"Jede Bier- eine Samenbank", schreibt Stefanie Sargnagel in ihrem Text zum Oktoberfest-Theaterstück. 2020 macht das beliebte Münchner Volksfest Pandemie-Pause.

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Tag 1: Ich reise nach München, in die Hauptstadt von Bayern, um mir das weltweit bekannteste Volksfest anzuschauen als Basis für ein Theaterstück. Ich habe mir Wissen dazu angelesen, bergeweise Lektüre, die sich auf wenige Punkte zusammenfassen lässt: Bier, Gaudi, Trachten und Flirts. Alle hochgeistigen Informationen, die ich mir im Rahmen der Recherche organisiert habe, lassen sich darauf reduzieren.

Ich erwarte mir keine investigativen Erkenntnisse von meinem Besuch, diese Hoffnung habe ich aufgegeben, alles, was ich mir wünsche, ist eine schöne Zeit in zünftiger Atmosphäre auf Kosten deutscher Steuerzahler, Trachtensex mit einem grobschlächtigen Bayern, und, wer weiß, vielleicht lerne ich in der ausgelassenen Atmosphäre endlich meinen Traumprinzen kennen.

Ich bin Mitte dreißig, und meine Ansprüche sinken mit der Zunahme der Alterserscheinungen. Die Gesellschaft trägt eine Tendenz von Torschlusspanik an mich heran, als würde es wirklich Zeit werden, sich demnächst schwängern zu lassen, und die Theresienwiese ist der größte Fleischmarkt der Welt. Jede Bier- eine Samenbank.

Vor drei Jahren war ich das erste Mal auf dem Oktoberfest, nur für eine Stunde. Es war nach einer Lesung im Volkstheater, junge Sozialistinnen schleppten mich hin, sogar die waren irgendwie stolz auf ihre eigentümliche Massenveranstaltung.

Ich hatte ein Glas Weißweinspritzer in der Hand, welches ich vom Theater mitgenommen hatte. Ein Security vor dem Eingang fragte mich wachsam, woher ich denn dieses Glas hätte. "Aus dem Volkstheater", antwortete ich damals wahrheitsgemäß, "ich hatte dort eine Lesung." Und er konterte scharf: "Das ist Diebstahl, das hast du gestohlen!"

Ich: "Nein, ich hab es mir nur geborgt. Und überhaupt: Das kann Ihnen doch völlig wurscht sein?" Er: "Das hast du gestohlen! Du bist eine Diebin!" Ich bewunderte seinen Eifer und wählte einen anderen Eingang.

Das kennt man im Heimatland

Als Österreicherin sind mir Volksfeste dieser Art nicht unbekannt, dachte ich mir zumindest. Nationalstolz, Rassismus, Übergriffe und Mostschädel, das kennt man in meinem geliebten Heimatland von Kindheit an. Von meinem Besuch war ich aber positiv überrascht: Nie zuvor hatte ich ein Fest dieser Größenordnung gesehen. Niemals in meinem Leben habe ich derartige Massen an blunznfetten Menschen an einem Punkt versammelt gesehen, nie so viele Torkelnde, Fallende, auf dem Boden Schlafende aus allen Schichten und Nationen.

Nie zuvor hatte ich erlebt, dass Menschen jenseits aller sozialen Grenzen mit letzter Kraft versuchen, die lasch getrunkenen Körper ineinander zu verknoten, mit schlaffen Weichteilen in den anderen einzudringen und sich zu vereinen als romantischen Abschluss des gemeinsamen Scheiterns. Eine Flamme der Verzweiflung war sofort in mir entfacht.

BHs, Gleitgel und Pfefferspray

Am Tag vor meinem ersten Wiesnbesuch treffe ich die Mitarbeiter des Münchner Volkstheaters in einem Konferenzraum. Ich sitze in der Mitte, alle anderen sind rings um mich in Tracht versammelt. Die Intendantin, die technische Leiterin, sämtliche Assistenzen, die Beleuchterinnen, der Betriebsrat, die PR-Abteilung.

Jede von ihnen hat persönliche Anekdoten vorbereitet, die nun als Kurzreferate vorgetragen werden. Nur für mich halten sie intime Reden über ihr liebstes Volksfest. Die Mitarbeiterinnen haben mir sogar eine Ausrüstung zusammengestellt. Sie wird mir als Geschenk überreicht.

