In einem Video illustrierte Matthias Bertsch von der Abteilung Musikphysiologie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (MDW), dass Blasinstrumente in Sachen Corona-Verbreitung eher unproblematisch sind.
Matthias Bertsch

Als Covid-19 die Musiknation Österreich erreichte, vermutete man "Superspreader" auch in den Orchestern: Der Blechblasmusik wurde ein erhöhtes Gefährdungspotenzial attestiert. Durch die ausgestoßene Luft trügen die verwendeten Instrumente angeblich verstärkt zur Virenverbreitung bei.

Beim Wiederhochfahren des Kulturbetriebs galt deshalb für Blechbläser ein erhöhter Sicherheitsabstand von sechs bis zwölf Metern. In den wiedereröffneten Musikschulen durften Blechbläser vorerst gar nicht spielen.

Sind Blasinstrumente aber wirklich Virenschleudern? Musikexperten war klar, dass das allein vom Bedienungsprinzip her nicht der Fall sein kann: "Es ist ein Missverständnis, wenn man glaubt, dass ein Ton entsteht, indem man in ein Blechblasinstrument bläst und dann viel Luft durchströmt", sagt Matthias Bertsch von der Abteilung Musikphysiologie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (MDW). Er erklärt: "Der Ton entsteht durch Lippenschwingung, und dafür muss man gar nicht viel Luft ausstoßen – ungefähr so viel wie beim lauten Sprechen."

Aufklärung

Bertsch wurde daher von seiner Rektorin Ulrike Sych gebeten, für Aufklärung zu sorgen. In einer Visualisierung zeigte er anhand diverser Experimente auf, dass man sich vor der Trompete und ihren Verwandten nicht zu fürchten brauche. So stellte er etwa brennende Kerzen im Abstand von zehn Zentimetern nebeneinander auf und zeigte: Von der Trompete angeblasen, flackerte höchstens die erste Kerze in der Reihe.

Mit lautem Sprechen – vor allem überdeutlich artikulierter "Plosivlaute" wie P oder T und vor allem bei starkem Husten blies Bertsch schon deutlich mehr Kerzen aus. Wie wenig Luft Blechbläser verwirbeln, zeigte auch ein weiterer Vergleich: Als Bertsch in seine mit Mehl gefüllte Hand hustete, entstand eine Staubwolke, Mehl im Schallbecher der Trompete fiel nach dem Hineinblasen vorn in geringer Menge heraus.

Bertsch räumt ein, dass das Experiment nur ein semiquantitativer Versuch sei, der vor allem der Visualisierung und der Aufklärung dienen sollte: "Für eine wissenschaftliche Analyse brauchte man klarerweise mehr Parameter und mehr Messdaten."

Um zu zeigen, dass Trompeten keine Virenschleudern sind, hat Matthias Bertsch Mehl in den Schallbecher gestreut und Töne angestimmt: Das Mehl legte nur eine kurze Distanz zurück, bis es zu Boden fiel.
Foto: screenshot / youtube / mdw wien

Keine Quarantäne für Tuba

Was aber feststeht: Der geringe Luftausstoß, den Bertsch an der Trompete zeigt, gilt auch für alle anderen Blechblasinstrumente – mit einer Ausnahme: die Tuba. Sie muss deshalb aber nicht in Instrumentenquarantäne. Bertsch: "Dort braucht man etwas mehr Luft, aber auch nicht so viel, wie der Laie denkt. Außerdem wird dort ja die Luft nach oben ausgestoßen."

Der Sicherheitsabstand von 1,5 Metern beim Musizieren im Orchester ist laut Bertsch also auch für Blechbläser ausreichend. Ohnehin seien Blechblasinstrumente sogar noch harmloser beim Luftausstoß als etwa die Varianten aus Holz, wo die Luft nicht bloß vorn, sondern auch aus Tonklappen und Grifflöchern strömt, aber laut Bertsch auch nicht in besorgniserregendendem Umfang.

Wenn überhaupt, ist nur die Querflöte ein herausstechender Fall: Die Luft strömt zur Seite hinaus, und bei ihr wird auf das Mundstück und nicht ins Instrument hineingeblasen.

Maske für Posaune und Co

Insgesamt geht aber wohl von allen Blasinstrumenten keine besondere Gefahr aus: Das zeigte auch ein Experiment des Freiburger Instituts für Musikermedizin, der Technischen Universität München und der Bamberger Symphoniker: Letztere musizierten in starkem Bühnennebel, aber erzeugten bei der Tonerzeugung kaum Verwirbelung.

Die Berliner Universitätsklinik Charité kommt in einem elfseitigen Dossier ebenfalls zu dem Schluss, dass Blasinstrumente im Hinblick auf die behördlich angeordneten Regeln derzeit nicht gesondert behandelt werden müssen.

Weiter als bisher geht es aber nach der Rehabilitierung der Instrumente auch in der Musikforschung nicht: "In der Musikphysiologie haben wir uns auf diesem Feld nur mit Hygiene, Bakterien und Allergien beschäftigt. Ich besuche seit 20 Jahren Tagungen zu Akustik, Musikermedizin und Musikgesundheit. Die Verbreitung von Viren war nie Thema."

Im Versuchsaufbau von Matthias Bertsch wurden mehr Kerzen beim lauten Sprechen ausgeblasen als beim Trompeten.
Foto: screenshot / youtube / mdw wien

Neue Projekte und Experimente

Nun aber werden erste Projekte angestoßen und neue Experimente gestartet: Bertschs Kollege Wilfried Kausel vom benachbarten Institut für musikalische Akustik etwa denkt derzeit über einen Schallbecherfilter aus dem 3D-Drucker nach, der die Verbreitung von Viren verhindert, aber das Spiel nicht beeinträchtigt – eine Maske für Posaune und Co quasi.

Die erwähnte Bamberger Studie ist auch noch nicht vollständig, wird aber mit Spannung erwartet, weil in diesem Experiment zudem etwas untersucht wurde, womit sich laut Bertsch die Musikphysiologie ebenfalls noch nie beschäftigt hat: Es wurde nämlich zudem der Einfluss des Musizierens auf die Aerosolverteilung analysiert. Die Auswertung läuft derzeit noch. Bertsch vermutet jedoch, dass die Instrumente diese nicht anders beeinflussen als andere Luftströme. (Johannes Lau, 21.6.2020)