Die Stadtväter von Richmond (Virginia) lassen bereits seine wahre Größe überprüfen: das Reiterstandbild des Konföderierten-Generals Robert E. Lee.

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Es sind soeben unbehagliche Zeiten angebrochen für die in Bronze gegossenen Tatmenschen der Moderne: Sie blicken von ihren Sockeln auf eine für sie ungünstige Zukunft herab. Die Massenproteste der "Black Lives Matter"-Bewegung machen vor den altgedienten Zeugnissen der Gedächtniskultur nicht mehr länger halt. Der Sturz der Statue von Kaufmann Edward Colston (1636–1721) im Herzen von Bristol zeigt einen tiefgreifenden Mentalitätswechsel an: Colston mag sich zu Lebzeiten philanthropische Verdienste erworben haben. Weitaus schwerer wiegt in postrassistischer Zeit seine Involvierung in den transatlantischen Sklavenhandel.

Bis eben huldigte man ohne besondere Bedenken den (durchwegs männlichen) Heroen des modernen Industriezeitalters. Der Wohlstand, der die prosperierenden Gesellschaften Europas und Nordamerikas bis heute auszeichnet, schien von der skrupellosen Tatkraft findiger Ingenieure, Feldherren und Entdecker abhängig.

Im 19. Jahrhundert fand sich genügend Platz für beides: Die Segnungen von Liberalismus und Humanität wurden bereits von waschechten Demokraten propagiert. Zur selben Zeit kolonisierten die regierenden Herrscher "ferne" Länder und plünderten sie unter Zuhilfenahme ihrer Militär- und Verwaltungsapparate rücksichtslos aus.

Zweierlei Unmaß

Dabei schwärmten die stolzen Söhne des historistischen Zeitalters tatendurstig in alle Weltgegenden aus, um Rohstoffe zu sammeln, Fahnen aufzupflanzen und hunderttausende Unschuldige zu unterwerfen: Einheimischen sprach man achselzuckend die Befähigung zum Menschsein ab. Nunmehr werden "Helden" wie der Konföderierten-General Robert E. Lee oder der belgische Monarch Leopold II. – obgleich Bösewichter von höchst unterschiedlichem Kaliber – als nicht mehr länger verehrungswürdig eingestuft.

Längst gelten die Massenproteste der "Black Lives Matter"-Aktivisten nicht mehr nur rassistischer Polizeigewalt. Es steht die offizielle Erinnerungsordnung auf dem Spiel. Was bis eben noch als heroisch erschienen ist, muss nun dem Einspruch derer weichen, die – als nachgeborene Vertreter der Opferseite – nicht länger schweigen (wollen).

Demgegenüber verblassen überkommene Verdienste im Nu. Robert E. Lee zum Beispiel galt unbestritten als das militärische Genie der US-amerikanischen Südstaaten. Mit krass unterlegenen Kräften trieb er während des Sezessionskriegs (1861–1865) die Armeen von Präsident Lincoln vor sich her, ehe die Schlacht bei Gettysburg eine Wende zugunsten der Zentralmacht erzwang. Lee diente als Kriegstechniker einer in Richmond residierenden Regierung. Die sah die Sklaverei als "natürliche und moralische Bestimmung des Negers" an. Rassismus war die "Raison d’être" der Konföderierten.

Über Leopolds II. Ausplünderung des Kongo ist seit Erscheinen von Adam Hochschilds Buch "King Leopold's Ghost" alles Wesentliche gesagt: Die Frondienste der Kongolesen auf den Kautschukplantagen, die Manie, ihnen wegen irgendwelcher "Vergehen" die Hände abzuhacken, alle diese Exzesse gehören in eine Asservatenkammer der Schande. Die Beschädigung sowie der Abtransport diverser Leopold-Standbilder in Belgien belegen das Anschwellen eines Protests, der massiv an die Grundlagen der weltweiten Gedenkkultur rührt.

Asymmetrie der Erinnerung

Einmal mehr bewahrheitet sich, was der Belgrader Historiker Todor Kuljić mit Blick auf die postjugoslawischen Traumata der 1990er geschrieben hat: Jede ernsthafte Form der Vergangenheitsbewahrung setzt gemeinsame Anstrengungen voraus. Die Asymmetrie der Erinnerung zwischen Täter- und Opferperspektive zeigt, wie ungeeignet der "heroische", rein monumentale Verweis auf Geschichte für jedes Gedenken ist. Die dunklen Seiten der Vergangenheit müssen in die "Basiserzählung" über die eigene Gruppe miteingeschlossen werden. Hingegen harren besonders schlimme kollektive Erfahrungen ihrer Enttraumatisierung. Das Trauma exzessiver Gewalt geht auf tief verwundende Erfahrungen zurück.

Die Kulturwissenschafterin Aleida Assmann hat gelehrt, dass das Bewusstsein die für es unerträgliche Erfahrung einkapselt und "in einen Zustand der Latenz versetzt". Vielleicht lässt sich das Modell auf Kollektive übertragen: Nur selbstkritische Erinnerung an die Verbrechen der eigenen Gruppe kann die Kapsel aufbrechen und den Opfern Anerkennung und womöglich etwas Genugtuung verschaffen. Schon Goethe konstatierte, dass Anerkennung der Ausdruck wahrer Liberalität sei. (Ronald Pohl, 15.6.2020)