Gerhard Struber blickt nach vorn.

Foto: APA/EXPA/DOMINIK ANGERER

Der Barnsley FC ist seit Dienstag offiziell vor dem Abstieg gerettet. Der Einspruch von Wigan Athletic gegen einen Zwölf-Punkte-Abzug aufgrund eines Insolvenzverfahrens wurde abgewiesen, Barnsley beendet die Saison einen Zähler vor der Abstiegszone. Verantwortlich für dieses nordenglische Fußballwunder ist der Salzburger Gerhard Struber. Als er im November 2019 den Wolfsberger AC verließ, um bei den Tykes anzuheuern, schien die Mission aussichtslos. Nur ein Sieg war bis dahin in 16 Spielen gelungen. Mit dem neuen Coach feierte Barnsley elf Siege in 30 Runden und sicherte in letzter Sekunde den Ligaverbleib.

STANDARD: Als Sie den FC Barnsley übernommen haben, galt der Verein quasi als Fixabsteiger. In welchem Zustand haben Sie die Mannschaft angetroffen?

Struber: Es gab keine gemeinsame Spielidee. Es gab keine Leader, keine Hoffnung, keinen Glauben. Es galt, eine durchgebeutelte Mannschaft auf Vordermann zu bringen. Es war eine Challenge, ich musste an meine persönlichen Grenzen gehen.

STANDARD: Wie gibt man am Boden liegenden Spielern das Selbstvertrauen zurück? Reichen ein paar Kalendersprüche in der Kabine?

Struber: Nein, man muss vom ersten Tag an vorleben, was Disziplin und Glaube bedeuten. Man muss die Dinge verkörpern. Der Glaube kann nicht künstlich hervorgerufen werden, er benötigt Substanz. Wenn alle sehen, dass die Abläufe im Prozess besser werden, greifen die Räder ineinander. So entstehen Synergien. Dann macht eins plus eins plötzlich drei. Nach drei Matches hatten wir den ersten Sieg eingefahren. Das war ein Schlüsselerlebnis.

STANDARD: Sie sprechen von einem 3:1 gegen Hull City, dem ersten Sieg nach 17 Spielen. Welche Energie wurde damit freigesetzt?

Das Wunder von Barnsley.
Foto: Reuters/Sibley

Struber: Die Jungs haben gemerkt, da geht was, sie können siegen. Die Anweisungen des Trainers scheinen also einen Mehrwert zu haben, das sind keine Worthülsen. Dadurch entsteht Vertrauen. Plötzlich war das Feuer da, der aggressive Spielstil hat der Mannschaft Sicherheit gegeben. Aber es war nicht leicht. Im Gegenteil, wir waren in jeder Hinsicht am Limit, es war vom ersten bis zum letzten Tag eine Achterbahnfahrt.

STANDARD: Die emotionalen Bilder vom Klassenerhalt zeigen eine starke Bindung zu den Spielern. Wie wichtig war Ihnen diese Nähe?

Struber: Sie war ein entscheidender Faktor. Aus der zweiten Reihe war diese Aufgabe nicht zu bewältigen. Für die Spieler war es eine kleine Überraschung, dass der Manager so eng dran ist. In unserer Situation war dies unumgänglich. Die Mannschaft ist jung, sie ist massiv unter Druck gestanden. Nach dem Lockdown war jedes Spiel ein Endspiel. Ohne Schulterschluss hätten wir im Ligafinish niemals diese unglaubliche Energie aufbringen können.

STANDARD: Sie sprachen nach dem letzten Match von leeren Batterien. Saugt der Abstiegskampf aus?

Struber: Er war für mich eine irrsinnige Belastung. Ich musste täglich die Richtung vorgeben. Dabei geht es nicht nur um die Spieler, es geht um jeden Mitarbeiter im Verein. Die vergangenen Monate gingen mit Entbehrungen einher. Wir mussten unsere Familien hintanstehen lassen, um das große Ziel zu erreichen. So war ich nicht nur der Manager, ich war auch ein bisschen der Papa. Am Ende hat sich alles bezahlt gemacht, wir haben es geschafft.

