In der Region Bergkarabach ist es neuerlich zu schweren Kämpfen gekommen – Aufnahmen des armenischen Militärs zeigen einen Angriff auf aserbaidschanische Armeefahrzeuge nahe der faktischen Grenzlinie.
Foto: Armenian Defense Ministry via AP

Eriwan – Armenien hat nach Kämpfen mit dem Nachbarland Aserbaidschan in der Konfliktregion Bergkarabach den Kriegszustand ausgerufen. Das teilte Regierungschef Nikol Paschinjan am Sonntag in Eriwan mit. Zuvor hatte Aserbaidschan eine Militäroperation gegen Bergkarabach angekündigt und seinerseits das Kriegsrecht verhängt. Es soll zahlreiche Verletzte und rund zehn Tote unter den Soldaten in dem Südkaukasus-Gebiet geben. Es handelt sich um die schwerste Eskalation seit Jahren.

Zwischen den verfeindeten Nachbarländern kam es nach Angaben beider Seiten Sonntagfrüh zu schweren Gefechten. Die Hauptstadt Stepanakert sei beschossen worden, die Menschen sollten sich in Sicherheit bringen, teilten die Behörden in Bergkarabach mit. Zahlreiche Häuser in Dörfern seien zerstört worden. Nach Darstellung aus Baku und Eriwan dauerten die Kämpfe an.

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Auch Zivilisten unter Opfern

Unter den Opfern sind nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) auch Zivilisten. Die Organisation appellierte am Sonntag an alle Seiten des Konflikts, die Bevölkerung und die Infrastruktur im Einklang mit dem humanitären Völkerrecht zu schützen.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Beide Seiten gaben sich gegenseitig die Schuld für die Gefechte. Der Beschuss habe am frühen Morgen von aserbaidschanischer Seite begonnen, schrieb Paschinjan auf Facebook. "Die gesamte Verantwortung dafür hat die militärpolitische Führung Aserbaidschans", teilte die Sprecherin des Verteidigungsministeriums von Armenien mit. Eriwan habe Hubschrauber und Kampfdrohnen abgeschossen. Drei gegnerische Panzer seien getroffen worden. Baku dementierte dies und betonte, es handle sich bei den Gefechten um eine Gegenoffensive an der Frontlinie. Armenien habe die Kämpfe provoziert.

Milizionäre versammeln sich in Armeniens Hauptstadt Eriwan.
Foto: EPA/MELIK BAGHDASARYAN

Aserbaidschan will nach Darstellung von Präsident Ilham Aliyev den Konflikt um Bergkarabach komplett lösen. "Das Problem Bergkarabach ist unsere nationale Aufgabe. Die Lösung ist unser historischer Auftrag", sagte er am Sonntag der aserbaidschanischen Agentur turan.az zufolge. Das Volk solle zufrieden sein mit der Wiederherstellung der territorialen Unversehrtheit Aserbaidschans. Aserbaidschan beklagt den Verlust von etwa 20 Prozent seines Staatsgebiets. "Wir werden niemals die Gründung eines zweiten sogenannten armenischen Staates auf aserbaidschanischem Boden zulassen."

Die von Armenien kontrollierte Region Bergkarabach gehört völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. Baku hatte in einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Kontrolle über das von christlichen Karabach-Armeniern bewohnte Gebiet verloren. Seit 1994 gilt in der Region eine Waffenruhe, die aber immer wieder durchbrochen wurde. Zuletzt flammte der Konflikt 2016 stark auf. Dabei starben mehr als 120 Menschen.

Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew verhängte das Kriegsrecht.
Foto: EPA/AZERBAIJAN DEFENSE MINISTRY

Schon im Juli Eskalation

Im Juli kam es an der Grenze zwischen den verfeindeten Republiken zu schweren Gefechten; die Kämpfe lagen jedoch hunderte Kilometer nördlich von Bergkarabach. Armenien setzt auf Russland als Schutzmacht, die dort tausende Soldaten und Waffen stationiert hat.

Das russische Außenministerium rief beide Seiten auf, das Feuer sofort einzustellen. Zudem sollten Baku und Eriwan Gespräche aufnehmen, um die Situation zu stabilisieren. Die benachbarte Türkei warf Armenien vor, internationales Recht zu verletzen. Das Außenministerium in Ankara teilte mit, es verurteile den "armenischen Angriff" scharf. Die Türkei stehe an Aserbaidschans Seite.

Iran bietet Vermittlung im Konflikt um Bergkarabach an

Der Iran hat angeboten, im eskalierenden Konflikt als Vermittler zu agieren. Das sagte der iranische Außenamtssprecher Said Chatibsadeh am Sonntag nach Angaben der Nachrichtenagentur Isna. Teheran verfolge die Gefechte im Südkaukasus mit großer Sorge.

"Wir rufen beide Seiten auf, Zurückhaltung zu üben, den Konflikt umgehend zu beenden und die Verhandlungen wieder aufzunehmen", fügte er hinzu. Teheran pflegt zu beiden Staaten gute diplomatische Beziehungen und hat im Konflikt um Bergkarabach schon in der Vergangenheit vermittelt. (red, APA, 27.9.2020)