"Jeder von uns sollte signalisieren, dass wir mitfühlen und mitdenken mit Opfern und Angehörigen. Das ist wichtig und hilfreich als Botschaft und Gefühl für uns alle", sagt die Expertin.

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Wer Angst hat, sollte sich keinesfalls dafür schämen, betont Psychologin Beate Wimmer-Puchinger.

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Auf traumatisierende Ereignisse reagiert jeder anders – nicht immer wird die eigene Angst auch als solche wahrgenommen. Beate Wimmer-Puchinger rät, in sich selbst hineinzuhören, mit Freunden zu sprechen und, wenn nötig, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

STANDARD: Pandemie und Terror: Was passiert, wenn sich zwei Ängste überlagern?

Wimmer-Puchinger: Bisher haben wir uns in Österreich in einer sehr sicheren Umgebung befunden, sozusagen auf einer Insel der Glückseligen. Doch dann hatten wir plötzlich einen unsichtbaren Feind, nämlich das Virus. Um uns gegen diese Bedrohung zu schützen, mussten wir einen Filter um uns haben, mussten auf Nummer sicher gehen. Gleichzeitig war aber auch der Zusammenhalt als Gesellschaft gefragt, wenn auch mit Distanz. Das hat uns bereits viel Energie gekostet. Jetzt gibt es einen zusätzlichen Feind, der uns bedroht, vielleicht sogar Feinde in der Mehrzahl. Es ist also ganz klar, dass die Verunsicherung, die bei vielen Menschen aufgrund der Corona-Krise ohnehin schon besteht, durch diesen Terroranschlag weiter zunimmt. Das kann bei manchen Menschen zu einem Einigelungseffekt führen, zu einer Panikschleife oder einem Tunnelblick – darauf müssen wir in dieser Situation ganz besonders achten.

STANDARD: Wie kann man helfen?

Wimmer-Puchinger: Wenn jemand das Gefühl verspürt, von den Geschehnissen überwältigt zu werden oder von den Bildern verstört ist, dann hilft es, mit Freunden darüber zu sprechen. Und wenn das nicht reicht, dann sollte niemand zögern und unbedingt Hilfe holen.

STANDARD: Wie merkt man das an sich selbst?

Wimmer-Puchinger: Am Gefühl, in einer Schleife gefangen zu sein, oder dann, wenn die Gedanken beginnen, einen am Tun zu hindern. Spätestens dann sollte man sich bei einer Helpline melden. Vielen hilft es aber auch schon zu wissen, dass solche Gefühle normal sind, denn solche Geschehnisse lösen Emotionen aus, Emotionen wie Wut und Aggression. Nur dürfen diese Gefühle nicht umschlagen und sich durch Taten ausdrücken. Ganz wichtig ist deshalb auch der soziale Zusammenhalt, denn niemand ist allein. Und dazu zählt auch ganz maßgeblich das Vertrauen in die Exekutive, das wir jetzt alle haben müssen. Der Konsum der Videos, die überall kursieren, hilft derzeit am allerwenigsten. Solche Videos schüren lediglich die Angst.

STANDARD: Angst vor Terror: Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Terroranschlags zu werden, war in Österreich bisher weitestgehend gering. Wie soll man mit dieser neuen Angst jetzt umgehen?

Wimmer-Puchinger: Bei solch traumatisierenden Ereignissen reagiert jeder anders. Menschen, die sozusagen stabil sind, werden von dieser Angst auch nicht überwältigt werden. Das ist der Idealfall. Und glücklicherweise kommt es in Österreich zu solchen Gräueltaten auch nicht jeden Tag. Für jene Menschen, die aber sowieso eher ängstlich sind, pessimistisch sind, wenig Selbstsicherheit haben – da können Geschehnisse wie die von Montagabend ein zusätzlicher Trigger sein. Deshalb ist es auch so wichtig, die Angst ernst zu nehmen, aufkommende Emotionen nicht zu unterdrücken, sondern darüber zu reden. Manche sind von der Furcht regelrecht gefangen, sie können nicht mehr auf die Straße gehen und orten überall einen Gefahrenmoment. Auf so heftige Weise betroffen ist zwar nur eine Minderheit, aber es gibt sie. Wer Angst hat, sollte sich keinesfalls dafür schämen.

STANDARD: Wie kritisch sind in diesem Zusammenhang die sozialen Medien zu sehen? Dort werden grenzwertige Videos gezeigt, sie haben die Berichterstattung dominiert.

