Barcelona – Wer noch daran zweifelt, dass die Kopier-Affäre zum Dauerthema in der Formel 1 wird, der sollte mal Toto Wolff zuhören. Der Mercedes-Motorsportchef ist bestens bekannt mit Lawrence Stroll, dem Mitbesitzer des beklagten Racing-Point-Teams. Und über den kanadischen Milliardär weiß er eines ganz genau.

"Lawrence ist jemand, der keine Gefangenen macht", sagte Wolff bei Sky Sports, "wenn der Fall vor das Berufungsgericht kommt, dann wird er 'All in' gehen. Er wird alle ihm zu Verfügung stehenden Mittel nutzen und das Ganze zu einem für ihn positiven Ende bringen."

Die Racing Points sind nur alte Mercedes.
Foto: AP

Urteil zu lasch

Wolff sagte das am vergangenen Wochenende, und das Wörtchen "wenn" darf mittlerweile gestrichen werden: Die Angelegenheit liegt mittlerweile ganz offiziell beim Berufungsgericht des Motorsport-Weltverbandes FIA. Denn Ferrari, Renault und auch Racing Point selbst bestätigten fristgerecht bis Mittwochvormittag ihren Einspruch gegen das ursprüngliche Urteil. Der Konkurrenz erscheint es zu lasch, Racing Point dagegen sieht sich zu unrecht bestraft.

Bis zur Entscheidung dürfte nun eine Weile vergehen. Streitpunkt ist Racing Points aktuelles Auto, das eines der schnellsten im Feld ist – und abgesehen von der pinken Lackierung dem Weltmeister-Mercedes von 2019 zum Verwechseln ähnlich sieht.

Pinker Mercedes

Im Kern soll Racing Point die vorderen und hinteren Bremsbelüftungen unerlaubt von Mercedes kopiert haben. Dies bestätigte die FIA grundsätzlich in ihrem ersten Urteil in der vergangenen Woche, verhängte eine Geldstrafe über 400.000 Euro sowie den Abzug von 15 WM-Punkten in der Konstrukteurswertung. Das Problem für die Konkurrenz: Racing Point darf sein Auto weiter in unveränderter Form nutzen und wird damit in diesem Jahr wohl noch zahlreiche, geldwerte WM-Punkte einfahren.

Racing Point ist sich dagegen keiner Schuld bewusst, und Stroll machte das zuletzt bereits mit einem denkwürdigen Auftritt deutlich. Fünf Minuten dauerte der Clip, Lawrence Stroll, mit Gesichtsmaske, liest mit fester, manchmal bebender Stimme ein Statement vor. Er habe "noch nie in meinem Leben bei irgendetwas betrogen", sagte der 61-Jährige unter anderem, seine Integrität und die des Teams stünden "außer Frage".

Strafe nur für Konstrukteurswertung

Man ist sich recht sicher bei Racing Point, und das hat wohl damit zu tun, dass man sich ziemlich geschickt im Graubereich bewegt hat. In der Formel 1 gibt es sogenannte "listed parts", die jedes Team selbst designen muss. Die Bremsbelüftung gehört erst seit Januar 2020 dazu, entworfen wurde der aktuelle Bolide aber natürlich im Jahr 2019.

Das Kräfteverhältnis in der aktuellen Saison ist nun die eine Sache, Racing Points Konkurrenten fühlen sich benachteiligt. Es geht schließlich um das Ranking in der Herstellerwertung und damit am Ende des Jahres um Millionenbeträge.

Präzedenzfall Racing Point?

Doch in der nun anstehenden Berufungsverhandlung geht es auch um etwas viel Größeres. "Nicht nur um Bremsbelüftungen, sondern um eine Philosophie: Was ist erlaubt und was nicht", sagt Red-Bull-Teamchef Christian Horner. Gerade für den Getränkekonzern sind grundlegende Entscheidungen über Wissenstransfer in der Formel 1 interessant, denn Red Bull besitzt ja noch das kleinere Schwesterteam AlphaTauri.

Wird Racing Point zum Präzedenzfall, dann könnte nicht nur Red Bull in Zukunft kostensparend wiederverwerten. Das wäre günstig, einen echten Wettbewerb der Konstrukteure gäbe es dann in vieler Hinsicht aber nicht mehr. Nicht nur das Werksteam Renault wünscht sich daher ein "klares Regelwerk, welches sicherstellt, dass alle Teams ihr Aerodynamik-Konzept für 2021 selbst entwickeln". (sid, 12.8.2020)