In weiß-blaues Krepppapier verpackt, bekomme ich Strümpfe, eine Auswahl an Schürzen, BHs, die meine Brüste ordentlich heben sollen, Spangen und Bänder für Zöpfe, Pfefferspray, Gleitgel, Pflaster, Zeitungsartikel. Der Hausjurist schenkt mir einen selbstgeflochtenen Blumenkranz für den Kopf, und die Putzkräfte reiben mir Glitzer aufs Dekolleté.

Selbst hier in einer hochkulturellen Institution merkt man die Aufregung, weil ich mich ein paar Tage meines Künstlerinnenlebens dieser urbayrischen Feierlichkeit widmen will. Letzte Informationen werden zusammengefasst, ich werde aufgeklärt darüber, hinter welchem Zelt es sich am besten, wie sie es nennen, "schnacksln" lässt und vor welchen Körperflüssigkeiten man sich besonders in Acht nehmen sollte.

Staatstragend

Die Kulturbayern stopfen mir liebevoll Geldscheine in jede Ritze meiner Kleidung für ein saftiges Hendl oder ein Fleischpflanzerl. Sie küssen mich herzlich auf beide Wangen und wünschen mir Vergnügen.

Das bayrische unterscheidet sich schon wesentlich vom Wiener Bussi. Die Lippen sind kraftvoller, direkt muskulös, und es ist feuchter. Der Speichelfluss ist von Gedanken an Ochsenhaxn und Dampfnudeln angeregt. Das Schmatzen ist laut wie eine Fuhrmannspeitsche, die auf den Boden schnalzt, und es riecht nach Händlmaier Senf. Mit nassem Gesicht spüre ich die Last der Verantwortung, die auf meine Schultern gelegt wurde, und die Bedeutung dieses Auftrags. Meine Arbeit ist nicht nur identitätsstiftend, sie ist eigentlich staatstragend.

Zur Reflexion begebe ich mich in die Fünfsternesuite meines Steuergeldhotels, und danach richte ich mich zurecht nach allen Anleitungen des Brauches. Mehrmals wurde ich gewarnt, dass ich als alleinstehende Frau besonders gut aufpassen müsse, so wie ich es sonst nur von Reisen nach Saudi-Arabien kenne. Mit Herzklopfen flaniere ich durch die Münchner Gassen. An jeder Ecke wird Tracht in unterschiedlicher Qualität verkauft.

Die Friseursalons sind gefüllt mit Münchnern, denen die Schnurrbärte gezwirbelt, und Münchnerinnen, denen die Haare blond gefärbt und zu aufwendigen Flechtfrisuren gesteckt werden. Kordelzöpfe, Gretchenschwänze, Kränze, Gräten, Kronen, Dutte, Bauerntaue, Wasserfälle, Schnecken. Selbst die Wimpern werden eingeflochten.

Ganze Frauengruppen, bestehend aus Töchtern, Tanten und Großmüttern, lassen sich ineinander verknüpfen, bis sie sich in einen großen deutschen Zopf mit Gliedmaßen verwandeln, der sich wie ein Rattenkönig Richtung Festgelände bewegt. Aus allen Himmelsrichtungen strömen die Menschen nun in Tracht zur Theresienwiese. Alle sind ausnahmslos elegant. Ich lasse mich in die Menge fallen, gebe mich auf, der Strom trägt mich wie eine Büffelherde davon zur Tränke.

Nieren laufen auf Hochtouren

Die Stimmung der Menschen ist erwartungsvoll: Ein Mann mit Hirschstickerei im Genitalbereich ruft seinen Freunden zu: "Hurry up, guys: The girls are waiting to fuck a Canadian." Die ganze Welt freut sich auf die deutsche Tradition. Bald wird alles angefüllt sein mit Bier, es platzt aus den Backen, es füllt die Bäuche, die Beine, die Brüste, die Hoden. Es schäumt unter den Achseln und tropft aus den Nasenlöchern. Es birst aus jeder Drüse. Die Nieren laufen auf Hochtouren.

