Ob man sich an leere Hörsäle gewöhnen muss, ist nicht ganz sicher. Dass sie künftig nicht mehr so voll sein werden wie bisher – damit planen aber die meisten Unis.

Reuters

Jetzt hat sich also auch noch Chinas Regierung eingemischt. Peking hat vergangene Woche in einer Aussendung der staatlichen Agentur Xinhua deutlich gemacht, was man davon halten würde, wenn chinesische Studentinnen und Studenten im Wintersemester wieder an ihre Unis im englischsprachigen Ausland zurückkehren würden: nicht viel. Konkret ist die Meldung auf Unis in Australien gemünzt, sie spricht von der Corona-Ansteckungsgefahr und warnt vor Rassismus. Und sie hat wohl auch aktuelle politische Konflikte mit Canberra zum Hintergrund. Und doch gibt sie eine Sorge wieder, die Bildungsinstitutionen, vor allem in der englischsprachigen Welt, seit Beginn der Pandemie umtreibt: Was, wenn nach der Pandemie die Studierenden aus dem Ausland wegbleiben, die sich in den vergangenen Jahrzehnten vielerorts zur Gruppe der größten Uni-Finanziers entwickelt haben?

In den USA, Großbritannien und Australien schnüren die Unis schon unter Maßgabe knapper Mittel ungewohnte neue Budgets und bereiten sich auch für die kommenden Semester auf Fernlehre vor. In Österreich tut man, jedenfalls im zweiten Punkt, dasselbe, sagt Elisabeth Brunner-Sobanski, Leiterin des Ausschusses für internationale Angelegenheiten der Fachhochschulkonferenz (FHK). Sie spricht von "sehr herausfordernden und ressourcenintensiven" Planungen, die derzeit in den FHs angestellt würden. Immerhin würden manche Studiengänge zwischen 20 und 40 Prozent Regelstudierende aus dem Ausland zählen. Im Schnitt kommen rund 15 Prozent der 55.200 Studierenden an den FHs aus dem Ausland.

Meist aus Deutschland

An den öffentlichen Unis liegt der Anteil gemessen an der Gesamtstudierendenzahl von 265.000 bei 27 Prozent. Prozentuell den höchsten Anteil an ausländischen Studierenden gibt es an den österreichischen Privatunis. Knapp zwei Fünftel aller Studierenden – im Wintersemester 2018/19 waren es rund 13.650 – sind ausländische Staatsangehörige. Allerdings kommen die meisten ausländischen Studierenden an allen Hochschulen aus Deutschland.

Brunner-Sobanski rechnet damit, dass zumindest der Einstieg ins kommende Semester auch in Österreich vielerorts virtuell erfolgen werde. Danach werde man sehen, ob es weitere Verbesserungen bei der Reisefreiheit gebe. Immerhin, so Brunner-Sobanski vorsichtig positiv: Bisher gebe es "keine großen Mobilitätseinbrüche", was die geplante Teilnahme an Studien betreffe.

Eine weitere positive Nachricht präsentiert Sabine Seidler, Präsidentin der Österreichischen Universitätenkonferenz. Weil das Uni-System in Österreich – abseits der im internationalen Vergleich geringen Studienbeiträge (726,72 Euro pro Semester für Studierende aus Drittstaaten) – öffentlich finanziert ist, "halten sich die finanziellen Verluste in Grenzen".

Britische Sorgen

Schwer getroffen sind in Österreich einige Institute, die ihr Geld bisher mit Deutschkursen für fremdsprachige Studierende verdient haben. Sorgen wie etwa in Großbritannien gibt es hierzulande bisher aber nicht. Dort veröffentlichte der Guardian bereits im Mai ein Meinungsstück des Oxford-Historikers Glen O’Hara, in dem ganz konkret über das mögliche Ende für eine beträchtliche Zahl britischer Bildungsinstitutionen nachgedacht wird. Dass Unis im angelsächsischen Raum besonders betroffen sind, liegt auf der Hand: Sie finanzieren sich über Studiengebühren und vermarkten auf dem Campus Gastronomie und Logis.

Weil zudem der Anteil Studierender aus anderen Ländern besonders hoch ist, sind sie sehr empfindlich im Hinblick auf Drohungen aus dem Ausland. Was auch China weiß, das mit seiner Warnung vor Australien – aber auch anderen Staaten, die Peking kritisiert haben – diplomatisch einen Schuss vor den Bug gesetzt hat.

Dazu kommen neue Argumente. Gar nicht so schlecht finden es etwa einige Mitglieder der Black-Lives-Matter-Bewegung, dass Menschen aus früheren Kolonien nun nicht mehr unreflektiert in ihren Studien in die "britische Lebensart" eingeführt werden.

Campus künftig leer?

Und dann bleibt noch die wichtigste Frage offen: Wie geht es weiter, wenn Covid-19 einmal besiegt sein sollte? In den USA, Großbritannien und Australien rechnen die Unis nicht damit, dass sich die Zahl der Studierenden aus dem Ausland so schnell wieder auf den alten Stand bringen lässt. Und auch nicht damit, dass alle Lernenden ihre Daueranwesenheit auf dem Campus so einfach wieder fortsetzen wollen. Zwar sei der Appetit auf ein Studium zu Hause bei den Eltern gering, so O’Hara im Guardian, doch gebe es viele finanzielle Gründe dafür.

Ähnlich, aber in optimistischem Tonfall formulierte das auch schon kurz zuvor in der New York Times der NYU-Professor Hans Taparia. "Die Zukunft des College ist online, und sie ist billiger" heißt sein Text, in dem er vorrechnet, wie eine Konzentration auf Telelearning aussehen kann. Statt Studiengebühren von 42.000 Dollar wären dann etwa für einen zweijährigen Lehrgang der Computerwissenschaft nur noch 7000 Dollar fällig. Eine These, die sich nicht zuletzt auch im US-Wahlkampf, wiederfinden könnte, in dem astronomische College-Kreditschulden stets ein Thema sind.

Derart dramatische Umwälzungen der Studienrealität, die statt von Treffen in Hörsaal, Aula und Bibliothek dann von Videostreams und Chats mit den Lehrenden geprägt wäre, mögen sich so schnell nicht verwirklichen lassen. Doch auch in Österreich dürfte die Studienwelt nach Corona etwas anders aussehen. Man werde "über alternative Internationalisierungsangebote abseits physischer Mobilität" nachdenken, sagt Brunner-Sobanski. (Karin Bauer, Manuel Escher, Gudrun Ostermann 20. 6. 2020)