Österreich gilt vielen immer noch als Insel der Seligen.

Illustration: Getty, Fatih Aydogdu

Im aktuellen Band der Reihe Contemporary Austrian Studies über Mythen in der österreichischen Geschichte hat der Philosoph Konrad Paul Liessmann einen Aufsatz über den vielleicht populärsten Mythos verfasst – Österreich als Insel der Seligen. In der Corona-Pandemie ist er zumindest zeitweise wieder auferstanden.

STANDARD: Mit "Insel der Seligen" hat Papst Paul VI. 1971 erstmals Österreich bezeichnet, und das wirkt bis heute nach. Ist das Österreich-Bild stärker von Mythen geprägt als das anderer Staaten?

Konrad Paul Liessmann: Nein, Mythen sind in allen Gesellschaften gleichermaßen verbreitet. Sie alle bedienen sich bei der Rekonstruktion ihrer Identität mythologischer Elemente. Österreich stellt keine Besonderheit dar.

STANDARD: Braucht Österreich vielleicht auf Grund seiner besonderen Geschichte, entstanden als Rest des zerfallenen Habsburgerreiches, mehr Lebenslügen als andere Nationen?

Liesmann: Diese Vorstellung ist selbst ein Mythos. Nationen sind alle das Resultat von Revolutionen und Kriegen, mitunter auch von Zufällen. Die Habsburger-Monarchie hat das Schicksal anderer Imperien geteilt, man erinnere sich an das russische oder das osmanische Reich, die auf je eigene Weise zerfallen sind. Alle Nationalstaaten, die aus dem Zerfall der Monarchie entstanden sind, waren mit Widersprüchen behaftet, mussten mit ethnischen Minderheiten leben. Denken Sie an Rumänien, an die Tschechoslowakei oder den Staat der Südslawen, die es beide heute nicht mehr gibt. Alle haben versucht, ihre Rechtfertigung aus der Rekonstruktion der Geschichte zu beziehen. Die einen Narrative sind nicht mehr und nicht weniger plausibel als die anderen.

STANDARD: Und was sagt dieses Bild der Insel der Seligen über Österreich aus?

Liessmann: Ich bin ein großer Freund dieser Floskel. Solche Narrative sind wirkmächtig und bezeichnend. Die Insel der Seligen war seit der Antike ein gebräuchliches Bild, da lag es für Papst Paul VI. nahe, dieses zu kolportieren. Das hatte auch realpolitische Hintergründe. Österreich stand im Kalten Krieg zwischen den Blöcken, es hatte den Westanschluss auf der einen Seite und den Eisernen Vorhang auf der anderen, dazu die Grenze zum etwas liberaleren Jugoslawien. Kein anderer europäischer Staat war in dieser Lage. Rund um uns befanden sich die atomar aufgerüsteten Supermächte in einem "kalten Krieg". Wir waren dazwischen, mit einer prosperierenden Wirtschaft, der Sozialpartnerschaft und relativ wenig krisenanfällig. In Frankreich und Italien wurde die Streikdauer in Wochen gerechnet, bei uns in Sekunden. Da konnte man tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass wir von den sozialen und ökonomischen Verwerfungen jenseits der Grenzen relativ unberührt blieben. Auch das Konzept der immerwährenden Neutralität hat zu dem Eindruck einer isolierten Insel beigetragen: Wir mischen uns in die Konflikte anderer nicht ein.

STANDARD: Was bedeutet es, wenn ein Binnenstaat sich als Insel sieht?

Liessmann: Es ist eine Metapher der Unberührtheit, die das Gefühl stärkt, dass man sich seine insulare Selbstgenügsamkeit und Selbstbezüglichkeit leisten kann. Das wurde zwar ökonomisch im Zuge der EU-Integration aufgebrochen. Es ist klar, dass wir genauso den Prozessen der Globalisierung unterliegen. Aber kulturell und intellektuell blieb dieser Bezug ganz zentral in Österreich. Österreichische Intellektuelle dachten lange bevorzugt darüber nach, was es heißt, Österreicher zu sein. Dieses permanente Auf-sich-selbst-konzentriert-Sein war das Kennzeichen einer geistigen Isolation, die erst aufgebrochen werden musste.

STANDARD: Sie sagen, dass das Bild heute meist als Negation verwendet wird: Wir sind keine Insel der Seligen mehr. Ist dies Nostalgie für eine bessere Vergangenheit?

Liessmann: Nur, wenn es mit "leider" verbunden wäre. Aber man hört eher, wir sind glücklicherweise keine Insel der Seligen mehr, wir haben den Provinzialismus überwunden, es ist Schluss mit der kleinen Insel-der-Seligen-Seligkeit. Das hat viel mit dem Fall des Eisernen Vorhangs zu tun und dessen Folgen für Österreichs Wirtschaft. Wir sind zurückgestuft auf das, was wir sind, ein kleines mitteleuropäisches Land, das mit allen Vor- und Nachteilen der Globalisierung verwoben ist. Aber die Formel taucht doch immer wieder auf, zuletzt in der Corona-Pandemie. So spielt diese Sehnsuchtsmetapher, positiv oder negativ gezeichnet, immer noch eine Rolle im Selbstverständnis der österreichischen Politik und Kultur.

STANDARD: Spielt diese Nostalgie wie in anderen Ländern den Rechten in die Hände?

