Die schönste Kugel der Welt.

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Früher sagte man zu einem Lokal, in dem man tanzen konnte, Diskothek. Das war vor fast einem halben Jahrhundert. Man schrieb damals ab Mitte der 1970er-Jahre die große Zeit von Disco als gleichnamigem Stil. Saturday Night Fever, Studio 54, John Travolta, Bee Gees, Chic, Le Freak, Funkytown. Goldketterl, Schlaghosen, Haarspray, dramatische Frisuren.

Man zog sich dafür am Wochenende schick an. Immerhin verströmte auch die gediegene, sehr gern verspiegelte und plüschige Inneneinrichtung einer Diskothek ein gewisses Niveau. Weniger Laufhaus als Edelpuff war angesagt. Die Discokugel strahlte Bewusstseinserweiterung aus. Die Drinks waren dazu gemacht, lang anzuhalten, auf den von den damals eher unbeachteten DJs aufgelegten Platten war die Musik mit Gesang, Akkordwechseln und Melodien versehen. Aufgekommen waren die Discos nach dem Krieg und dem Ende der großen Tanzorchester.

Die Soundanlagen waren seit der Erfindung des Grammophons inzwischen ebenso besser geworden wie die Tonqualität der Schallplatten. Die allmächtigen Jukeboxes in den Lokalen waren als Ersatz für Livemusik bald kein zufriedenstellender Ersatz mehr. Lasst unserem Discjockey eine Kanzel bauen, zu der wir beten können.

Rituelle Stammestänze

Das ist lange her. Heutzutage erinnert das Publikum in den Atomschutzbunkerclubs oft an sizilianische Bauarbeiter, die sich bei 42 Grad im Schatten die Kleidung vom Leib reißen, um rituelle Stammestänze mit Blick auf CD- und MP3-DJs zu absolvieren, die seit Jahr und Tag dieselben Marschierbeats durchprügeln. Es soll niemandem auffallen, dass eigentlich nichts passiert. Ja, das ist polemisch gemeint. Allerdings sind die Nächte spätestens seit Techno heute zwei Tage länger und die Hilfsmittel entschieden schneller geworden. Wir sind das Volk – und die Party geht ab?

Egal, wie man es dreht und wendet und egal, welche Form von Nachtgestaltung man vorzieht: Angesichts von Covid-19 und dessen Verlängerung in den Winter und das nächste Jahr hinein scheinen die Tage von Disco ohnehin gezählt.

Vom Darkroom zum Museum

Ein Schlachtschiff wie das Berliner Berghain als berühmtester Club der Welt in einem ehemaligen Heizkraftwerk muss sich mit seinen gut 200 Angestellten mittlerweile mit seinen 3500 Quadratmetern zwischen Berghain-Floor, Panorama-Bar und Darkrooms als Museum verdingen. Derzeit kann man dort die Ausstellung Station Berlin sehen, unter anderem mit Werken von Ólafur Elíasson, Anne Imhof, Wolfgang Tillmans oder Isa Genzken.

Am Ende droht natürlich auch in der Popkultur immer die Musealisierung. Immerhin lebt die Industrie dahinter seit Jahren von der Wiederaufbereitung und Wiederverwertung alter Stile, Moden und Produkte. Immerhin gelten in den letzten Jahren selbst Nineties-Parties, auf denen mit damaligem Eurodance-Schrott der Marke Snap! (You Got the Power) oder Pump up the Jam von Technotronic heutzutage zumindest ein wenig ironisch aufgewartet wird, als coole Sache.

Abgesehen von jüngsten Innovationen wie einem anstehenden "Techno in Tracht"-Open-air-Clubbing in Wien oder Fine-Dining-Events mit anschließendem, von Star-DJs beschalltem Abhotten für Best-Ager in noblen Zürcher Etablissements oder auch Streaming-Events aus leerstehenden Clubs sind die Dancefloors derzeit verwaist. Selbst als Privatpartys getarnte, mehr oder auch weniger legale Tanzsausen werden von der Polizei ab sofort verschärft kontrolliert werden. Die Discokugeln setzen Staub an, keine Bassfrequenzen da, die ihn aufwirbeln.

Gesellschaftliches Überdruckventil

Spätestens im nächsten Jahr werden viele Clubs krachen gehen. Fixkostenzuschüsse hin oder her, eine Diskothek als historische Schaltzentrale gewinnorientiert ausgerichteten Freizeitvergnügens in einer Hochleistungsgesellschaft kann nicht ewig von Almosen leben, schon gar nicht deren dort offiziell angestellte oder nicht angestellte Mitarbeiter.

Unsere Gesellschaft wird durch den Tod der Disco nachhaltig verändert werden. Vor allem für jüngere Menschen stellt das Abwürgen des Nachtlebens einen entscheidenden Einschnitt im Leben dar. Es geht bei den Verheißungen der Nacht ja nicht nur darum, den blöden Begriff des Entfliehens des Alltags erfolgreich umzusetzen. Weil der Mensch in der Nacht bekanntlich nicht gern alleine ist, wird das Ende der Nacht langfristig auch das gesamte Sozialleben erschüttern.

Kylie Minogue

Immerhin erfüllt der Club nicht nur die Funktion eines gesellschaftlichen Überdruckventils, das Spannung abbaut. Es geht in der Disco unter anderem auch darum, sexuelle Spannung aufzubauen. Es geht darum, sich selbst zu suchen, zu verlieren, sich auszuprobieren, zu definieren – und darum, sich im besten Fall zu finden. Auch wenn der Kater am nächsten Tag gewaltig ist. Ein gesellschaftlicher Freiraum, und sei er auch mit Eintrittsgeld und Konsumation erkauft, wird geschlossen. Das ist keine gute, das ist eine schlechte Entwicklung.

Etwas andere Baustelle, selbes Prinzip: Die aktuelle Ankündigung, dass die beliebte Wiener Wiesn als Richtung Bierzelt gedeutete volkstümliche Clubbing-Gaudi heuer live als Streaming stattfindet, ist beispielsweise kein guter Ersatz für handfeste Unterhaltung. Daheim vor dem Fernseher Bier getrunken haben die Väter früher beim Musikantenstadl auch. Wie traurig ist das denn?! Wie sang einst Kylie Minogue: "Your disco needs you!" (Christian Schachinger, 19.9.2020)