Wimmer-Puchinger: Das Ganze hatte ja schon etwas Voyeuristisches. Da muss man aufpassen. Genau das führt zu Angst und Stress. Es gibt Menschen, denen das einen gewissen Kick gibt, so wie beim Filmen von Naturkatastrophen, bei denen man sich freiwillig in Gefahr begibt. Das ist jenseits rationaler Vernunft und eine besondere Art des Voyeurismus – sehr grenzwertig. Vor allem auf Jugendliche und Kinder sollte man wirklich aufpassen. Die sollten wir davor schützen, damit sie sich solche Bilder nicht einprägen, denn das kann toxisch sein.

STANDARD: Wie kann man diesem Ereignis positive Aspekte abgewinnen?

Wimmer-Puchinger: Es war gut zu sehen, wie schnell die Behörden reagiert haben. Ob Polizei, Cobra, Rettung, Hilfsorganisationen, mich persönlich hat das beeindruckt. Das schafft ein Sicherheitsgefühl, auf das es jetzt ja auch besonders ankommt.

STANDARD: Bleiben wir gleich beim Thema Sicherheitsgefühl: Was macht solch ein Anschlag mit dem Sicherheitsgefühl einer Gesellschaft?

Wimmer-Puchinger: Es führt zu Misstrauen. Zum einen mussten wir in den letzten Monaten lernen, mehr achtzugeben. Das heißt: Wir mussten und müssen immer noch uns selbst und andere schützen. Wir dürfen nicht sorglos sein, nicht spontan. Das bremst, kostet Energie. Wir können einander nicht einfach treffen, küssen, umarmen oder miteinander singen. Wir sind schaumgebremst. Jetzt kommt eine weitere Bedrohung hinzu, ein zusätzlicher Faktor der Destabilisierung. Wir merken plötzlich: Es gibt auch bei uns Aggression. Es gibt auch bei uns Böses. Deshalb ist es so wichtig, sich Hilfe zu holen, wenn uns das Gefühl zu übermannen droht. Glücklicherweise sind wir mit diesem Terroranschlag aber nicht in einem Kriegszustand – so schlimm es auch ist. Gleichzeitig müssen wir aber auch vertrauen. Vertrauen, dass dafür gesorgt wird, dass wir geschützt sind. Dass wir gute Behörden haben und nicht jeder auf sich allein gestellt ist.

STANDARD: Ist dieser Anschlag Nährboden für neue Ressentiments gegenüber Muslimen?

Wimmer-Puchinger: Darauf gilt es jetzt im Speziellen zu achten. Was da geschehen ist, ist auf das Schärfste zu verurteilen. Trotzdem darf die Wut darüber nicht Oberhand gewinnen, denn das würde uns gesellschaftlich nur destabilisieren. Gerade jetzt zu sagen "Lassen wir das nicht zu" ist deshalb auch eine gut gewählte Formulierung – denn tatsächlich nützt uns der Hass nichts, er schadet nur, wie eine Krebszelle. Hass kann eine Gesellschaft krank machen. Wut hingegen ist als Reaktion völlig normal, Aggression auch. Es darf nur nicht kippen.

STANDARD: Wir sind Corona-müde, müssen den Abstand aber weiterhin wahren, trauern aber gleichzeitig mit den Angehörigen der Opfer und wollen uns solidarisch zeigen. Wie kann der Spagat gelingen?

Wimmer-Puchinger: Womit sich jetzt sicherlich viele Menschen schwertun, ist, dass wir aktuell zwei unsichtbare Gegner haben. Das Coronavirus ist nicht sichtbar, aber es ist im Umlauf, und wir müssen uns alle schützen. Mittlerweile kommt eine psychische Müdigkeit mit der Pandemie hinzu, mit der wir alle konfrontiert sind. Und mit Montag eine Bedrohung, die sichtbar ist und sogar blutige Spuren hinterlassen hat. Da wir an sich schon geschwächt sind, raubt uns das immer weiter Energien. Umso wichtiger deshalb der Appell: Solidarisieren wir uns! Denken wir an die Angehörigen der Opfer! Das ist eine wichtige Botschaft einer Gesellschaft. Wir hoffen, dass alles getan wird, um die Schuldigen ausfindig zu machen. Jedem Einzelnen bleibt die Solidarität. Jeder von uns sollte signalisieren, dass wir mitfühlen und mitdenken mit Opfern und Angehörigen. Das ist wichtig und hilfreich als Botschaft und Gefühl für uns alle. (Julia Palmai, 4.11.2020)