Kardinal Gulbinowicz (links) mit Angelo Sodano, dem damaligen Kardinalstaatssekretär der römischen Kurie, Wrocław, Mai 1997.

Foto: AP/ADAM HAWALEJ

Warschau – Der Vatikan hat gegen den polnischen Kardinal Hendryk Gulbinowicz "nach der Analyse von Anschuldigungen in Bezug auf die Vergangenheit" des Geistlichen Disziplinarstrafen verhängt. Der 97-jährige emeritierte Erzbischof von Wrocław (Breslau) dürfe nicht mehr in der Öffentlichkeit auftreten und keine Gottesdienste mehr abhalten, heißt es in einer am Freitag von der päpstlichen Nuntiatur veröffentlichten Erklärung.

Außerdem verliert er sein Recht auf Nutzung der Bischofsinsignien sowie auf eine Bestattung im Dom.

Kein Wort zu den Vorwürfen

Das Statement sagt nicht ausdrücklich, was dem Kardinal zur Last gelegt wird. Nach der Anordnung des Vatikans muss Gulbinowicz aber eine "angemessene Summe Geld" an die Sankt-Josef-Stiftung zahlen, die von der polnischen Bischofskonferenz zur Unterstützung von Opfern sexuellen Missbrauchs gegründet wurde. Sie bietet psychologische Hilfe an und engagiert sich in der Prävention.

Der Dichter und ehemalige Priesterseminaristen Karol Chum wirft Gulbinowicz vor, er habe ihn im Jänner 1990 kurz nach seinem 16. Geburtstag in Wrocław (Breslau) missbraucht.

Gulbinowicz spielt auch eine Rolle in dem 2019 veröffentlichten Dokumentarfilm "Sag es bloß niemandem" des inzwischen landesweit bekannten Journalisten Tomasz Sekielski und seines Bruders. Der Film hatte in Polen die Debatte über Pädophilie in der katholischen Kirche befeuert.

Der brisante Dokumentarfilm "Sag es bloß niemandem" in voller Länge und mit englischen Untertiteln.
SEKIELSKI

In einer Stellungnahme der Erzdiözese Wroclaw hieß es zur Bestrafung des Kardinals: "Das Statement der päpstlichen Nuntiatur (...) ist für uns sehr schmerzlich, denn es zeigt, dass in der Vergangenheit bestimmte Menschen ernsthaft geschädigt wurden durch den Geistlichen, der unsere Gemeinde geführt hat." Die Strafe sei berechtigt. (red, APA, 6.11.2020)