Nur ein Bruchteil der Kinder, die an Migräne leiden, erhalten auch eine dementsprechende Diagnose. Eltern laufen mit ihnen von Arzt zu Arzt, von Test zu Test.

Foto: Getty Images/Nick Schlax

Gegen Migräne gibt es kein Patentrezept. Jede Patientin, jeder Patient muss sich mit seinem eigenen Krankheitsbild auseinandersetzen, um Therapien und hilfreiche Verhaltensweisen zu finden. Besonders schwierig ist die Krankheit für Kinder. Zu den Schmerzen – und der Angst vor ihrer Rückkehr – kommt die Einsamkeit während der Tage im Bett. Die Eltern sind in der Arbeit, man kann kaum essen, lesen oder Filme ansehen. Depressionen werden wahrscheinlicher. Viele Migränemedikamente sind für Kinder weniger gut erforscht oder gar nicht zugelassen. Man wird von Arzt zu Arzt, von Test zu Test geschickt. Meist variieren die Diagnosen.

Nicola Filzmoser kann ein Lied davon singen. Die Bauchschmerzen einer abdominalen Migräne begannen bei ihr mit vier, die Kopfschmerzen mit sechs Jahren. Erst mit 22 bekam sie Migränemedikamente, die helfen können und keine einfachen Schmerzmittel sind. Dennoch hat sie bis heute Anfälle, die sie tagelang ans Bett binden – wenn auch seltener als in Kindertagen.

Selbsthilfe in der Community

Filzmoser und ihr Partner Cornelius Palm – sie beide haben zuvor FHs in Österreich besucht – haben 2019 das Unternehmen Happyr Health gegründet, mit dem sie Kinder mit Migräne unterstützen wollen. Beide machen gerade den Master für Entrepreneurship an der Universität Cambridge, sind hier mit ihrem Start-up Teil eines Accelerator-Programms und haben ein Netzwerk aus Psychologen, Neurologen, NGOs und Spieleentwicklern aufgebaut, um eine kindgerechte, spielerische Hilfe in Form einer App bieten zu können.

Die Gründer Nicola Filzmoser und Cornelius Palm.
Foto: Happy Health

"Das Wichtigste ist ein 'Call to Action' – damit man nicht alleine leidet, sondern etwas unternimmt. Wir versuchen den betroffenen Kindern und Eltern Möglichkeiten zu geben, sich für eine Verbesserung einzusetzen", sagt Filzmoser. Die Anwendung soll individualisierte Begleitung bieten und Hilfestellung geben. Gleichzeitig werden Eltern besser informiert und zur Selbsthilfe in einer Community vernetzt.

Avatar fragt nach Befinden

Mit der App sollen sich die Kinder mit ihrer Krankheit befassen. Ein ins Kamerabild des Handys eingeblendeter Avatar soll altersgerecht nach Befinden, Stress, ungewohnten Situationen und weiteren Migräne-relevanten Aspekten fragen und in Spielform zu Maßnahmen, etwa Atemübungen, animieren. Dass mit Anwendungen dieser Art ein Zukunftsfeld erschlossen wird, ist an der Nachricht ablesbar, wonach die US-Zulassungsbehörde FDA eben das erste Computerspiel als Therapieform genehmigt hat. Es richtet sich an Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS).

Der Chat mit dem Avatar hat mehrere Funktionen: Aus den Antworten der jungen Patienten wird ein Migräne-Tagebuch extrahiert, das auf Auslöser und wirksame Maßnahmen schließen lassen soll und Eltern und gegebenenfalls auch Ärzten über ein Web-Dashboard zugänglich gemacht werden könnte. Gleichzeitig soll das System aus den anonymisierten Daten lernen. Was dem einen Kind geholfen hat, wird auch anderen in vergleichbaren Situationen vorgeschlagen. "Wir hoffen so, individuelle, möglichst wirksame Konzepte anbieten zu können", erklärt Palm. "Viele Patienten probieren verschiedenste Mittel aus, bis sie etwas finden, das hilft. Wir hoffen, dass wir diese Suche beschleunigen können." Das Ziel ist, durch die medizinische App eine deutliche und messbare Verbesserung zu erreichen – etwa eine signifikante Reduzierung der Schulfehltage. Eine erste Version der App soll spätestens 2021 verfügbar sein. (Alois Pumhösel, 25.6.2020)