Die große Ausscheidung braut sich zusammen. Die Leute wollen in den Sog, um gemeinsam in ein großes Fass gesteckt und durchgerüttelt zu werden, heute gibt es keine Verantwortung, keine Selbstbeherrschung und keine Schuld. Die Touristen haben sich dafür als Bayern verkleidet. Mit Lederhosen, Dirndln und Federn am Kopf kostümieren sie sich als trinkwütige deutsche Kobolde.

Einzug der Wiesnwirte

Ich sichere mir einen guten Platz am Bavariaring, um den Einzug der Wiesnwirte zu beobachten. Jedes Jahr reisen die Lokalbetreiber in Wägen an und präsentieren dabei ihre feisten Familien. Fröhliche Blondinen, bärtige Männer, dicke Kinder, die ganze bayrische Pracht. Brauereipferde mit kraftstrotzenden Muskeln führen die Prunkgespanne mit scheppernden Geschirren und gleichen den Bayern in strammer Untersetztheit ums Haar.

In der Parade sind Tier und Mensch archaisch mit Blumen geschmückt wie Fruchtbarkeitsgötter, die alles um sich mit Potenz segnen. Man spürt: Mit diesen plumpen Gliedern wird hier von München aus die Welt zusammengehalten. Es ist das streng gebundene und hübsch verzierte Korsett des katholischen Konservatismus, das den Festbesuchern nun wochenlang Geborgenheit spenden wird.

Die Magie einfacher Hierarchien, das Bewundern der Obrigen, das Jauchzen, wenn ein Krapfen an diesem Tage für einen abfällt. Gefeiert wird der Überfluss und das Leben, indem man sich vollstopft, halb totsäuft und koitiert. Die Kehlen können es nicht erwarten, sich die Mass über die Leber laufen zu lassen. Endlich den ganzen deutschen Druck ablassen in orgiastischem Rumgesaue. Mit offenem Mund bestaune ich die vorüberziehende Herrlichkeit.

Grob wie die Österreicher

Die Bayern sind grob wie die Österreicher, aber weniger geschwächt vom Wein, der den Körper eher auszehrt und nicht wie Bier einen schwammigen Panzer aus Östrogenen schafft, welcher einen gegen alle Herausforderungen des Lebens schützt. Die Bayern sind wie Turboösterreicher, optimistisch blicken sie in die Zukunft ohne Selbstmitleid und slawische Schwermut.

Es sind die drallsten deutschsprachigen Stämme vereint zu einem Pfropfen, der jeden geistigen Fluss luftdicht verschließt und einen vor krankmachender Grübelei bewahrt. Sie sind wie Tiroler mit weniger Haargel, sie sind ein Faustschlag auf den Tisch, sie sind ein Rammbock ins Gehirn. Ihre Gesichter sind angenehm rund und die Nasen klein, alles passt zusammen und ist doch hässlich auf eine ehrliche Art. Ein schöner Kopf fällt in diesem Zug sofort auf, er passt nicht hinein, er ist zu glatt.

Schönheit ist unter diesen Gesichtern wie eine Fastfoodkette auf dem Biobauernmarkt, charakterlos, ihr fehlt das urtümlich G’schmackige. Schönheit entsteht durch genetische Durchmischung weit entfernter Regionen, doch hier hat man noch das vertraut Heimatliche: den zünftigen Charme reinrassiger Inzestgesichter auf fassförmigen Körpern, die jedem Sturm standhalten.

Bald reißen die Muskelfasern

Ein Winzerwagen bewegt sich verloren im Festzug zum einzigen Weinzelt auf der Wiesn. Angeführt wird er von einem Männchen mit roter Nase und strähnigen Haaren. Es muss aufpassen vom kräftigen Schreiten der Bierwirte nicht in den Boden gestampft zu werden. Es schlängelt sich mit Körbchen voller Trauben an herrschaftlichen Kolossen vorbei und lächelt gequält.

Die Schwachen werden hier gnadenlos zertreten. So stakst es hurtig mit seinen Zündholzbeinchen zwischen den kugelförmigen Waden und Bäuchen durch und schlüpft flugs in sein Zelt, damit es überlebt. Zitternd und stinkend nimmt es einen kräftigen Schluck Rebensaft in seinen ausgemergelten Körper auf.