Liessmann: Nein, die Fronten laufen hier quer durch die traditionellen politischen Lager. Wir sehnen uns ja mit diesem Topos nach der Kreisky-Ära zurück, und die war sozialdemokratisch. Ebenso wird manchmal gefordert, dass wir uns wieder stärker auf unsere Neutralität zurückbesinnen sollten. Aber das ist müßig. Die Botschaft ist, dass Österreich eine eigenständigere, bessere Politik verfolgen soll. Das gilt auch für Corona. Manche tun so, als ob es die Pandemie nur in Österreich gäbe, der Blick auf Nachbarstaaten ist nahezu verpönt, und das auch bei kritischen Geistern. Unter der Hand wird suggeriert: Wäre diese Regierung nicht so unfähig, gäbe es hierzulande keine Pandemie und wir wären wieder eine Insel der Seligen.

STANDARD Ein weiterer Mythos lautet: Österreich ist kein Einwanderungsland. Stärkt das Bild des verlorenen Paradieses die Ausländerfeindlichkeit?

Liessmann: Ich glaube nicht, dass viele Menschen dieser ideologischen Formel wirklich anhängen. Österreich war ja immer ein Einwanderungsland. Was aber von der linken Seite vermieden wird, ist eine klare Abgrenzung zwischen Migration und Asyl. Wir sollen auf der einen Seite ein asylfreundliches Land sein – das gehört auch zum Seligkeitstopos. Wir sind Weltmeister im Spenden, wenn auf der Welt eine Katastrophe passiert. Aber wenn es um Einwanderung geht, dann herrscht eine Scheu vor klaren gesetzlichen Regelungen, wie sie klassische Einwanderungsländer haben, etwa einen Punktekatalog wie Kanada oder Australien. Dass wir bei dieser Frage zögern, liegt nicht nur am Widerstand rechter Politik, sondern auch an der Angst vor den Konsequenzen solcher Regelungen auf der linken Seite.

STANDARD: Und die Sozialpartnerschaft? Gehört sie immer noch zum Selbstverständnis Österreichs?

Liessmann: Es ist noch keiner Regierung wirklich gelungen, sie außer Kraft zu setzen. Sie hat nicht nur Tradition, sondern ist auch politisch und ökonomisch sinnvoll. Sie hat durch die Globalisierung viel an Bedeutung verloren, mit Google oder Amazon kann die Gewerkschaft nicht wie mit der Industriellenvereinigung verhandeln. Aber in abgespeckter Form spielt sie immer noch eine Rolle, etwa bei den Lohnverhandlungen. Und wenn der Wiener Bürgermeister nach seinem Wahlsieg sagt, auch ohne Koalition mit Türkis verstehe er sich auf sozialpartnerschaftlicher Ebene mit der Wirtschaftskammer blendend, dann ist das nicht nichts.

STANDARD: Macht uns auch die Neutralität zur Insel der Seligen?

Liessmann: Eine harte verfassungsrechtliche Debatte wird darüber kaum noch geführt, weil das Verständnis verschwindet, was Neutralität bedeutet. Wir sind in die EU eingebettet, und das ist eine ganz andere Erfahrung, als wenn man am Eisernen Vorhang lebt, der Europa messerscharf trennte. Die das erlebt haben, wissen, was es bedeutet hat, neutral zu sein. Mein Vater stammte aus Leipzig, und in den 1960er-Jahren haben wir meinen Großvater in der DDR besucht. Anders als die Westdeutschen mussten wir nicht einen ganzen Tag an der militärisch gesicherten Grenze warten, sondern nur eine halbe Stunde. Solche Erfahrungen gibt es nicht mehr. Dass auch ein neutrales Österreich in gewissen Krisensituationen völkerrechtliche Verpflichtungen hat, etwa bei Militäreinsätzen, ist selbstverständlich geworden, auch der Beitrag zu einer möglichen europäischen Armee steht außer Streit, obwohl das dem Neutralitätsparagrafen wahrscheinlich widerspräche.

STANDARD: In der Corona-Pandemie haben wir anfangs wieder Insel der Seligen gespielt, etwa auf der Karte der Reisewarnungen des Außenministeriums, wo die ganze Welt als gefährdet eingezeichnet ist, nur nicht Österreich. War das ein Fehler?

Liessmann: Bei der Propagierung, Urlaub im eigenen Land zu machen, hat die Vorstellung der Insel der Seligen sicher eine Rolle gespielt. Ob das wirtschaftlich gewirkt hat, wird sich erst zeigen. Aber es hat sicher nicht geholfen, dass Menschen aus dem Ausland nach Österreich kommen, sonst wäre der Städtetourismus nicht zusammengebrochen. Und heute ist es nicht mehr so interessant, welche Reisewarnungen Österreich ausgibt, sondern, wo wir auf den roten Listen der anderen Staaten stehen. Dass man gedacht hat, in dieser Art und Weise durch Herbst und Winter zu kommen, war wohl ein schwerer Fehler.

STANDARD: Was kann angesichts globaler Gefahren wie Klimakrise oder Pandemien denn von diesem Mythos bleiben?

Liessmann: Das einschneidende Ereignis war bereits 1986 die Katastrophe von Tschernobyl. Wir mussten uns vor etwas schützen, das tausende Kilometer entfernt geschah. Das war ein Fanal und hat gezeigt, wie sehr technische Katastrophen und Umweltkrisen niemanden unberührt lassen. Aber das Paradoxe ist, dass gerade Verfechter einer weltoffenen Politik manchmal suggerieren, dass wir den Status der Insel der Seligen zurückerobern könnten, wenn wir nur das richtige – etwa in Klimafragen – tun. Wenn wir den CO2-Ausstoß reduzieren, auf E-Autos und erneuerbare Energien umsteigen, dann ist unsere kleine Welt wieder in Ordnung. Das ist genauso eine Selbsttäuschung wie die Vorstellung, dass wir auf einem anderen Planeten lebten. (Eric Frey, 26.10.2020)