Studie über Gewaltberichterstattung: Es muss erst ein Mord passieren

Reißerische Berichte über Gewalt gegen Frauen überwiegen klar, sexualisierte Gewalt wird oft erotisiert dargestellt, und den Tätern wird häufig eine Bühne geboten

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Aktion im Rahmen des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen am 25. November 2020 in Bonn. Über Gewalt zu reden ist zentral, wie das allerdings passiert, ist ebenso wichtig. Medien haben bei der Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen noch viel zu lernen.

Foto: imago images/serienlicht

Die mediale Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen ist bis heute voller Beispiele, wie man es nicht machen soll. Täter-Opfer-Umkehr sowie die Bagatellisierung von Gewalt mit Formulierungen wie "Wut aus verschmähter Liebe" oder "Eine lesbische Liebe brachte am Ende Hiebe" sind noch immer an der Tagesordnung. Ebenso wird insbesondere sexualisierte Gewalt laufend als solche sprachlich verschleiert. Eine Vergewaltigung wird zu einer "Sex-Attacke", ein Vergewaltiger zum "Sex-Täter".

Mit derlei Berichterstattung hat sich Media Affairs befasst. Die Medienanalyse-Agentur beschäftigt sich seit Jahren mit der Berichterstattung zu frauenpolitischen und geschlechterspezifischen Themen. Die aktuelle Studie untersuchte im Auftrag der Volksanwaltschaft und der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser (AÖF), wie häufig und in welcher Art und Weise Zeitungen über Gewalt an Frauen berichten und wie dieses Thema im politischen Diskurs verhandelt wird. Untersucht wurden Berichte aus "Krone", "Heute", Kurier", "Österreich", "Presse" und DER STANDARD aus dem Jahr 2019.

Überdeutlich hat sich gezeigt: Berichtet wird erst, wenn ein Mord passiert ist. Der nach Worten gewichtete Vergleich zeigt, dass Morde an Frauen mit knapp 1,5 Millionen Wörtern im Jahr 2019 den größten Anteil der Berichterstattung über Gewalt an Frauen haben. Zum Vergleich: Über physische Gewalt durch Schläge sind es nicht mal 110.000 Wörter. Vergewaltigungen kommen mit nur 90.000 Wörtern erst an vierter Stelle in der Berichterstattung über Gewalt an Frauen.

Voyeuristische und reißerische Berichte

"Es fehlt in der Berichterstattung der Blick auf die Alltagsgewalt, auf jene Gewalt, die in den eigenen vier Wänden passiert, in der Partnerschaft", sagt Maria Pernegger, Geschäftsführerin von Media Affairs und Studienleiterin, gegenüber dem STANDARD. Man könne nicht so tun, als wäre das ein individuelles Problem der betroffenen Frauen. "Wenn eine von fünf Frauen körperliche und psychische Gewalterfahrungen macht, dann ist das vielmehr ein überdimensioniertes Gesellschaftsproblem", so Pernegger.

Die Berichte zu Gewalt gegen Frauen fokussieren nur zu zehn Prozent auf Gewalt in den eigenen vier Wänden, obwohl dort Gewalt an Frauen am häufigsten stattfindet. "Psychische Gewalt in Form von Mobbing, Drohungen oder Freiheitsberaubung rückt so selten in den journalistischen Fokus, dass man meinen könnte, sie fände wenig bis gar nicht statt", heißt es in der Studie zu den medial kaum präsenten Gewaltformen.

Berichtet wird vorwiegend über Frauenmorde, über andere – vorangehende – Formen von Gewalt hingegen kaum.
Foto: Media Affairs

Jene Zeitungen, die häufiger über Gewalt an Frauen berichten, sind auch jene, die das in einer problematischen Art und Weise tun: "Österreich" ist absoluter Spitzenreiter bei der Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen, gleichzeitig ist die Boulevardzeitung auch klar an der Spitze, wenn es um voyeuristische und reißerische Berichte geht.