Die Leute jubeln, sie schmeißen ihre Hüte durch die Luft. Ein Ochsenkarren zieht vorbei in die Ochsenbraterei. Die Glockenspiele zerreißen einem das Trommelfell. Der Frohsinn dröhnt. Die scharfen Klänge werden nur aufgeweicht durch den warmen, vollmundigen bayrischen Dialekt. "OH BAVARIA", denke ich mir. Es sind diese molligen A, die sich halb in ein O verwandeln und einen wärmen wie ein tiefes Rülpsen ganz nah am Ohr. Bald reißen die Muskelfasern der Brauereipferde und schnalzen einem auf den Lederhosenarsch.

Klang deutscher Lebensfreude

Das Wetter ist gut. Die Sonne strahlt herunter. Eine Blasmusikkapelle spielt einen Marsch. Dem Waldhornspieler tropft Schweiß und Speichel aus seinem hochroten Kopf in das Blasinstrument. Angestrengt saftelt er ins Blech hinein. Die Poren weiten sich, die Zellen quellen auf. Der Marsch, das ist der Klang deutscher Lebensfreude, der Stechschritt, das ist deutscher Tanz.

Hinter mir unterhalten sich die Menschen: "Ist der Florian Silbereisen noch mit der Helene Fischer zusammen?", "Was heißt b’soffn auf Spanisch?" Und ein junges Mädchen mit tiefem Ausschnitt flüstert: "Der Andi, der Hurensohn, der schaut uns nicht mal an!" Die Schützen feuern zwölf Gewehrschüsse in die Luft, und jetzt weiß man: O’ZAPFT IS! O’ZAPFT!

Die Wiesn ist wie eine Urmutter, doch eine unberechenbare. Sie nimmt die reschen Bayern an die Brust und säugt sie voll und wiegt sie liebevoll hin und her. Aber dann wird sie brutal, und die eben noch geborgenen Kinder werden wie nasse Fetzen auf die Straße geschleudert, schwindlig, angeschissen und alleine.

Dann brüllen sie wie am Spieß und winden sich im eigenen Bäuerchen. Ein Gefühl der Andacht breitet sich in mir aus und überwältigt mich. Ich beschließe, ein Nachmittagsnickerchen zu machen, und träume vom Tegernsee.

Das gelbe Fett rinnt vom Kinn

Nachmittag: Ausgeruht begebe ich mich zurück auf die Wiesn. Rund um den Haupteingang sammeln sich Bettler, Straßenmusiker und Pfandflaschensammler wie Spatzen, die warten, dass Krümel für sie auf die Straßen fallen. Die Brotlaibe, das sind die dicken Portemonnaies des torkelnden Münchner Bürgertums.

Ein riesiger Mann schreitet Richtung Wiesn und ruft: "Es ist so schön, nüchtern zu sein, in diesem Elend!", und wirkt, als wäre er auf Koks. Die erste Alkoholvergiftung wurde zehn Minuten nach Eröffnung gemeldet, und überall ums Gelände liegen nun schon vor allem Männer in Lederhosen bewusstlos herum und schlafen neben Obdachlosen.

Auch eine Attraktion des Oktoberfests: Wie nach einer Achterbahnfahrt in die Wohnungslosigkeit kann man heute ungeniert in angespiebenen Häuserecken schlafen und sich dann jahrelang mit dem Abenteuer brüsten.

Die Spaßvögel unter den Männergruppen tragen die beliebteste Witzmütze der diesjährigen Wiesnsaison. Es ist ein gebratenes Hendl aus Stoff, das batteriebetrieben die Haxen aneinanderschlägt und auf dem Kopf getragen wird. Jeder von ihnen hält sich für die größte Ulknudel.

Die Frauen, die vor ein paar Stunden noch schön und gepflegt waren, haben sich im Laufe des Nachmittags auf wundersame Weise gewandelt. Ihre Gesichter vergraben sich in meterlangen Bratwürsten und Hühnerkadavern. Die Fleischfetzen hängen ihnen aus der Nase und das gelbe Fett rinnt ihnen vom Kinn. Die Zöpfe tropfen durchtränkt von undefinierbaren Flüssigkeiten.