STANDARD: Der Klassenerhalt wurde nach 46 Spieltagen im letzten Match in der Nachspielzeit fixiert. Danach waren Sie den Tränen nahe.

Barnsley gewinnt bei Brentford und sichert sich in der letzten Sekunde den Klassenerhalt.
Barnsley FC

Struber: Nach dem Schlusspfiff ist der Druck abgefallen. Mittlerweile bin ich wieder in der Balance. Es hieß, Barnsley würde ohnehin absteigen. Die Frage sei nur, mit welchem Rückstand. Wir haben den Experten gezeigt, dass sie sich getäuscht haben. Das macht den Fußball so interessant. Mit einer guten Spielidee und einer gemeinsamen Energie ist die Sensation möglich.

STANDARD: Mit Michael Sollbauer und Marcel Ritzmaier haben sie zwei Spieler aus Wolfsberg mitgenommen. Goalie Samuel Sahin-Radlinger und Stürmer Patrick Schmidt waren bereits im Verein. Welche Rolle spielten die ÖFB-Legionäre?

Struber: Eine wichtige, sie haben einen großen Anteil an diesem Erfolg. Sollbauer und Ritzmaier haben schon in Wolfsberg die Idee verstanden, wie ich Fußball lebe. Sollbauer ist ein Leader, ein echter Multiplikator. Dazu kommt Schmidt, der in der Box immer wieder seinen Killerinstinkt beweist. Er hatte nicht sehr viele Minuten auf dem Platz, seine Zeit aber optimal genutzt. Er hat einen unglaublich professionellen Job gemacht.

STANDARD: Ihre Karriere im Profifußball begann 1995 als Spieler in Salzburg. Nun sind sie erstmals außerhalb von Österreich tätig. Ist das eine wichtige Erfahrung?

Struber: Auf jeden Fall. Eine neue Sprache, eine neue Kultur. Ich habe in diesem Halbjahr viel begriffen. Vor allem als Mensch. Barnsley stellt Spieler aus 14 Nationen. Ich habe mich mit allen intensiv auseinandergesetzt, ich habe von den Spielern gelernt. Ich musste für jeden Einzelnen einen Motivationsanreiz finden und durfte dabei die Teamdynamik nicht aus den Auge verlieren. Als Trainer habe ich gelernt in der System-Ausrichtung noch flexibler zu sein, vor und während der Partie.

STANDARD: Der "Guardian" nennt Sie in Sachen Taktik in einem Atemzug mit Jürgen Klopp und Ralph Hasenhüttl. Man bringt Sie mit Premier-League-Absteiger Watford in Verbindung. Kann Barnsley Sie halten?

Struber: Das ehrt mich. Es gibt Interessenten. Mein Berater hat Kontakte zum einen oder anderen Verein aus England. Es gab auch etwas in Deutschland und in den Niederlanden. Ich habe aber einen Vertrag in Barnsley, der Verein ist mein erster Ansprechpartner. Ich will für die kommende Saison eine stabile Truppe hinkriegen. Ich brauche keinen weiteren Abstiegskampf, sondern ambitionierte Ziele.

STANDARD: Im September 2019 haben Sie mit Wolfsberg Mönchengladbach 4:0 bezwungen. Dann kam Corona, dann der Kraftakt in Barnsley. Spielt das Leben verrückt?

Struber: Die Fußballwelt ist auf jeden Fall verrückt. Ob Erfolg oder Misserfolg, man muss in seiner Mitte bleiben. Man sollte sich bei Erfolgen nicht zum Abheben hinreißen lassen. Bei Misserfolgen sollte man nicht zu Tode betrübt sein. Man muss Schritt für Schritt machen. Dieses Jahr steht für mich unter der Überschrift "Lernen". In der nächsten Saison wird es wieder so sein. Es hört nie auf. (Philip Bauer, 5.8.2020)