Der Grand-Renaissance-Staudamm Ende Juni und am 14. Juli auf Satellitenbildern.

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Addis Abeba – In Äthiopien füllt sich der Stausee am Blauen Nil. Das gilt als wichtiger Meilenstein beim Bau des "Grand Ethiopian Renaissance Dam" (Gerd), der in den kommenden Jahren die Stromversorgung des ostafrikanischen Landes sicherstellen und der Wirtschaft beim Wachsen helfen soll.

Wasserminister Seleshi Bekele wies Berichte, dies sei absichtlich geschehen, später wieder zurück. Zuvor hatte er noch gesagt, man habe mit der Befüllung des Beckens begonnen. Es handle sich dabei aber um eine Fehlinterpretation seiner Worte, hielt er nun fest. Gemeint habe er: "Es gibt heftige Regenfälle, und es fließt mehr Wasser rein als raus." Ein aktives Aufstauen sei dies allerdings nicht. Der Bau sei noch nicht fertiggestellt. Ein Füllen des Stausees sei aber baldiger Teil der weiteren Baumaßnahmen. Messungen aus dem Sudan, wonach die Durchflussrate des Nils deutlich gesunken sei, erklärte er nicht.

Für die flussabwärts gelegenen Staaten Ägypten und Sudan ist der Bau mit massiven Sorgen um die Zukunft ihrer Wasservorräte verbunden. Beide Länder sind für ihre Landwirtschaft auf die Bewässerung durch den Nil angewiesen. Gespräche zwischen den drei Staaten waren in den vergangenen Tagen einmal mehr ohne Ergebnis geblieben. Immer wieder hatte es harte Worte gegeben.

Schon bisher hatte es daher massive Drohungen aus Ägypten gegeben, die sich zuletzt in die nachhaltige Forderung nach weitere Verhandlungen vor einem Anfüllen des Damms gewandelt hatten. Gleiches hatte auch der Sudan verlangt. Nun, da man ein Absinken des Wasserdurchflusses um 90 Millionen Kubikmeter pro Tag gemessen habe, kommt deutliche Kritik aus der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Der Sudan weise jede unilaterale Handlung zurück, teilte das Bewässerungsministerium des Landes mit. Man fordere weitere Gespräche mit Äthiopien und auch mit Ägypten. Auch aus Kairo kam als erste Reaktion das Verlangen nach einer Klarstellung durch Äthiopien.

Langer Streit

Der 4,6 Milliarden Dollar teure Damm, dessen Errichtung Äthiopien allein aus dem eigenen Budget bezahlt, sorgt seit Jahren für Streit mit Ägypten. Addis Abeba will damit den für die wirtschaftliche Entwicklung so dringend benötigten Strom erzeugen. Kairo aber befürchtet, dass dann nicht genügend Wasser den Nil herabfließt. Der Wüstenstaat deckt rund 90 Prozent seines Wasserbedarfs aus dem Nil. Unter dem damaligen Präsidenten Mohammed Morsi hatte Ägypten 2013 sogar mit einer Bombardierung des Damms gedroht. Der Sudan sieht in dem Staudamm inzwischen einige Vorteile für sich, darunter Strom aus Äthiopien. Er pocht aber ebenfalls auf Verhandlungen und Berechenbarkeit.

Trotz mehrerer Versuche und der Unterstützung der USA konnten die drei Staaten noch keine Einigung erzielen. Ägypten schaltete vergangene Woche den UN-Sicherheitsrat ein. Experten haben stets davor gewarnt, dass das Betreiben des Renaissance-Staudamms ohne enge Kooperation mit den Staudämmen flussabwärts riskant sein könnte. (mesc, APA, 15.7.2020)