Strukturell gewachsene Machtgefälle und falsche Besitzansprüche begünstigen Gewalt gegen Frauen heute noch in schockierend hohem Ausmaß, so Maria Pernegger. "Medien sollten durch sachliche Darstellung und Aufklärung eigentlich einen Beitrag zur Primärprävention leisten. Ausgerechnet im reichweitenstarken Boulevard passiert aber meist das Gegenteil – hier werden besonders brutale Fälle von Gewalt zu oft ohne Rücksicht auf Opfer und Angehörige medial ausgeschlachtet."

Einzelfälle statt gesellschaftlichem Hintergrund

Bei "Österreich" wie auch bei der "Krone" liegt der Fokus auch auf Gewalt als "Einzelfall", beim "Kurier" halten sich der Fokus auf Gewalt als Einzelfall und Berichte von Gewalt gegen Frauen als gesamtgesellschaftliches Problem die Waage. Nur beim STANDARD und bei der "Presse" wird überwiegt über Gewalt an Frauen als gesamtgesellschaftliches Problem berichtet. In Summe ist das Verhältnis zwischen qualitativ guten und verzerrenden Artikeln unausgewogen: Nur 23 Prozent der Berichte über Gewalt an Frauen sind sachlich und neutral, während des Rest eine reißerische, voyeuristische Stoßrichtung aufweist.

In Boulevardzeitungen wird bei der Berichterstattung vor allem auf den Einzelfall fokussiert, nur STANDARD und "Presse" berichten vorwiegend über den gesellschaftlichen Zusammenhang.

Darunter fällt etwa auch, dass Gewalt gegen Frauen auf erotisierte Weise dargestellt wird, beispielsweise mit Frauen in Dessous. Auch wird Tätern oft eine breite Bühne geboten, und es wird ausführlich über ihre Perspektive berichtet – was letztlich zu einer Legitimation der Tat beiträgt. Als besonderes Negativbeispiel in der Gewaltberichterstattung nennt die Studie die Darstellung des Täters, der im Oktober 2019 in Kitzbühel fünf Menschen, darunter seine Ex-Freundin, ermordet hat. Neben dem enormen Berichtsvolumen – elf Prozent aller Berichte über Gewalt gegen Frauen handelten 2019 von diesem Fall – wurde dem Täter auch "durch detailreiche Ausführungen eine enorm große Bühne beschert". Die Boulevardzeitung "Österreich" schrieb etwa von "Wut aus verschmähter Liebe", dass der Täter "rasend vor Eifersucht" war. Somit wurde er als Opfer seiner "unerträglichen Emotionen dargestellt", wie es in der Studie heißt. Auch mit Einblicken in die Sicherheitszelle ("Österreich") des Täters würden Medien vor allem die Perspektive des Täters darstellen.

Über welche Opfer wird berichtet?

Am häufigsten wird über Gewaltbetroffene mit Migrationshintergrund geschrieben. In diesem Zusammenhang zitiert die Studie Emina Saric, Projektleiterin des Projekts "Heroes – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre", die berichtet, dass Frauen mit Migrationshintergrund durch die fehlende strukturelle Unterstützung besonders gefährdet seien. Ebenfalls besonders betroffen sind Frauen mit Behinderungen, die ein zwei- bis dreimal höheres Risiko haben, Gewalt zu erfahren. Im Gegensatz zu den betroffenen Frauen mit Migrationshintergrund wird allerdings über sie praktisch gar nicht berichtet.

Eine starke Schieflage zwischen dem herrschenden medialen Diskurs und den tatsächlichen Problemen zeigte das Jahr 2018 besonders stark. In diesem Jahr wurde im Schnitt alle neun Tage eine Frau ermordet, in den meisten Fällen durch den Partner oder Ex-Partner. Die parteipolitischen Debatten widmeten sich trotz der 41 Frauenmorde zehnmal intensiver der polarisierenden Kopftuchdebatte als dem Thema Gewalt gegen Frauen. (Beate Hausbichler, 26.11.2020)

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