Kinder unter 14 Jahren infizieren sich nach bisherigem Forschungsstand seltener mit dem Coronavirus als ältere Jugendliche oder Erwachsene.

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Die Entscheidung der österreichischen Bundesregierung, Kindergärten und Pflichtschulen bis auf Weiteres nicht zu schließen, wirft Fragen auf. Wie ist die aktuelle Regelung aus wissenschaftlicher Perspektive zu bewerten? Konterkariert sie die strengen Maßnahmen, die nun in vielen anderen Bereichen gelten, oder tragen Kinder tatsächlich nur wenig zur Verbreitung von Sars-CoV-2 bei?

Anders als beim ersten Lockdown im Frühjahr liegen inzwischen zahlreiche internationale Studien zum Thema vor. Auch wenn längst nicht alle Fragen geklärt sind, zeichnet die Datenlage ein recht eindeutiges Bild: Je jünger Kinder sind, desto weniger scheinen sie zum Infektionsgeschehen beizutragen. Sie infizieren sich seltener als Jugendliche oder Erwachsene, und wenn doch, bleiben sie meist ohne klinische Symptome und sind vermutlich weniger ansteckend.

Fehlende Rezeptoren

Kindergärten oder Volksschulen spielen daher nach aktuellen Einschätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) keine maßgebliche Rolle bei der Ausbreitung des Coronavirus. Beide Institutionen empfehlen Zurückhaltung bei Schließungen und raten, auch die sozialen und pädagogischen Folgen des Fernunterrichts zu bedenken.

Dass Schließungen von Kindergärten und Volksschulen zur Eindämmung der Pandemie nicht unbedingt sinnvoll sind, ergeben viele Untersuchungen. Ende September zeigte etwa eine Metaanalyse von 32 Studien mit mehr als 41.000 Kindern und fast 270.000 Erwachsenen, dass das Ansteckungsrisiko für Kinder unter 14 Jahren weitaus geringer ist als für Erwachsene. Warum gerade der jüngste Bevölkerungsteil das niedrigste Infektionsrisiko hat und seltener ansteckend ist, dürfte vor allem zwei Gründe haben: Kinder weisen weniger sogenannte ACE2-Rezeptoren auf, die das Coronavirus Sars-CoV-2 zum Andocken an menschliche Zellen benötigt. Zudem scheint das kindliche Immunsystem besser in der Lage zu sein, eine Infektion zu bekämpfen.

Geringere Virenlast

Zeigen infizierte Kinder keine Symptome, kommt es seltener zur Tröpfcheninfektion anderer – weil zum Beispiel der Husten ausbleibt. Möglicherweise spielt auch die Körpergröße eine Rolle, sagt Norbert Nowotny vom Institut für Virologie an der Vetmeduni Vienna zum STANDARD. Es gibt auch Hinweise darauf, dass kleinere Lungen eine geringere Virenlast in Form von Aerosolen abgeben, so Nowotny. "Aber da gibt es noch Fragezeichen." Auch so würden Kinder aber eine geringere Virenlast aufweisen als Jugendliche und Erwachsene, weil durch die fehlenden ACE2-Rezeptoren weniger Viren in ihren Körper eindringen können.

Das heißt aber nicht, dass Kinder nie schwer erkranken, Hospitalisierungen sind aber nur selten nötig. Auch lässt sich keine generelle Entwarnung hinsichtlich Virenverbreitung durch Kinder geben. Durch das häufige Ausbleiben von Symptomen bleiben Infektionen oftmals unerkannt, wie eine vergangene Woche veröffentlichte Studie aus Bayern im Fachblatt "Cell" verdeutlicht: Dort wiesen von 12.000 zwischen April und Juli getesteten Kindern im Alter von ein bis 18 Jahren 0,87 Prozent Antikörper gegen das Coronavirus auf – deutlich mehr als angenommen. Fast die Hälfte davon hatte keinerlei Symptome gezeigt.

Unterricht mit Vorsicht

Eine Studie in "Science" aus Indien zeigte zudem kürzlich, dass auch Kinder als Superspreader zu einer erheblichen Ansteckungsquelle werden können und sich das Virus in Schulen stark verbreiten kann. Der Großteil der bisherigen Ergebnisse legt aber nahe, dass das Ansteckungsrisiko mit dem Alter zunimmt und der Unterricht von Kindern unter 14 Jahren mit Sicherheitskonzepten, auch zum Schutz der Lehrerinnen und Lehrer, kein wesentlicher Faktor für die Pandemie sein dürfte.

"Aus den bisherigen Untersuchungen wissen wir, je älter sie sind, desto stärker nähern sich Kinder und Jugendliche, was die Infektiosität betrifft, den Erwachsenen an. Ab etwa der neunten Schulstufe sind sie virologisch gesehen schon als Erwachsene zu behandeln", sagt Nowotny. Der österreichische Virologe plädiert daher ebenfalls dafür, Kindergärten und Pflichtschulen nach Möglichkeit auch in der aktuellen Situation offenzuhalten. (David Rennert, 3.11.2020)