Auf dem Kotzhügel

Eine Frau in einem lavendelfarbenen Dirndl kriecht am Boden. Ihr scheinen sechs Arme gewachsen zu sein wie einer Vogelspinne. Die Haare hängen nass in das, was mal Gesicht war. Die Tracht ist voller Flecken, die Augen sind blutunterlaufen, und nach stundenlangem Biertrinken ist sie hungrig auf der Suche nach Nahrung.

Als sie einen der Witzmützenmänner mit Brathendlkopf erblickt, erkennt sie durch ihren glasigen Blick nichts weiter als ein wandelndes knuspriges Stück Fleisch. Sie setzt zum Sprung an und fällt mit einem Satz über den jungen Mann her, beißt ihm blind von Rausch und Gier mit enormer Kieferkraft den halben Kopf ab.

Wie ein Raubtier kauert sie jetzt hinter einer Schießbude und verzehrt sein Gehirn, das aus der Brathähnchen-Mütze hängt. Der Mann schafft es zu flüchten und läuft blutüberströmt, nur noch von seinem Stammhirn gesteuert, desorientiert über die Wiesn.

Er wird sofort integriert, niemand bemerkt, dass ihm zwei Drittel seines Gehirns fehlen. Eine Gruppe Österreicher nimmt ihn auf in einen Schunkelkreis. Eine Linzerin beginnt heftig mit ihm zu flirten. Wenig später liegen sie schon gemeinsam auf dem Kotzhügel, und sie befummelt ihn leidenschaftlich. Dabei merkt sie nicht, wie er während des Schmusens blasser wird und langsam verblutet.

Knüppel im Gleichtakt

Die Pärchen bilden sich in Windeseile. Eine Gruppe von 18-jährigen Polizisten versucht indes, die brodelnde Masse im Zaum zu halten. Motiviert sprinten sie von einem Ende der Wiesn zum andern. Ihr Gang ist hüpfend, sie strahlen, denn sie dürfen heute ihre ersten Ausländer verhaften. Verspielt schwingen sie ihre Knüppel im Gleichtakt und pfeifen gemeinsam ein Liedchen. Die Wiesn ist ein Ort, um sich auszuprobieren.

Was bei den Frauen die Tränen sind, die nun an allen Ecken verteilt werden, ist bei den Männern der Harn. Alle paar Meter lehnt eine Frau weinend an der Wand, um so die eingesoffene Flüssigkeit loszuwerden, während die Männer ihren Urin in alle Richtungen verteilen, als würden sie mit ihrem Penis weinen. Heute zeigen alle ihre verletzlichste Seite.

Plötzlich rennt ein Paar ungestüm an mir vorbei. Ich mache einen Satz zur Seite. Sie hängt mit beiden Armen an seinem Hals, und er schwingt sie so um seinen Körper. Er geht gerade durch wie ein Pferd, schnaubt, brüllt und keucht. Ich frage mich, ob er betrunken ist oder tatsächlich krank.

Die Frau hält ihn umklammert, würgt ihn immer wieder, packt ihn am Kinn, damit er ihr in die Augen schaut, und schreit: "Komm wieder zu dir, Thomas, komm wieder zu dir! Schau mich an!" Er windet sich, gibt nur noch Laute von sich und versucht wiederholt sie abzuwerfen, doch sie wendet ihre ganze Kraft auf, ihn an Ort und Stelle zu halten.

Ich beobachte besorgt das Szenario, möchte helfen, da trifft mich der Blick des Mannes. Seine Augen sind hitzig, er schreit: "Was glotzt du blöde Fotze so?", und ist dabei, auf mich zuzurennen. Ich weiche erschrocken zurück und flüchte auf die nächstgelegene Toilette.

Am Augustinerzelt vorbei

Vor der Toilettentür zwischen Schottenhammel- und Hackerzelt haben gerade zwei Zivilpolizisten in Tracht einen Kriminellen übermannt. Er liegt auf dem Bauch am Boden, die Hände mit Handschellen am Rücken gefesselt. Der Zivilpolizist in Lederhosen sitzt lachend auf ihm und brüllt auf ihn ein. Der Mann am Boden hat einen Joint geraucht, und Rauschgiftkonsum wird hier streng verfolgt. Vier 18-jährige Polizisten kommen schon zur Verstärkung angetanzt.

