Wurde der leichten Muse und des finanziellen Erfolges wegen oft verschmäht: Franz Lehár (1870–1948).

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Er war eine Art Andrew Lloyd Webber seiner Zeit: weltweit gefeiert, finanziell enorm erfolgreich, künstlerisch zum Teil umstritten. Die Feiern zum 150. Geburtstag Franz Lehárs (30. April) wurden durch Corona arg torpediert. Das renommierte Léhar-Festival in Bad Ischl, des Komponisten liebster Wohn- und Werkstätte, musste abgesagt werden: Der Zarewitsch und die Uraufführung einer klingenden Lehár-Lebensgeschichte müssen bis 2021 warten. In Baden wird diesen August immerhin Die blaue Mazur in der Sommerarena gespielt; zwar ohne Chor, ohne Ballett und ohne Pause, dafür aber mit Oliver Baier als Conférencier.

Wer sich neben seiner Klangkunst auch für das Leben Franz Lehárs interessiert, der kann derweil zu zwei Druckwerken greifen (beide Böhlau-Verlag). Stefan Frey hat sein Lehár-Buch Was sagt ihr zu diesem Erfolg von 1999 zu einer Biografie erweitert. Der Fokus von Franz Lehár – Der letzte Operettenkönig soll nicht mehr auf dem Werk, "sondern auf der immer noch schwer zu fassenden Person des Operettenkönigs selbst" liegen.

Musikalische Dialekte dank Militär

Der "König" wurde als Sohn eines untertänigsten Militärkapellmeisters im heute ungarischen Komárom geboren und musste als sogenanntes "Tornisterkind" nicht weniger als 22 Garnisonswechsel des Vaters mitmachen. Die zahlreichen musikalischen Dialekte, die der kleine Franz hierbei kennenlernte, bildeten den Nährboden seiner vielgestaltigen Ausdruckskraft. Die Monarchie blieb für den "Sohn eines tschechischstämmigen, ‚deutsch fühlenden‘ Mährers und einer deutschstämmigen, magyarisch fühlenden Ungarin" (Frey) auch nach ihrer Abschaffung ein Sehnsuchtsort. "Es ist direkt ein Wunder, dass alles bisher so beieinander blieb", fasste Lehár 1912 in einem Brief den Zustand der Doppelmonarchie zusammen.

Auf ein frühes, wechselfreudiges Militärkapellmeisterleben folgte bald die Karriere als Komponist. Nach einem enttäuschenden Start als Opernkomponist (mit dem lyrischen Drama Kukuška 1896 in Leipzig) wandte sich Lehár 1902 der Operette zu – und reüssierte auf diesem Gebiet in der Folgezeit weltweit in einem unvorstellbaren Ausmaß. Die Affinität zur Oper sollte den Puccini-Freund aber ein Leben lang begleiten. Seine musikalische Komödie Giuditta wurde 1934 sogar an der Wiener Staatsoper uraufgeführt.

Frey skizziert die Entwicklung der Operette zu einem globalen Industriezweig. Nicht nur der finanzielle Erfolg war es jedoch, der diese Gattung zum "Prügelknaben der Kunst" (Lehár) machte. Karl Kraus und Theodor W. Adorno werden vom Autor diesbezüglich als eine Art Waldorf & Statler seiner Biografie installiert, die immer wieder mit Kritischem gegenüber der Gattung und dem Komponisten zitiert werden. Wobei Karl Kraus dem klingenden "Zwetschgenmus" Lehárs unbarmherziger gegenüberstand als Adorno, der Lehárs Lustiger Witwe immerhin eine individuelle Haltung und "sogar Geschmack" attestierte.

Zerrissenheit in der NS-Zeit

Frey beschreibt auch Lehárs Zerrissenheit in der Nazizeit, als ungemein erfolgreicher Komponist von Operetten größtenteils jüdischer Librettisten, als Ehemann einer jüdischen Frau, als Komponist von Hitlers Lieblingsoperette (Die lustige Witwe), von Goebbels hofiert. Lehár genoss die privilegierte Position, nutzte sie aber auch, um für Freunde bei NS-Größen zu intervenieren (etwa für den greisen Victor Léon).

In Wolfgang Doschs Beitrag zum Lehár-Lesebuch Dein ist mein ganzes Herz erfährt man, dass es vor der Einberufung zur Wehrmacht schützen konnte, wenn man an der Librettoneufassung einer Lehár-Operette arbeitete. Die Rede ist vom Fall des Autors und Kabarettisten Rudolf Weys, der im Auftrag der "Reichsstelle für Musikbearbeitungen" das Textbuch des Rastelbinders, eines Frühwerks Lehárs, zu arisieren hatte: Ein jüdischer Zwiebelhändler war im Dritten Reich als Hauptfigur untragbar.

Weiters stößt man in dem von Heide Stockinger und Kai-Uwe Garrels herausgegebenen Lesebuch auf hingebungsvolle, detailreiche Schilderungen der Luxusimmobilien des Komponisten (Lehár-Villa in Bad Ischl, Lehár-Schlössl in Wien) sowie auf höchstpersönliche Lehár-Erfahrungen der Herren Wagner-Trenkwitz (Chefdramaturg der Volksoper) und Lackner (Intendant der Bühne Baden). Die Operette ist tot, ewig lebe ihr letzter König. (Stefan Ender, 30.7.2020)