Ian MacKaye, hier im Büro seines legendären Dischord-Labels in Washington, D.C., führt seinen stilprägenden Hardcore zur Altersmilde.

Foto: Dischord

Oft kommt es dieser Tage nicht mehr vor, dass man ausgerechnet von einer Band aus der Ecke der Indie-Rock-Musik überrascht wird. Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang. Drei Leute reichen. Kein Remmidemmi. Kein Gebolze, wenige Effekte, kein Gebrüll.

Wenn das Trio Coriky auf seinem titellosen Debütalbum im letzten Song Inauguration Day darüber singt, dass das Wahlvolk wenig Einfluss darauf hat, wer US-Präsident wird, geschieht das in Form einer musikalischen Geschichtsstunde, die zeigt, dass altes Aufbegehren heute immer noch als relevant zu gelten hat:

"What’s surprising is the expectation that we’d ever have a say / About who’d be standing on that carpet on inauguration day." Gezupfte Gitarre, leiser, mehr in sich hineinhorchender als in das Mikro brüllender Gesang. Erst am Ende des Songs geht die Bombe hoch. Doch davon gleich mehr.

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Zuvor noch eine kurze Erläuterung, warum dieser ganze Indierock seit gefühlten 25 Jahren nervt: Möglicherweise hat das damit zu tun, dass das Genre schon in den guten alten Zeiten vor Kurt Cobains Selbstmord gut durchdekliniert war. Historisch gesehen geht es um eine Kombinationstherapie. Von Größenwahn, Minderwertigkeitskomplexen, Mieselsucht, manchmal auch nur von einem reinen Huscher oder einer gewissen Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation beeinflusster Gesang trifft auf Drogen aller Art. Dazu krachen obstruktive Gitarren in die revolutionär-autistisch aufgeladene Stimmung. Die Gitarren werden durch mit dem Fuß bedienbare Distortion-Pedale gejagt, die die Fachwelt nicht von ungefähr Tretminen nennt.

Wenn die Bombe platzt, entsteht Wahrhaftigkeit. Die Welt muss brennen! Der Rest ist Arrangement. Meistens haben wir es im Genre längst mit Genre-Sachwaltern zu tun, die verranzte Tourbusse und versiffte Backstage-Räume immer noch für das wahre Leben halten.

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Im Gegensatz zu all dem in Indiehausen beliebten Daseinsschmachten hat es damals ab Ende der 1980er-Jahre auch noch die Band Fugazi und das in Washington, D.C., beheimatete Post-Hardcore-Label Dischord gegeben. Ian MacKaye war der Chef von beiden. Er kam mit seiner ersten Band, den legendären Minor Threat, aus der Hardcore-Punk- und strengen Straight-Edge-Bewegung.

Das bedeutet im konkreten Fall, dass Fugazi und Teile ihrer Fanbase im Gegensatz zu den herkömmlichen Rock-Giftlern keine Drogen, keinen Alkohol, keinen Tabak, keinen Zucker und keine Tiere oder Tierprodukte zu sich nahmen und Karotten für eine Süßspeise hielten. Das wurde auch von der Bühne herabgepredigt. Die Musik? Hart gehackte Gitarren, aber auch auf eine gewisse Funkiness und Geschmeidigkeit, die sich heimlich auf Reggae bezog, sowie MacKayes knödelnder Brüll- und Beschwerdegesang. Die Musik war trotzdem gut. Man erinnere sich nur an The Waiting Room oder Repeater.

Gute Körperspannung

30 Jahre und diverse Bandprojekte und eine gewisse erworbene Lebensgelassenheit später, zuletzt mit dem Duo The Evens, liegt nun mit den zehn Stücken von Coriky in gewisser Hinsicht ein Resümee vor. Für alles, woran wir leiden, tragen Politik und Ökonomie die Verantwortung: "There is no time for dissent / We sold it all to pay the rent / So off to work we go!"

Der auch politisch in lokalen Projekten aktive Ian MacKaye singt und spielt Gitarre, Ehefrau Amy Farina singt und schlägt die Trommeln. Am Bass steht Joe Lally von Fugazi. Fünf Jahre hat man gemeinsam im Wohnzimmer nur für sich gespielt. Man merkt das dadurch erworbene blinde Vertrauen dieser entspannten, dennoch mit guter Körperspannung vorgetragenen Musik an. Der strenge Geist von Fugazi kommt mit folkigen und bluesigen Zwischentönen zum Durchatmen. Großes Album. Heute darf es auch einmal ein Karottenkuchen sein. (Christian Schachinger, 3.7.2020)