Die Leute wollen in den Sog: keine Verantwortung, keine Schuld.
Foto: Matthias Schrader

Das Pärchen ist nicht mehr zu sehen, und ich wage mich wieder aus dem Toilettenvorraum. Doch als ich am Augustinerzelt vorbeigehe, muss ich schon wieder ausweichen. Ein Besoffener fliegt durch die Tür aus dem Festzelt. Der Security hat ihn mit voller Wucht an den Hosenträgern ein paar Meter durch die Luft geworfen.

Er fliegt direkt auf eine Frau zu, die mit ihm zu Boden geht. Die Frau hält sich weinend die nun schmerzende Hälfte ihres Gesichts, mit der sie auf den Asphalt geknallt ist. Die Securitys laufen auf sie zu, um sich für ihren Übermut zu entschuldigen, aber auch die Frau ist nicht mehr bei klarem Verstand, und die Worte verhallen in einer anderen Welt.

Über die Liebe lernen

Als ich mich kurz hinter dem Schottenhammel-Zelt hinsetze und erholen möchte, kommt mir schon ein lachender Mann entgegen, der gerade den Zaun, der das entfesselte Gelände zur Reststadt abgrenzt, entlangspaziert und dabei fröhlich wie ein Kind sein Glied kreisen lässt, damit sein Urin kleine Spiralen macht. Lachend markiert er seine gesamte Umgebung, und im letzten Moment weiche ich dem Pissenden aus.

Einige Meter weiter findet gerade ein traditioneller Pärchenstreit statt. Ich verstehe beide sehr schlecht, möchte aber von den Deutschen über die Liebe lernen. Unauffällig bleibe ich an die Wand gelehnt in ihrer Nähe stehen und höre konzentriert zu. Warum sie flirtet. Warum er flirtet. Tränen.

Ein Brite mit Brille stupst mich an: "Are you alright?" Seine Waden sind zwar ausgesprochen dünn und sein Hintern füllt die Lederhose kaum aus, aber, wer weiß, vielleicht wird er ja heute Nacht mein Traumprinz. Verführerisch sage ich: "Yes, I’m fine. Thanks." "You are staring so concentrated in the distance, I thought you might need help. You look like you’re having a panic attack." Ich bedanke mich für seine Fürsorge, versichere aber, dass ich keine Sanitäter bräuchte, sondern dass der Schock in meinen Augen mein ganz normaler Partyblick sei. Dann zieht er auch schon ab.

Riesige Auswahl

Wegen der Überfüllung bin ich noch in keines der Zelte gelangt. Ich lasse mir dadurch aber die Laune nicht verderben, spaziere vergnügt weiter und schaue mir die verschiedenen Männer an, wer weiß, vielleicht ist ja mein Traumprinz darunter. Alles zwischen 15 und 50, das auf allen vieren stehen kann, käme infrage.

Die Auswahl ist riesig wie in einem paradiesischen Obstgarten voll mit den buntesten Früchten, manche süßer, andere reifer und ein paar wenige ganz besonders saftig. Alles bereitet mir Freude. Jetzt geht es also richtig los. Die Menschen sind behangen mit bunten Lebkuchenherzen. "I mog di", "Prinzessin", "Sexy Biene" oder "Lausmadl", steht darauf. So zeigt man, dass man begehrt wird, ich habe leider noch keines.

Auf dem Weg zum Riesenrad begegne ich einem dicken Jungen, um dessen Hals ein Herzerl mit der Aufschrift "Oma" hängt. Als er merkt, dass ich lächle, schenkt er mir eine Rose aus Plastik. Ob er heute Nacht mein Traumprinz wird? Ich schätze etwas zum Greifen. Da verschenkt er schon die nächste Rose. Er ist nicht wählerisch.

Also gehe ich weiter zum Käferzelt. Dort hängen die Prominenten ab. Die Gesichter der Menschen davor sind angespannt von zahlreichen Schönheitsoperationen. Das Zelt für die Schickeria wie mich. Ich schaue mich ein wenig um.

Die ganze Pop-Elite ist da: Yung Hurn sitzt in Lederhosen am Tisch, Billie Eilish in einem giftgrünen Dirndl schüttet sich eine Mass rein, Bushido rappt ein Prosit auf die Gemütlichkeit. Ich führe ein bisschen Smalltalk, aber die Paparazzi gehen mir auf die Nerven, und ich möchte doch wieder unter ganz normale Menschen.

