Steter Tropfen höhlt den Kopf, schrieb der Schweizer Journalist Walter Ludin einmal in Bezug auf Werbung. Daran muss ich angesichts eines Werbespots denken, in dem die herausragende Wirkung eines Spülmittels für den Geschirrspüler damit beworben wird, wie viel Wasser man sparen kann, weil man mit dem Wundermittel nicht mehr vorspülen muss.

Wir versuchen unseren ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten. Doch das ist gar nicht so einfach, weil man uns gern in die Irre führt.
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Herrlich wäre das, wenn das Praktische auch noch gut für die Umwelt ist, gell? Aber das ist zu kurz gedacht. Denn der Preis des Wassersparens wird teuer über Chemikalien erkauft, die dann im Abwasser landen. Wer Wasser sparen will, tut vermutlich besser daran, Regenwasser zu sammeln und damit zu gießen statt es in den Kanal zu leiten. Oder sich keinen tausende Liter Wasser fassenden Pool in den Garten zu stellen, den man mit Chemie so vollpumpt, dass das Wasser auch dann nicht kippt, wenn die Mixtur aus Sonnenöl, Feierabendprosecco und Kinderpipi schon lange die Grenze des guten Geschmacks überschritten hat.

Kapselkaffee

Mit solchen und ähnlichen Lügen, die uns ökologisches Bewusstsein der Hersteller vorgaukeln, will man uns dazu überreden, zugunsten des Profits der Umwelt zu schaden. Ein Kapselkaffeehersteller ist sich nicht einmal zu blöd, damit zu werben, dass man das Aluminium, das für die Kapseln verwendet wird, recyceln kann. Noch dazu schmeckt die Plörre schlimmer als das schlimmste schwarze Elend, das sich ein Unbedarfter mit einer Mühle und einer Bialetti brühen kann. Aber ich darf nicht zu laut schimpfen. Diese Kapselmaschinen stehen auch zuhauf in der STANDARD-Redaktion. Die Alukapseln werden brav gesammelt, weg ist das schlechte Gewissen.

Sie merken, das Thema geht mir nahe. Ich mag es nicht, wenn man uns für blöd verkauft. Wie das etwa auch die Autoindustrie macht, wenn sie nun um eine Ökoprämie bettelt, um die Autos verkaufen zu können, die seit Monaten auf Halde stehen – um dann weitere produzieren zu können.

Die Emissionen

Man erklärt uns, dass neuere Autos weniger Schadstoffe ausstoßen. Stimmt. Aber die Emissionen, die in der Produktion der Autos anfallen, vernachlässigt man in dieser Rechnung nur allzu gern. Sonst würde sich herausstellen, dass eine alte Kiste, die schon 200.000 Kilometer drauf hat, und noch bis an ihr Lebensende weitergefahren wird, nie mehr das wird ausstoßen können, was in der Produktion eines Neuwagens emittiert wird.

Und hören Sie mir mit den E-Autos auf. Die sind nämlich auch kein ökologischer Segen. Da gibt es zwar gleich gar keine Emissionen beim Fahren, dafür umso mehr in der Herstellung.

Bloßhappert hatschen

Unterm Strich bleibt: Mobilität kann nie ökologisch sein, individuelle Mobilität schon gar nicht, solange wir nicht bloßhappert hatschen – also barfüßig gehen.

Das soll nicht heißen, dass wir nun alle aufhören müssen zu reisen. Gar nicht. Aber wir sollten uns genieren, wenn wir das mit der Rechtfertigung machen, damit Gutes für die Umwelt zu tun.

Kommen Sie mir jetzt nicht mit Wasserstoff, dem Treibstoff der Zukunft, dem immer noch ein paar das Wort reden. Wasserstoff wird bei uns aus fossilen Energieträgern, also Erdgas, gewonnen. Das Verfahren ist so einfach, dass es die Elektrolyse aus Solarstrom fast vollständig verdrängt. Am Ende ist der Wirkungsgrad des Fahrzeugs schlechter als der eines batteriebetriebenen, und von den fossilen Energieträgern sind wir auch nicht weg.

Ökofuels, biologische Treibstoffe

Ökofuels gibts ja auch noch, Biofuels heißen sie auch. Für die werden Nahrungsmittel zu Sprit gemacht, während andernorts – und dazu muss man gar nicht außerhalb von Wien suchen – Menschen Hunger leiden. Mit Ökologie und Nachhaltigkeit hat das aber schon gar nichts zu tun.

Apropos Nachhaltigkeit. Da steht doch unlängst tatsächlich auf einer Lebensmittelverpackung: "nachhaltiges Palmöl".

Dabei hat doch Werner Boote mit seinem Film The Green Lie aufgezeigt, dass es kein nachhaltig erzeugtes Palmöl gibt. Oder wollen wir uns wirklich einreden lassen, dass die Schulkinder in Indonesien schon vor Jahren nur deshalb mit Mund-Nasen-Schutz in die Schule gingen, weil sie Corona vorausgesehen haben als wegen des für die Ölplantagen niederbrennenden Regenwaldes und der darum so dreckigen Luft?

Fleischproduktion

Andernorts brennt der Regenwald, um Boden für die Sojaproduktion zu gewinnen, das wir dann als Mastfutter verwenden. Natürlich kreiden wir den Schaden den Vegetariern an, während die Besseren von uns sich wenigstens das Schnitzerl mit Biosiegel reinschrauben.

Wussten Sie, dass ein Bio-Schwein im Vergleich zu einem aus konventioneller Zucht statt einem Quadratmeter nur 1,3 Quadratmeter Stall zur Verfügung hat und einen Quadratmeter Freifläche? Statt 15 konventionell gehaltenen Hühnern müssen sich nur zehn Biohühner einen Quadratmeter Stall und vier Quadratmeter Freifläche teilen. Und da reden wir von den guten Biosiegeln wie dem EU-Bio-Siegel.

Schnitzelfleisch mit Biosiegel? Die Tiere haben womöglich nicht viel mehr Platz als bei konventioneller Tierhaltung.
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Erfundene Ökosiegel

Auf den Verpackungen tummeln sich dann aber auch noch jede Menge frei erfundene Plaketten, die sich Hersteller selbst erteilen und nicht einmal das Papier – oder Plastik – wert sind, auf das sie gedruckt werden. Hauptsache, der Kunde hat ein gutes Gewissen. Hauptsache, der Kunde blickt nicht hinter die Kulissen. Hauptsache, wir kaufen jede Menge Sachen, die wir nicht brauchen. Geht es der Wirtschaft gut, geht uns allen gut, auch wenn die Natur dabei auf der Strecke bleibt.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich hab auch genug Dreck am Stecken, habe Billig-T-Shirts, fahre Auto und Motorrad, manchmal allein zum eigenen Gaudium. Aber ich lasse mir nicht eintrichtern, dass werblich Aufgehübschtes ein ökologischer Segen wäre. So lange kann es mir gar nicht auf den Kopf tropfen. (Guido Gluschitsch, 23.06.2020)