Angehörige des äthiopischen Militärs machen sich auf den Weg Richtung Tigray.

Foto: Reuters / Tiksa Negeri

Addis Abeba – In Äthiopien hat das Militär nach Angaben der Regierung Teile des abtrünnigen Bundesstaates Tigray unter seine Kontrolle gebracht. Die feindlichen Truppen in der westlichen Region von Tigray seien besiegt worden, twitterte Ministerpräsident Abiy Ahmed am Donnerstag. Die Armee leiste nun humanitäre Hilfe und versorge die Bevölkerung mit Nahrung.

Den Tigray-Kämpfern warf er Gräueltaten während der vor rund einer Woche ausgebrochenen Kämpfe vor, die die Region am Horn von Afrika zu destabilisieren drohen. Eine unabhängige Überprüfung war nicht möglich. Eine Reaktion der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF), die den gebirgigen Bundesstaat im Norden Äthiopiens regiert, lag zunächst nicht vor. Allerdings verkündete die Regionalregierung den Ausnahmezustand, wie ihr Sender Tigray TV berichtete. Ziel sei es, sich gegen eine Invasion zu verteidigen, zitierte der Sender aus einer Erklärung.

Zivilisten als "Schutzschild"

Abiy zufolge wurden mehrere Regierungssoldaten in der Stadt Sheraro mit hinter dem Rücken gefesselten Beinen und Armen erschossen aufgefunden. Wie viele Leichen entdeckt worden seien, sagte er nicht. Er warf den Tigray-Kämpfern vor, Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. Laut staatlichen Medien kündigte Verteidigungsminister Kenea Yadeta an, in den von der Armee kontrollierten Teilen eine Übergangsverwaltung einzusetzen. 39 Mitgliedern des äthiopischen Parlaments, darunter dem Tigray-Regionalpräsidenten Debretsion Gebremichael, wurde die Immunität vor Strafverfolgung entzogen.

Die TPLF beschuldigt die Armee, bei der Bombardierung von Tigray "gnadenlos" vorzugehen. Seit Beginn der Kämpfe sind mehr als 10.000 Menschen aus Äthiopien in den Sudan geflohen. Hilfsorganisationen warnten, dass die Lage für die Bevölkerung in Tigray immer schlimmer werde. Schon vor dem Konflikt waren dort 600.000 Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Die Vertreterin des UN-Flüchtlingshilfswerks in Äthiopien, Ann Encontre, sagte Reuters, dass mit beiden Seiten Verhandlungen über die Öffnung von Versorgungskorridoren im Gange seien.

"Tigray ist von allen Nachschubwegen abgeschottet", sagte der Landesdirektor der Welthungerhilfe in Äthiopien, Matthias Späth. Man könne nur mutmaßen, wo die schweren Kämpfe stattfänden und wo Hilfskorridore eingerichtet werden könnten, daher gehe Späth "vom Schlimmsten aus".

Ethnischer Konflikt

In Tigray mit seinen mehr als fünf Millionen Einwohnern liefert sich die Zentralregierung in Addis Abeba seit Jahren einen Konflikt mit der TPLF. Dabei geht es um ethnische Spannungen zwischen den Tigrayern, die das Land über Jahrzehnte kontrolliert hatten, und Ministerpräsident Abiy Ahmed aus der Bevölkerungsmehrheit der Oromo.

Abiy ist seit April 2018 Ministerpräsident Äthiopiens. Zuvor war die TPLF die dominante Partei in der Koalition, die Äthiopien mehr als 25 Jahre lang mit harter Hand regiert hatte. Der von Abiy gebildeten Einheitsregierung trat die TPLF seinerzeit nicht bei. Abiy wurde für seine Bemühungen um eine Aussöhnung mit dem benachbarten Eritrea 2019 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Er hat Äthiopien zudem wirtschaftlich und politisch geöffnet, die ethnischen Unruhen aber nicht in den Griff bekommen.

Die von der TPLF geführte Provinzregierung hatte sich zuvor gegen die Verschiebung der äthiopischen Wahlen aufgrund der Corona-Pandemie gewandt und Anfang September gegen den Willen der Zentralregierung selbst eine Abstimmung abgehalten. Dabei soll die TPLF mit 98,2 Prozent gewonnen haben. Die Wahl wurde von Addis Abeba nicht anerkannt, finanzielle Hilfe floss ab da nicht mehr zur Provinzregierung, sondern zu lokalen Administrationen. Über die aktuelle Lage vor Ort ist wenig bekannt, da Internet und Telefonverbindungen unterbrochen und laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR die Stromversorgung gekappt und die Straßen blockiert sind.

Militärisches Arsenal in Tigray

Friedbert Ottacher, österreichischer Experte für Entwicklungszusammenarbeit, warnt vor möglichem Bürgerkriegspozential. Die Region Tigray, südlich von Eritrea gelegen, unterscheide sich von anderen unruhigen Regionen: "Ein Großteil des militärischen Arsenals des Landes befindet sich in Tigray, und weil viele Tigrayer früher führende Positionen im Militär hatten, gibt es auch genug Leute, die sich damit auskennen", erklärt Ottacher. Fachleute verweisen darauf, dass die militärische Stärke der Streitkräfte der Provinz und der Invasionstruppen der Zentralregierung ziemlich ausgeglichen sei.

"Wir gehen davon aus, dass große Ströme von Tigray nach Amhara und Afar schwappen", sagte Späth mit Blick auf die zwei an Tigray angrenzenden äthiopischen Regionen. Die Welthungerhilfe versuche sich darauf vorzubereiten, indem etwa Auffanglager identifiziert würden. In Tigray leben laut dem UN-Nothilfebüro ohnehin rund 200.000 Binnenflüchtlinge und Flüchtlinge. (rio, jod, APA, 12.11.2020)