Sie weicht angewidert aus

Ohne einen Schluck Alkohol bekomme ich langsam Depressionen. Da man außerhalb der Zelte nicht an Bier kommt, bestelle ich an einem der Stände, die sich auf dem Rummelplatz befinden, einen Schnaps. Eine junge Frau mit kurzem Haar serviert gerade einem stockbetrunkenen Mann einige Birnenschnäpse. Die Kellnerin ist aus Österreich.

Der Mann tätschelt ihr bei der Bestellung die Wange und möchte sie küssen, sie weicht angewidert aus und unterdrückt ihren Kotzimpuls. Der Schnaps, den ich bestellt habe, geht auf die Rechnung des Mannes, erstens weil sie in mir eine Landesgenossin erkennt, zweitens kriegt er es sowieso nicht mehr mit, und das ist ihre Genugtuung. Der Schnaps muntert mich auf, und ich spaziere weiter.

Vor allem die historischen Betriebe bei den Fahrgeschäften begeistern mich. Sie erinnern einen an die Groteske der Vergangenheit. An das wilde Schaustellerleben, an die Freiheit von der Diktatur der politischen Korrektheit, als man noch siamesische Zwillinge, bärtige Frauen, Exoten, Fettleibige und Kleinwüchsige bestaunen konnte. Die gute alte Zeit, in der Behinderte zur allgemeinen Belustigung als bizarre Launen der Natur vorgeführt wurden und sich niemand daran gestört hat.

Leidenschaftliche Beschimpfung

Das Teufelsrad wartet, ein 111 Jahre altes Fahrgeschäft. Dabei handelt es sich um ein großes, rundes Holzbrett, welches manuell gedreht wird und um das sich ringsum ein begeistertes Publikum versammelt. Ziel ist es, dass Freiwillige so lange wie möglich sitzend auf dem Holzbrett verbleiben, ohne an die mit Schaumstoff gefütterte äußere Abgrenzung geschleudert zu werden. Dazu gibt es allerlei Hürden.

Beschleunigungen, Richtungswechsel, ein riesiger Medizinball, der über das runde Brett gegen die Köpfe geworfen wird, und Seile, die von den Mitarbeitern wie Lassos auf die Fahrgäste geworfen werden, im Versuch, sie herunterzuziehen. Das wahre Spektakel aber ist die Moderation.

Ein Herr mit Koteletten, Haartolle, Schildkrötenmund und tiefen Augenringen bestimmt, welche Menschen als Nächstes mitfahren dürfen. Dabei beschimpft er sie leidenschaftlich. Er ruft ins Mikro: "Etzad keman alle Damen ab 18 bitte vor." Lachende Frauen in Dirndln stürzen sich auf das Teufelsrad, sie fallen übereinander und versuchen sich auf dem Brett zu stabilisieren.

Immer wieder läuft auch ein männlicher Witzbold los,
was der Moderator mit einem wütenden "Damen hob I gsogt, koane Schwuchteln! Schleich die owe mit deine Steckerlhaxn, du blede Schwuchtel, du blede" kritisiert. Die Menschen johlen. Eine Männergruppe neben mir lacht Tränen: "Mei, red der bled daher."

Herrisch wie ein Bundeswehrfeldwebel

Später ruft er die Männer auf das Rad und schreit herrisch wie ein Bundeswehrfeldwebel: "In oaner Reih! In oaner Reih, hob i gsogt. In Reih und Glied." Hält einer die Reihe nicht ein, ruft der Moderator seine Mitarbeiter: "Hauts den Deppn auße! Den Saudepp, den!" Der Mann wird dann gepackt und mit deutscher Strenge ins Publikum zurückgeworfen.

Dann werden die Kinder aufs Teufelsrad gerufen: "A letztes Mol san olle Kinda draun, dann geht’s hoam, wei morgen is Kiach." Die Kinder stürzen sich auf das Rad, und man könnte sich vorstellen, dass sie morgen in Reih und Glied vor der örtlichen Kirche stehen. Die forsche Art des Moderators ist kultiger Teil der Show. Als ich ihn in der Pause rauchen sehe, bleibt seine Miene aber weiterhin finster, und ich denke mir: "Der hasst die Menschen wirklich."

