In einem Pariser Vorort wurde ein Lehrer, der im Unterricht über Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen hergezeigt hatte, von einem 18-jährigen tschetschenischen Flüchtling erstochen und enthauptet. Der junge Fanatiker war aus Nordfrankreich angereist, aufgestachelt durch die Verbreitung des Vorfalls in den sozialen Netzen. Unter anderem vom Vater einer Schülerin des Lehrers.

Es ist die Chronik eines angekündigten Todes. Die französische Polizei hat in dem Zusammenhang ein Dutzend Verdächtige aus dem Umkreis der Schule verhaftet. Gleichzeitig wurde beschlossen, 260 islamistische Gefährder auszuweisen, von denen sich bereits 180 in Gewahrsam befinden.

Proteste nach der Ermordung eines Lehrers in Frankreich.
Foto: AP Photo/Michel Euler

Was passiert an unseren Schulen? Das müssen sich alle Staaten mit nennenswerten muslimischen Bevölkerungsanteilen fragen. Wie geht man mit dem "Kulturkampf im Klassenzimmer" um, von dem die Wiener Lehrerin Susanne Wiesinger in ihrem gleichnamigen Buch gesprochen hat? Literatur lesen finde nicht mehr statt, weil auch die harmlosesten Passagen von irgendwem als "haram" (verboten) betrachtet werden.

Es gebe eine ganze "Generation haram", schreibt die junge Journalistin und frühere Lehrerin Melisa Erkurt in ihrem gleichnamigen Buch. Erkurt, Tochter muslimischer bosnischer Flüchtlinge, führt das islamistische Macho-Getue besonders auf Überkompensieren des Verliererstatus zurück: "Sie, die Burschen, die Fünfer schreiben, durchfallen (...), wollen sich zumindest in einem Punkt mächtig fühlen. Sie haben erkannt, dass die Leute Angst vor dem Islam haben. Sie stellen ihren Handy-Klingelton auf ‚Allahu akbar‘ (‚Gott ist groß‘) und genießen die verängstigten Blicke der anderen in der U-Bahn." Und sie zwingen nicht nur die Mitschülerinnen, Kopftuch zu tragen und sich nicht "haram" zu verhalten, sondern schüchtern auch die Lehrer(innen) ein.

Autoritätsfiguren

Erkurt argumentiert, dass die erzkonservativen islamischen Autoritätsfiguren bis Hassprediger, die sich um die Jungen kümmern, oft die ersten Personen sind, "die sie als das erkannt haben, was sie sind: junge Männer, die sich innerhalb dieser Gesellschaft verloren fühlen, die ihren Platz nicht finden, egal wie eifrig sie suchen". Allerdings gibt es immer welche, die ihren Platz in dieser Gesellschaft gar nicht suchen, weil sie diese Gesellschaft aktiv ablehnen.

Aber bei allem Verständnis: Die liberale Demokratie kann sich nicht islamistische Vorschriften machen lassen. Was tun? Zunächst sind sicherheitspolizeiliche Maßnahmen unerlässlich. Aber offenbar ist intensivere Betreuung notwendig. Denn die Leute bleiben ja hier, abgeschoben werden können nur ein paar. Der Forschungsbericht des Integrationsfonds "Junge Menschen mit muslimischer Prägung in Wien" (2019) sagt: Den allermeisten "Auffälligen" fehle es an "Vertrauenspersonen", die ihnen die richtige demokratische und emanzipatorische Einstellung vermitteln. Woraus der Schluss zu ziehen ist, dass die Politik für viel mehr "Vertrauenspersonen" im Sinne von Sozialarbeitern und Psychologen sorgen sollte, weil sonst die Vertrauensperson der nette Islamist von nebenan ist. Die allermeisten dieser jungen Leute kamen nicht gestern. Manche sind heute ein Problem, und das kann man nicht negieren. (Hans Rauscher, 20.10.2020)