leute überhaupt mitbekommen, dass die Hymne gespielt wird." In den USA interpretierten es viele, darunter Präsident Trump, als respektloses Verhalten gegenüber der Flagge, manch Fan zerriss gar seine teuren Saisontickets.

Da spielte es keine Rolle, dass das traditionelle Hymnenritual gar nicht so traditionell ist. Erst seit 2009 waren NFL-Spieler verpflichtet, die Hymne auf dem Feld zu verfolgen – von Stehen war nicht die Rede. Die NFL hatte dafür einen Marketingvertrag mit dem Verteidigungsministerium abgeschlossen. 2015 kam heraus, dass der Patriotismus an Sportstätten mit Millionen gefördert wurde – für riesige US-Flaggen, inszenierte Wiedervereinigungen von Militärfamilien oder das Intonieren von God Bless America. Als Kaepernick weiterhin kniete und Kollegen ihm folgten, griff die NFL durch und verabschiedete 2018 eine neue Regel: Während der Hymne müsse man stehen oder in der Kabine bleiben. Nach Absprache mit der Spielergewerkschaft wurden Verstöße nie sanktioniert.

Neue Situation nach Floyds Tod

Der "echte" Boone. Der legendäre Trainer des Football-Teams der T. C. Williams High School von Alexandria starb im Vorjahr.
Foto: Joshua Duplechian/The Idaho State Journal via AP

George Floyds Tod nach einem brutalen Polizeieinsatz erhöhte den Druck auf die NFL, sich neu zu positionieren. Stars wie Patrick Mahomes, der Spielmacher von Champion Kansas City Chiefs, stellten Forderungen. Daraufhin veröffentlichte NFL-Chef Roger Goodell ein Video, in dem er deutlich wie nie Rassismus verurteilte. Michael Eschlböck, der für Puls 4 auch als NFL-Moderator tätig ist, nennt den Grund: "Die NFL ist in erster Linie ein Franchise-Unternehmen, will möglichst viel Geld verdienen und richtet sich nach dem Mainstream." Und "Black Lives Matter" bewegt nicht nur in den USA, sondern weltweit.

Eschlböck glaubt, dass ohne NFL-Bekenntnis sogar ein Streik gedroht hätte, immerhin sind rund 70 Prozent der Spieler Afroamerikaner. Kaepernick, seit 2017 ohne Vertrag, erwartet der Experte trotzdem nicht mehr in der NFL. "Beide Seiten haben den richtigen Zeitpunkt verpasst." Es sei kein Zufall, dass Goodell dessen Namen nicht im Video erwähnte. "Dass sich die NFL jetzt plötzlich nicht zur moralischen Instanz erheben kann, ist eh klar." Immerhin gab die Liga bekannt, in den nächsten zehn Jahren 250 Millionen Dollar für den Kampf gegen den Rassismus zu investieren. Und Eschlböck ist auch überzeugt, dass sich die NFL eine Aktion für den Saisonstart im September überlegen wird.

Die Titans-Coaches Boone und Yoast werden das nicht mehr erleben, die Freunde starben 2019. "'Remember the Titans' war kein Film darüber, wie man die Meisterschaft gewinnt", sagte Boone. "Es ging darum, wie Menschen zueinanderfinden können. Die Meisterschaft war nur die Kirsche auf der Torte." (Andreas Gstaltmeyr, 15.6.2020)