Die Wiesn ist wie eine unberechenbare Urmutter, sie nimmt die reschen Bayern an die Brust ...
Foto: Picturedesk.com / dpa / Felix Hörhager

Nach ihm übernimmt ein anderer Bayer, 20 Jahre älter, bärtig bis unter die Achseln. In seiner Moderation dominiert weniger Grant, dafür wird es sexyer. Er fordert die Damen nun auf, auf dem Teufelsrad Hula-Hoop zu tanzen: "Weil i brauch jetzt wos fias Aug." Dazu reicht er ihnen grinsend ein paar Reifen, denn: "Eichane Fettreifen zöhn net. Haha."

Dann müssen sich alle Frauen hinsetzen. Sie zupfen ihre Dirndl zurecht. Einer Amerikanerin ruft er zu: "Spotzl, du brauchst dei Reckal net so owe ziang, wia seng nochan eh ois." Alle wiehern vor Lachen. Die Frau schaut verwirrt. "De versteht mi net, oder? De is oba a handfests Diandl. Sowas gfoit ma guat. Do gibt’s wos zum Obacka, do haust di net an die Knochn au." Genau meine Meinung. Dann dreht das Rad los, und die "Reckal" fliegen in die Höhe, und man sieht: OIS.

Nächste Welle an Ausfällen

Auf dem Weg zu den Festzelten halten sich die Raufereien mittlerweile wieder in Grenzen. Alle störenden Subjekte wurden nun zielstrebig entfernt, alles wurde gesäubert, und die nächste Welle an Ausfällen steht erst wieder bevor. Ich freue mich schon darauf. Auch die Zelte lockern sich kurzzeitig, und ich finde zum ersten Mal ein Schlupfloch.

Die mollige Luft umarmt mich, ich schmiege mich in das Brummen der Massen. Alle lachen, alle schunkeln und schwenken die riesigen Bierkrüge. "Ein Prosit, ein Prosit der Gemüüüütlichkeit", begrüßt mich. Ich bin den Tränen nahe, so schön und geborgen ist es für mich. Der Zauber dieses Festes erschließt sich mir spätestens jetzt vollkommen.

Ich falle in tiefe Seligkeit. Neben mir schmust ein frischgefundenes Pärchen inbrünstig. Sie versucht seine Lippen zu finden, während er mit ihrem Kinn beschäftigt ist, das er für einen markanten Mund hält. Eine Gruppe männlicher Jugendlicher steht daneben im Kreis und bespricht sich verschworen. Dabei nehmen sie unauffällig verschiedene Box-Posen ein. Ich beobachte sie interessiert.

Zufrieden mit Tag 1

Nach der Besprechung laufen sie zielstrebig in die Menge, die vor der Kapelle tanzt. Ich gehe ihnen neugierig nach. Als sie bei einer Partie anderer Jugendlicher ankommen, dreschen sie gemeinsam auf zwei Burschen ein, während tausende Bierkrüge und Grillhendl von unerschrockenen Kellnerinnen an ihnen vorbeigezwängt werden.

Ich quietsche vor Vergnügen und weiche den Schlägen aus, die sich dynamisch auf alle entladen. Die Securitys kommen und schleifen die blutenden Halbwüchsigen Richtung Ausgang. Mit einem Arschtritt landen sie an der frischen Luft.

Lächelnd lehne ich an der Wand und mache Fotos. Dabei spricht mich ein junger Portugiese an. Warum ich denn alleine hier wäre. Ist er Traumprinzmaterial, frage ich mich. Er erzählt irgendetwas Uninteressantes über seine Firma, die er nicht mag. Die Firma, Aufstiegsmöglichkeiten und Standorte sind neben Bier, Fleisch und Sex das beliebteste Thema hier. Jeder ist in irgendeiner Firma. Ich kann ihm nicht weiter zuhören, also nehme ich ihn mit ins Hotel.

Es ist zwar kein original Bayer, aber besser als nichts, denke ich mir. Vom Bierrausch ganz schwer, bumst er mich stumpf eine halbe Stunde mit einem Halbsteifen wie ein alter Ochse. Ich bin zufrieden mit dem heutigen Tag und schmeiße ihn raus. (Stefanie Sargnagel, 19.9.2020)